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Apr 2016
27
Café Waldluft

Ein kurzer Ausflug nach Berchtesgaden. Darauf hatte ich mich am Sonntagnachmittag gefreut. Zumindest im Kino. Und wenn dann noch die Dokumentation „Café Waldluft“ über den so genannten „Culture-Clash“ und die Flüchtlingsproblematik das hält, was der Trailer verspricht, sollte es ein unterhaltsamer Nachmittag werden. Sollte. Wurde es aber nicht. Was jedoch nicht allein am Film lag. Dazu im Einzelnen:

Die Unsitte, den Kinosaal zehn oder auch zwanzig Minuten nach dem offiziellen Filmstart zu betreten und das begonnene Gruppengespräch im Saal fortzuführen ist wohl weder Alters- noch Tageszeiten- oder Orts-abhängig. Kennt man. Aber sie nervt, die Unsitte. Immer wieder. Auch, wenn auf der Leinwand zunächst nur die Trailer und Werbungen lokaler Gastronomiebetriebe und Versicherungsmakler zu sehen sind. Kennst Du das auch? Ich mag Werbung. Und die Trailer sowieso. Letztere kennen Journalisten, die die Möglichkeit haben, Filme auch vormittags in den Pressevorführungen sehen zu können, ja sonst nur aus dem Internet.

Egal. Durchatmen. Zurück zum Film. Mit der ersten Szene seiner Dokumentation stimmt Autor und Regisseur Matthias Koßmehl, selbst aus der Region Berchtesgaden stammend, die Zuschauer auf Land und Leute ein. Passenderweise mit einer Kamerabegleitung eines Blaskapellen-Zuges durch die Innenstadt. In voller Montur. Also die Musiker. Mit Dirndl bei den Frauen und Lederhose bei den Männern. Brauchtum trifft auf Entwurzelung. „Fallhöhe“ schießt mir als erstes durch den Kopf. Denn mit leidenschaftlichen Vorträgen einer großen Portion „Lokalpatriotismus“ hatten schon ganz andere Dokumentationen zuvor Zuschauer in ihren Bann gezogen (u.a. z. Bsp. „Full Metal Village“).

Logisch, dass auf den Blaskapellen-Umzug ein Umschnitt auf einen etwa 7-jährigen schwarzafrikanischen Jungen folgt, der so garnicht in das Berchtesgarden Berg-Idyll passen will. Der Junge ist mit seinem Vater Bewohner des Berchtesgadener Traditionshotels von Flora Kurz, einer Wirtin, die ihr ganzes Leben im Café Waldluft verbracht hat. Seit zwei Jahren beherbergt sie Gäste aus Syrien, Afghanistan und Sierra Leone, die in Deutschland Asyl suchen. Und viele von Ihnen sind länger bei Flora, die von allen nur „Mama“ genannt wird, als ihnen lieb ist.

Immer wieder stellt Matthias Koßmehl, Jahrgang 1988, Gespräche von Touristen, Einheimischen und Bediensteten über die „neue Situation“ in Berchtesgaden den kurzen Interviewpassagen mit den Hauptdarstellern gegenüber. Er selbst ist in diesen Passagen nie vor der Kamera zu sehen. Mit den kargen Möglichkeiten des „Direct Cinema“, also ohne Kommentar, Musikuntermalung, künstliches Licht und Co. beobachtet Koßmehl das interkulturelle Miteinander unter Leitung der Inhaberin Flora Kurz. Zurückhaltend. Nie wertend.

Zum Glück bieten Frau Kurz und die wenigen Statements ihrer langjährigen Stammgäste genug Unterhaltungswert, um die Aufmerksamkeit und die Neugierde über die Laufzeit von 84 Minuten stets hoch zu halten. Dazu liefern die kurzen, intensiven Geschichten der Bewohner den nötigen Kontrapunkt, dem Thema angemessen. Doch die amüsanten Gegenüberstellungen gehen nicht in die Tiefe. Fragen beispielwseise zu Problemen mit den Dorfbewohnern gibt es keine. Zudem fällt Koßmehl auch visuell nur wenig zu der inhaltlichen hohen Amplitude zwischen Brauchtum und Entwurzelung ein. Somit bleibt die Dokumentation „Café Waldluft“ ein zwar unterhaltsamer aber doch eher leichter Beitrag zur Debatte um Asyl und Integration. Ein Zeitdokument, das positiv stimmt aber keine tiefen Spuren hinterläßt, fern jeder Empörungsrhetorik.

Und die Damen im Saal, die ihre Unterhaltung auch während des Films fortsetzten, wollten ihre Kommentare über die Protagonisten auf der Leinwand leider nicht nur leise untereinander austauschen. So machte dieser Ausflug nach Berchtesgaden an diesem Nachmittag nur ganz wenig Spaß.

 

 



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