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Feb 2015
13
Berlinale 2015 – Generation 14 plus – „Flocken“ von Beata Gárdeler

Szene_FlockenEs gibt die Beute und es gibt die Jäger. Letztere treten in einer gespenstischen Szene aus dem Wald und erschließen ein neues Revier: das Grundstück der jungen Jennifer (Fatime Azemi), die für den Bruch ungeschriebener Gesetze sozial gerichtet wird. Die Täter tragen Tiermasken, doch nicht das Animalische bricht in Beata Gárdelers Flocken (The Flock) hervor, sondern das spezifisch Menschliche: Perversion, Sadismus und Bigotterie, die das Tatsachen-Dramas zum sozialen Horrorfilm machen.

Die Regisseurin und Drehbuchautorin demaskiert in ihrem eindringlichen Jugenddrama klerikal getragenen Kollektivismus und alltäglichen Sexismus als das Monströse einer Gesellschaft, deren fragwürdige moralische Leitfiguren ihre Herde am Ende dafür loben, dass sie bewiesen habe „was Gemeinschaft erreichen kann“. Beschämender als die mit kühler Präzision aufgezeigte Mob-Mentalität ist deren Beiläufigkeit. Für ihre Klassenkameraden, Lehrer und den Pfarrer, selbst für ihre Mutter und kleine Schwester ist die 14-jährige Jennifer eine „verlogene Hure“, „Schlampe“, „was für ein Freak“.

Geworden ist sie dazu an dem Tag, als sie ihren gleichaltrigen Mitschüler Alex der sexuellen Nötigung bezichtigt hat. Alex‘ Mutter Susanne (Eva Melander) und Jennifers ehemalige Freundinnen fragen, was sie eigentlich habe: will sie sich an Alex rächen? Sich wichtig machen? „Alles wird gut. Wir bringen das in Ordnung“, versichert Susanne ihrem Sohn, der dumpf vor sich hin schweigt. Auch Jennifer spricht wenig, doch ihre Wortkargheit ist voraussehend. Sie kennt das Kollektiv, in dem sie aufgewachsen ist, scheint von vornherein zu wissen, dass ihr niemand beistehen wird. Die Handlung spielt nicht im Bible Belt der USA, sondern im liberalen Schweden.

Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen gehört ebenso selbstverständlich zu unserem Alltag wie die Stigmatisierung von Frauen (insbesondere auch durch andere Frauen), die ihre Sexualität selbst bestimmen wollen: sei es privat, beruflich oder indem sie aus der Opferrolle ausbrechen. Susannes „Free Alex“-Blog bringt diese Haltung auf den Punkt: „Huren sind zum Vergewaltigen da.“ Die Misogynie ist omnipräsent, wie die emotionale Brutalisierung. Die traute Kommune ist ordinär, hinterhältig und zutiefst verroht. Man quält und tötet Tiere zum Vergnügen, bei der Fabrikarbeit oder wie Alex Vater, um Druck abzulassen. Im Kontrast zur offen gelebten Aggression steht Jennifers stille Wut, die ein Ventil sucht – und findet. In einer frühen Szenen ließt Jennifers Klasse einen bezeichnenden Satz aus „The Lord of Flies“. Doch die tiefere Botschaft jeder Pflichtlektüre reicht immer nur so weit wie der Intellekt der Leser.

Berlinale 2015 – Generation 14 plus
Regie: Beata Gárdeler
Schweden 2015
110 Minuten

So. 08.02., 20:30h Haus der Kulturen der Welt; Di. 10.02., 16:30h Cinemaxx 3, Do. 12.02., 15:30h Cubix 8

 



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