BLOG

Jan 2008
09
Craig Gillespie: Lars and the Real Girl (USA 2007) (gesehen am 09.01.2007, Pressevorführung in Berlin, Gian-Philip)

Ryan Gosling könnte hier zu Lande längst berühmter sein als er es bislang ist. Man kennt ihn als Footballer aus „Gegen jede Regel“, als jugendlichen Mörder in „Mord nach Plan“ und als jungen Detective im 08/15-Hopkins-Krimi „Ein perfektes Verbrechen“; aber ehrlich: im Gedächtnis hängen blieb Gosling mit diesen Filmen nie.
Auch mit „Lars and the Real Girl“ wird ihm dies kaum gelingen, denn der Film ist kein Meisterwerk, aber immerhin ein sehr solider, sehr erquicklicher Independent-Film mit tröstlicher Botschaft. Gosling beweist hier „Mut zur Hässlichkeit“, denn er trägt einen unmodischen Bart, stapft mit schmierigem Seitenscheitel durch die Szenen und verpackt sich oft (denn es liegt die meiste Zeit über Schnee) in alberne dicke Jacken. Ein Sexsymbol sieht anders aus.

Lars ist ein Sonderling, in seinem Elternhaus hinter seinem schäbigen Wohn-Schuppen wohnen keine Eltern mehr, sondern sein älterer Bruder Gus (im Holzfällerhemd: Paul Schneider aus „Die Ermordung des Jesse James…“) samt schwangerer Gattin Karin (Emily Mortimer). Sie sorgen sich um den Sonderling. Als Lars ihnen urplötzlich, aber voller Freude seine neue Freundin, das „real girl“ aus dem Titel, vorstellt, passiert ungewöhnliches: Perplexität in Demonstrationsform, abzulesen an zwei Gesichtern. Denn das Girl ist eine Edel-Sexpuppe mit allem Pi, Pa und vor allem Po, pragmatisch bestellt im Internet. Schwägerin Karin lässt ihn daraufhin erst einmal bei Dr. Dagmar vorbeischauen, der gütigen Dorfärztin, gespielt von Patricia Clarkson. Und damit driftet der Film in zwei Richtungen: Die eine sorgt für skurrile Szenen am laufenden Band, denn auf Rat der Ärztin muss das ganze Dorf mit Ryan mitspielen und so tun, als lebe Bianca, die Puppe, wirklich.

Die zweite Richtung des Films entwickelt das Charakterdrama weiter: Ist Lars zu Beginn noch ein scheuer Sonderling, kommt man nach und nach seiner inneren Isolation auf die Spur. Und es ist klar, worauf der Film hinaus will. Durch seine Wahnvorstellung wird der zunächst als quasi nicht-existent lebende junge Mann zunächst zum Kuriosum, dann aber zum allseits betüttelten Dorfsympathen. Der Weg zur echt-menschlichen Liebe ist irgendwann auch nicht mehr weit. Schließlich steht Kollegin Margo schon seit langem bereit. Lars öffnet sich seinen Mitmenschen immer mehr, geht kegeln, legt eine annähernd flotte Sohle aufs Parkett, und Bianca erledigt sich allmählich von selbst – auch in Beziehungen zu Kunststoffpartnern kommt’s irgendwann zum Streit über die Dinge des Alltags.
Wenn Du einsam bist, mach was von Dir aus, ruft uns der Film aus der Feder von „Six Feet Under“-Autorin Nancy Oliver zu. Gib Liebe! Dann kommt sie auch zurück. Ein frommes Märchen, in jeder Hinsicht, und wenn es dann ins Kino kommt, im März, zwei Wochen vor „Half Nelson“, ist es den Zuschauern hoffentlich noch kalt genug, um von Lars’ Puppenromanze aufgewärmt werden zu können.



Ähnliche Beiträge:

Dieser Beitrag wurde unter Blog veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*