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Jan 2007
09
Clint Eastwood: Flags of our Fathers (USA 2006) (gesehen am 09.01.2007, Sneak-Preview, Christian)

Der junge Moderator der Preview-Veranstaltung hatte sich kurz vor Beginn des Filmes von den anwesenden Filmfreunden ausdrücklich nicht mit „viel Spaß beim Film“ oder mit „gute Unterhaltung“, sondern nur mit „bis nächste Woche“ verabschiedet. Ob er das Unheil kommen sah?

Spätestens als nach gefühlten 30 Minuten die Marine-Schiffe der US-Streitkräfte des Jahres 1945 auf der Leinwand an den Küsten Japans vor Anker gehen und nach der Erstürmung der Insel die ersten Gliedmaßen durch die Luft fliegen, hatten sich zahlreiche Zartbesaitete klammheimlich aus dem Kino geschlichen. Zuvor mussten sich etliche Filmfreunde heimlich in die Seite zwicken. War man bei diesem Film einem Déjà-Vu auf dem Leim gegangen? Nicht nur besagte Szene, also die Erstürmung der Insel, nein, bereits die ganze Vorgeschichte roch verdächtig nach Spielbergs „Der Soldat James Ryan“. Was nun, Clint Eastwood? Warum so einen großen Aufwand? Und das im fortgeschrittenen Alter von Anfang 70?

Der komplette erste Teil des knapp dreistündigen Films ist eine 1:1-Kopie des Spielbergs-Klassikers nur mit anderen Vorzeichen. Würde man den ersten Teil in Betrag setzen, bekäme man eine schlechte Kopie des Spielberg-Dramas zu Gesicht. Nur, dass hier kein Private Ryan gesucht, sondern ein unfreiwilliges Helden-Team gefunden wird. Und zwar geht es um die letzten drei Überlebenden, die 1945 auf einem Photo erkannt wurden, auf dem das Hissen einer Fahne zu sehen ist. Dieses Photo war nach Kriegsende um die Welt gegangen, weil es die kriegsmüden Amerikaner aufgebaut hat und weil sie dieses Photo unbedingt wollten. Der Rest der Erzählung ist pure Langeweile. Interviews mit beteiligten Überlebenden lösen die Dramatik in nachgestellten Kriegszenen ab, Szenen tiefer Freundschaft lösen die ganze Brutalität des Abschlachtens der Soldaten während der Schlacht von Iwojima ab. Knapp 20.800 Japaner (von 21.000!) und rund 7.000 Amerikaner hatten bei der blutigsten Schlacht des zweiten Weltkrieges ihr Leben verloren.

Eastwood wollte hier zuviel und hat sich schlichtweg verhoben. Dramaturgisch und erzählerisch. Das Mixen von verschiedenen Zeitebenen wirkt unausgegoren, der Film findet kein eigenes Zentrum und bleibt für den Zuschauer emotional meilenweit entfernt. Gegen Ende wird der Erzähler James Bradley (Tom McCarthy) plötzlich bestimmender. Ein K.O.-Schlag für den Rhythmus und für die atmosphärische Dichte. Eastwood ist kein Regisseur, der große Epen wuchten kann, ihm liegen mehr die kleinen Geschichten mit maximal zwei bis vier Personen. Man darf gespannt sein, wie der zweite Teil seiner Kriegsgeschichte montiert wird. Hier geht es um die Schlacht von Iwojima aus Sicht der Japaner. Natürlich im japanischen Original.



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