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Dez 2015
20
„4 Könige“ von Theresa von Eltz

Endspurt. Bis zur Abgabe der Bestenliste noch schnell die Filme sehen, die vermeintliche Kandidaten dafür sind. Das hatte ich mir an diesem Wochenende vorgenommen. Dazu zählte auch das Psychiatrie-Drama „4 Könige“ von Theresa von Eltz. In diesem Fall handelt es sich jedoch nicht um eine Sichtung, es ist mehr eine Rückbesinnung. Denn „4 Könige“ hatte ich bereits gesehen. Aber das Jugenddrama war im November nach der Pressevorführung zu schnell in meiner Erinnerung verblasst. Warum verblasst bzw. entschwunden? Weil mir das Drama vor wenigen Wochen zu romantisiert vorkam. Mit seinen vier unterschiedlichen Projektionsflächen, die von vier überzeugenden deutschen Jungdarstellern auf der Leinwand gespiegelt werden.

Eine davon ist die selbstbewusste Trotzigkeit, im Körper von Jella „Chantal“ Haase. Neben ihr treffen zudem die verängstigte Schüchternheit, die unkontrollierbare Aggression und die selbstlose Hilfsbereitschaft im offenen Vollzug einer deutschen Jugend-Psychiatrie aufeinander. Beginnend mit der selbstlosen Hilfsbereitschaft im Körper von Alex, gespielt von Paula Beer. Weil sich ihre getrennt lebenden Eltern im Streit kurz vor Weihnachten nicht auf ihr Besuchsrecht für die Tochter einigen können, war Alex aus dem fahrenden Auto ihres Vaters gesprungen. Aber das erfährt der Zuschauer erst sehr viel später. In einer kurzen mündlichen Nachreichung. Überhaupt spielt der Grund des Aufenthaltes ihrer Protagonisten in der Psychiatrie für Drehbuchautorin und Regisseurin Theresa von Eltz nur eine untergeordnete Rolle. Vielmehr geht es ihr um die Beziehung zwischen Patienten und Klinikleitung, womit ihr Drama Anleihen an Meisterwerke wie beispielsweise „Einer flog übers Kuckucksnest“ von Milos Forman oder auch „Garden State“ von Zach Braff nimmt.

In der Psychiatrie angekommen wird zunächst das Anstaltsleben skizziert, das in den kargen Fluren mit zahlreichen Räumen bei Theresa von Eltz fast wie ein dokumentarisches Kompendium anmutet. Wärmende Farbtupfer setzen hier allein die Therapeuten wie Dr. Wolf (Clemens Schick) oder auch Krankenschwester Simone (Anneke Kim Sarnau). Sie versuchen auf ihre Art, dem stillgelegten Leben ihrer Patienten einen halbwegs geordneten Rahmen zu geben. Doch aus diesem gibt es immer wieder unkontrollierbare Ausflüge, wenn beispielsweise die verängstigte Schüchternheit in Person von Fedja (Moritz Leu) auf die unkontrollierbare Aggression von Timo (überzeugend: Jannis Niewöhner) trifft.

Durch die sparsame Verwendung von eindeutigen Signalen nimmt der Zuschauer die Rolle des Beobachters ein, am einfachsten die des mit einer langen Hand agierenden Psychiaters Dr. Wolff. Der Zuschauer wird zum Beobachter, der sein eigenes Urteil darüber fällen darf, ob viel oder wenig Freiheiten dem explosiven Quartett gut tun. Der verantwortliche Dr. Wolff hat sich längst entschieden – für sehr viel Freiheiten und er geht damit über die Weihnachtstage ein Wagnis ein, das nicht von allen Klinikverantwortlichen geteilt wird und natürlich zu einigen Unfällen führen muss.

Nach diesen Vorfällen werden beim Zuschauer Emotionen geweckt, ohne gleich Lösungen parat zu haben. Klar ist lediglich, dass nicht nur die Eltern der „Vier Könige“ versagt haben, sondern auch das behandelnde System, in das sie geraten sind. Wie groß ist wohl die Wahrscheinlichkeit in Deutschland, auf einen experimentierenden Arzt zu treffen, der die Hoffnungen und Sehnsüchte, die Verzweiflung und die Wut seiner Patienten mit großer Kompetenz ordnen bzw. „normalisieren“ kann? Weil die vier „Könige“ im Film nach diesen wenigen Weihnachtstagen zu der Einsicht gelangen, dass eine „Heilung“ nur im Team funktionieren kann, zeichnet Theresa von Eltz im Innern ein arg romantisiertes aber im Äußeren gleichwohl ein sehr pessimistisches Bild der deutschen Jugendpsychiatrie.

 




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