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Feb 2015
16
Berlinale 2015 – Forum – Le Dos Rouge von Antoine Barraud

Szene_Les_rougeDer dem Griechischen entstammende Begriff „Monster“ bedeutet Zeichen oder Vorzeichen. Das Monströse, als das oft an Missbildungen oder seltenen Krankheiten leidende Individuen wahrgenommen wurden, trat auf, um auf ein bedeutsames Ereignis hinzuweisen oder zu warnen. Furchteinflößend ist ursprünglich nicht das Monstrum, sondern das, was sein Auftauchen ankündigt. In diesem Sinne ist der Hauptcharakter von Antoine Barrauds Schein-Dokumentation ein Monster, wie er es zugleich in Museen auf Kunstdarstellungen sucht.

Der etablierte Regisseur Bertrand (Regisseur Bertrand Bonello, der zuletzt 2014 „Saint Laurent“ auf der Berlinale vorstellte) durchstreift mal allein, mal begleitet von ähnlich exzentrischen Schauspielerinnen und Gefährtinnen (Jeanne Balibar, Sigrid Bouaziz) weltberühmte Galerien und Sammlungen. Deren Schätze fesseln nicht nur die Kamera mehr als die spröden Protagonisten, die Bertrand auf seiner Suche beraten. Für seinen nächsten Film mit dem Thema Monstrosität sucht er ein repräsentatives Abbild eines Monsters.

Über zwei Stunden wandern die Figuren interpretierend durch den Louvre, das Musee Gustave Moreau und zu eigentümlichen Treffen, wo bewundernde Journalisten, Zufallsbekanntschaften und sogar Charlotte Rampling Gäste sind. Der Plot mäandert durch die heiligen Hallen der Kunst, während Barrauds Geschichte ihr Ziel aus den Augen verliert. Nicht besser ergeht es Bertrand, der vergeblich nach dem idealen Werk sucht, während auf seinem Rücken ein seltsamer Ausschlag zu wuchern beginnt. Ein befreundeter Arzt im Ruhestand (Barbet Schroeder), bei dem Bertrand vorstellig wird, verweigert die Behandlung, daBertrand wolle, dass er „seinen Rücken betrachte wie ein Kunstwerk.“ Der Vorwurf, der in einen kuriosen Trotzakt mündet, rührt an den Kern des Geschehens. Bertrand ist das Monster, seine Suche eine Selbstsuche. Doch wie viele mythologische und historische Gestalten vor ihm vermag er das Omen, dass sich rot auf seinem Rücken abzeichnet, nicht zu deuten. Für Außenstehende ist die psychosomatische Parabel weit offenkundiger.

Der egozentrische Protagonist will für sich die intensive Beschäftigung und Verehrung, die seine vorzugsweise weibliche Gesellschaft grandiosen Gemälden und Skulpturen entgegenbringt. Er liebt die Kunst, aber er ist ein eifersüchtiger Liebhaber. Durch einen Film die Aufmerksamkeit seines Umfelds auf ein ausgewähltes Werk zu lenken, hieße gleichzeitig, sie von seiner Kreativität weg zu lenken. Solange aber kein Objekt als Zentrum seines Filmprojekts festgelegt ist, richtet sich der Fokus auf ihn. Indem er einen unbeachteten Kunstgegenstand in seinem Projekt neu präsentiert, kann sich Bertrand als dessen Mitschöpfer fühlen. Seine Eifersucht gilt neben den detailliert analysierten Kunstwerke den Künstlern, an die er nicht heranreicht. Differenzierende Brüche findet sich in dem zweischneidigen Porträt kaum, dafür viel von Barrauds Bewunderung für den erfolgreichen Kollegen Bonello. Der wiederum spreizt sein Ego, bis anfängliches Interesse zu Überdruss wird. Selbstreferenz ist nun einmal nicht Selbstreflektion. Und Kunst lässt sich nicht einfach erschaffen, indem man Kunstwerke abbildet.

Berlinale 2015 – Forum
Regie: Antoine Barraud
Frankreich 2014
127 Minuten

 




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