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Feb 2015
14
Berlinale 2015 – Panorama Dokumente – B-Movie: Lust and Sound in West Berlin

Szene_Lust_SoundWer sich an die 80er erinnern kann, hat sie nicht erlebt„, wiederholt Musiker und Plattenproduzent Mark Reeder den abgenutzten Spruch. Genau darauf setzt die mit zahllosen Archivaufnahmen und -schnipseln, Nachinszenierungen und Zeitdokumenten unterfütterte Hommage an die West-Berliner Musikszene der Jahre 1979 bis 1989. Die über-hippe Berliner Bohéme, die der halbdokumentarische Retro-Trip als Hauptpublikum anvisiert, ist zu jung, um den Sound des Underground der letzten Teilungsjahre bewusst miterlebt zu haben. Wer heute steil auf die Sechzig zugeht, hat womöglich tatsächlich nur noch ein verblasstes Bild – und wenn nicht, warum den Eindruck, dass man zum genau richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort war und all die richtigen Leute kannte, korrigieren?

Was den cineastischen Club erst richtig geil (eines von Reeders Lieblingsworten und laut ihm eines der wichtigsten der West-Berliner 80er) macht, ist natürlich die Gästeliste: Nick Cave, Blixa Bargeld, Farin Urlaub, Bela B., Die Toten Hosen, David Bowie – und weil die wenigen Namen zu mickrig klingen, kommen noch ein paar nicht so geile oder total obskure hinzu: Westbam, Nena, Einstürzende Neubauten, Gudrun Gut, Christiane F. und der andere David (Hasselhoff). Der hat doch immerhin beim Mauerfall „Looking for Freedom“ gesungen und dabei eine geile Lederjacke mit blinkenden Lämpchen getragen!

Sowieso war die Mauer bekanntlich nur gefallen, weil Dr. Motte und rund hundert Raver die erste Love Parade abhielten. Überhaupt gab’s damals in den gegenwärtig begehrtesten und teuersten Ecken Berlins nicht nur Banker und Büro-Lofts, sondern richtige Wohnungen (keine Airbnb-Mietbuden!) und alle zu Spottpreisen. Aber Geld brauchte man sowieso kaum, die DDR-Diktatur war allen schnurzpiepe, die Sonne schien jeden Tag und die Rente war so sicher wie der Regen auf die Erde fällt. So wirkt es bei Reeder.

Außerdem brodelte alles vor Kreativität. Irgendwas brodelte auch in Klaus Maeck, der das Drehbuch geschrieben und mit Jörg A. Hoppe und Heiko Lange inszeniert hat. Die drei waren nämlich auch geil und mittendrin, sagt Sprecher und Hauptprotagonist Reeder: „We were there. I was there. And it was pretty fucking geil.“ Das hat am Ende selbst der letzte mitgekriegt. Die repetitive Egozentrik unterminiert für manche den Unterhaltungsfaktor der bunten Bilder, aber vielleicht ist es gerade diese hemmungslose Selbstbegeisterung, mit dem sich ein Hipster-Publikum identifiziert – was die Mockumentary zum heißen Kandidaten für den Panorama Publikumspreis macht. Es war nicht alles schlecht. Aber ob es wirklich so geil war?

Berlinale 2015 – Panorama Dokumente
Regie: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck
Deutschland 2015
92 Minuten

So. 08.02., 17:00h Kino International; Mo. 09.02., 12:00h CineStar7; Sa. 14.02., 22:30h CineStar 7

 

 



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