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MEHRFILM-BLOG - JEDE WOCHE NEUE FILME IN DER KURZÜBERSICHT

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Kurzkritiken: Albert Schweitzer, Alvin und die Chipmunks 2, Fame

gesehen am 04.01.2010

Das Weihnachtsessen ist verdaut, die Ruhe nun vorbei. Ein neues Jahr, eine neue Dekade. Für die Wochenzeitung gab es vier neue Filme: Albert Schweitzer, Alvin und die Chipmunks 2, Nanga Parbat und Fame. Zu Joseph Vilsmaiers Bergsteigerdrama hatte ich mich schon ausgelassen (siehe unten) deshalb hier alle anderen Filme in der Kurzkritik:

Gavin Millar: Albert Schweitzer (Deutschland, Südafrika 2009)

Die Kamera fliegt in der ersten Szene über ein wunderschönes Paradies seitens der Ufer eines Flusses. Hier scheint der Kalte Krieg noch kein Zuhause gefunden zu haben. Der Arzt Albert Schweitzer schon. Dank mehrerer Bücher über seine Erlebnisse und Kenntnisse sowie seiner Philosophie der `Ehrfurcht vor dem Leben`, die er in seinem Urwald-Hospital Lambarene verwirklicht, ist der Arzt, Organist und Philosoph hoch angesehen in der Welt. Ein sehenswerter Film, vielleicht etwas zu hölzern und Figuren-verliebt inszeniert aber insgesamt zwei spannende Lehrstunden über einen wissenshungrigen Menschen, schauspielerisch überzeugend und gekonnt bebildert.

Betty Thomas: Alvin und die Chipmunks 2 (USA 2009)

Weil Ersatzvater Dave (Jason Lee) nach einem Unfall im Krankenhaus liegt, bekommen Alvin und seine beiden Brüder mit Daves Cousin Toby (Zachary Levi) einen neuen Betreuer. Der allerdings ist so liebenswert wie überfordert. Damit sind die drei auf sich allein gestellt: In der Schule, wo Alvin über seine neuen coolen Freunde aus dem Footballteam seine Brüder vergisst sowie im Popbusiness, wo ihr alter intriganter Manager mit den Chipettes, drei süßen Chipmunkgirls, echte Konkurrenz aufgebaut hat. Getreu der Regel, dass Fortsetzungen immer misslingen, geht auch diesem zweiten Teil recht schnell die Puste aus. Mimisch zwar überzeugend und gekonnt animiert, wird Teil zwei lediglich durch ein weibliches Pendant, die Chipettes, aufgepeppt, das nur in Sachen Heliumgesang den Jungs hüftschwingend Konkurrenz macht. Bestenfalls im Alter von 8 bis 12 genießbar.

Kevin Tancharoen: Fame (USA 2009)

Was für ein Ärgernis: Das Original von Alan Parker, das auch eine sehr sehenswerte TV-Serie nach sich zog, war so etwas wie eine frühe Vorwegnahme des Casting-Booms der Nullerjahre. Ein großartiger, sehr erfolgreicher Film. Das 2009er Update will eine 1zu1 Kopie des Originals sein. Junge Künstler treten in einen Wettbewerb um Ruhm und Glamour an der New Yorker Highschool (of Performing Arts), nur wenige werden ausgewählt. Das Remake des 25-jährigen Jungregisseurs Kevin Tancharoen ist eine Katastrophe, die das Original zutiefst beleidigt. Mehrere Musikvideos, wild hintereinander geschnitten. Schnell vergessen.

Eintrag im Filmarchiv

Spike Jonze: Wo die wilden Kerle wohnen (USA 2009)

gesehen am 26.12.2009 in Münster, Christian

Leider habe ich Maurice Sendaks illustriertes Kinderbuch "Where the wild things are" noch nicht gelesen bzw. gesehen. In den Vereinigten Staaten kennt es angeblich jedes Kind. Gemeinsam mit Autor Dave Eggers hat Traumbastler Spike Jonze ("Being John Malkovich") das Buch in seine kreativen Hände genommen und aus diesem lakonischen Klassiker einen Kinderfilm für Erwachsene geformt. Entstanden ist ein sorgfältig inszeniertes und erstaunlich unverspieltes Rührstück über das unglückliche Bewusstsein wilder Kreaturen. Kreaturen, die hier übrigens auch weiblich sein dürfen, also nicht nur "Kerle" sind, wie uns der deutsche Filmtitel weiß machen will. Bei Sendak sind die Monster gutmütige Untertanen ohne individuelle Psychologie. Sie entstammen der Phantasie des sensiblen aber ungestümen Max, der aus seinem Kinderzimmer herbeigesegelt kommt und umgehend zum König der Kreaturen gekrönt wird. Mit schlichten Kommandos („Wir machen Lärm!“) löst er allgemeine Hochstimmung im Stamm aus, von sich anfänglich abzeichnenden Depressionen und Ich-Krisen keine Spur (mehr).

Die Kreaturen danken es dem unter einer Scheidung leidenden neunjährigen Max mit Freundschaft und Gehorsam. Bis Max erkennen muss, dass es auch Zuhause jemanden gibt, der auf ihn wartet und ihn bedingungslos liebt. Jonze und Eggers zeichnen die Radaubrüder als schwermütige Erwachsene, denen das Mittel zum Glücklichsein vorenthalten wird. Ihre Verfilmung ist eher als klassischer, nachdenklicher Fantasyfilm angelegt, mit physisch inszenierten Live-Action-Puppen von Jim Henderson (Muppets Show) und demonstrativ zurückhaltendem Einsatz digitaler Effekte. Die typischen Merkmale eines Kinderfilms (wie er in Europa vermarktet wird) sind bei Jonze diskret in den Hintergrund gerückt. Dazu passt auch der melancholische Film-Soundtrack von Yeah-Yeah-Yeah-Frontfrau Karen O.. Diese vordergründige Melanchlie und Ernsthaftigkeit sahen die Verantwortlichen der Produktionsfirma anfänglich gar nicht gern und wollten, dass der Film umgeschrieben wird. Gut, dass das Erfolgsteam Jonze/Eggers größtenteils bei ihrer Schnittfassung geblieben ist. Ein großartiger Film.

Eintrag im Filmarchiv

Weihnachten 2009/2010 im Kino

gesehen am 25 und 26.12.2009, in Münster, Christian

Wer die Familie, also Geschwister, Eltern und die Schwiegereltern über die Festtage zu Besuch hat, der überlegt sich natürlich ein Programm. Als Filmfan, der mit und vom Kino lebt, muss man oft nicht lange nachdenken: Ins kuschelige Kino sollte es gehen. Doch in welchen Film? Die Wahl des richtigen Films, die schon bei Paaren oft in kleinen Dramen vor der Kinokasse enden kann, darf an diesen Tagen keinesfalls zu Streitigkeiten führen. Deshalb: Vor dem Kauf der Tickets den Film gemeinsam auswählen. Bei einem vorhandenen Altersspektrum von 27 bis 75 Jahren haben wir uns, auch aus Aktualitätsgründen für die Filme "Soul Kitchen" von Fatih Akin und "Wo die wilden Kerle wohnen" von Spike Jonze entschieden. Die Geschichte über die Rettung eines Restaurants von Fatih Akin wurde mit den Eltern geschaut, der Spike Jonze Film am Tag danach - ohne die Eltern. Eine gute Entscheidung. Da ich die Komödie von Fatih Akin schon gesehen hatte, war ich mir sicher, dass auch Geschwister, Eltern und Schwiegereltern den Film mögen werden. Auch weil der Film über den Restaurantbesitzer Zinos dem Zuschauer schmeichelt und eine außerordentlich gute Stimmung verbreitet. Denn was gibt es Schlimmeres, als die Familie an Weihnachten in ein zwar sehenswertes aber schwermütiges Drama einzuladen?

"Und was muss ich von dem Film nun mitnehmen?" fragte mich mein Vater nach dem Kinobesuch. "Nur eine gute Stimmung, denn das war eine Komödie eines filmverrückten Regisseurs, die sich dem Zuschauer an den Hals wirft" antwortete ich. "Dann war das ein guter Tipp" erwiderte er immer noch mit einem frühlichen Grinsen im Gesicht.

Eintrag im Filmarchiv

Martin Provost: Seraphine (Belgien, Frankreich 2008)

gesehen am 21.12.2009, Münster, Christian

Wer sich ein- oder vielleicht auch schon mehrmals gefragt hat: Woran erkenne ich eigentlich gute Kunst?, dem empfehle ich zur Zeit zwei Weiterbildungsmaßnahmen: Zum einen die nett gemeinte TV-Sendung des SWR "Nie wieder keine Ahnung" (Aufnahme zum Beispiel über Save.tv) und zum anderen diesen Film. `Seraphine` ist ein Biopic über die gleichnamige Malerin, die später unter dem Namen Séraphine de Senlis bekannt wurde. Der Film nähert sich der Hauptperson durch eine zweite wichtige Figur: Im Sommer 1912 mietet sich der deutsche Kunsthändler und Autor Wilhelm Uhde (Ulrich Tukur in einer Art Fortsetzung seiner Filmfigur in Hanekes "Das weiße Band") mit seiner Schwester Anne Marie (Anne Bennent) in einem Haus in Senlis, einem Örtchen nördlich von Paris, ein. Die Vermieterin stellt ihm als Haushaltshilfe die Einheimische Séraphine Louis (Yolande Moreau) zur Seite. Und wie es der Zufall will, entdeckt Uhde das künstlerische Talent seiner Haushaltshilfe und begeisterten Malerin, deren Mentor er wird.

`Seraphine` ist der erste Spielfilm des französischen Theater- und Filmschaffenden Martin Provost. Das ist beachtlich, denn Provost macht mit diesem schwer zu inszenierenden Biopic nur sehr wenig Fehler: Er zieht seine Protagonistin nicht auf die Psycho-Couch oder findet lediglich Bilder zu entscheidenden Lebenssituationen. Mit seinem Biopic wirft er vielmehr zentrale Fragen der Kunstkritik auf. U.a.: Was ist Kunst? Diese Frage dürfte jeder Zuschauer nach dem Film unterschiedlich beantworten. Mit seiner herausragenden Darstellerin Yolande Moreau, die man vielleicht noch aus der belgischen Groteske "Louise Hires a Contract Killer" kennt, räumte Provost in diesem Jahr gleich sieben `Césars` ab. Und das völlig zurecht. Sehenswert.

Meine besten Filme 2009

erstellt am 18.12.2009, Münster, Christian

So, meine Liste mit den besten Filmen des Jahres ist fertig. Viel zu früh allerdings. Denn drei sehr gute Filme habe ich noch nicht gesehen. Das sind Spike Jonze´s "Wo die wilden Kerle wohnen", Kathryn Bigelows "The Hurt Locker" und Woody Allens "Whatever works". Es kann sein, dass meine Liste für die Wochenzeitung deshalb anders aussehen wird als die Liste für mehrfilm.de. Denn die drei Filme werde ich mir zwischen den Feiertagen auf alle Fälle noch anschauen. Sei´s drum. Im Laufe der Vorbereitung auf meine Liste habe ich natürlich auch bei Kollegen reingeschaut, ob sie ihre Listen schon fertig bzw. schon veröffentlicht haben. Ja, ich bin neugierig. Wohl berufsbedingt. Und ich liebe Listen.

Eine sehr interessante Liste habe ich jüngst beim Kollegen Ekkehard Knörer (ehemals jump-cut, immer noch taz, jetzt cargo) gefunden. Er hat unter anderen auch seine Kollegen Michael Althen (FAZ) und Cristina Nord (taz) nach ihren besten Filmen befragt. Ganz oben an erster Stelle liegt hier "The Hurt Locker" von Bigelow. Die Liste gibt es übrigens hier.... Schon allein deshalb muss ich mir den Film unbedingt noch ansehen. Wenn ich auch die Listen der Kollegen von mehrfilm.de habe, werde ich sie veröffentlichen. Das wird wohl Anfang Januar der Fall sein. Bis dahin habe ich noch genug Zeit, mir besagte Filme anzusehen.

John Musker, Ron Clements: Küss den Frosch (USA 2009)

gesehen am 14.12.2009, Münster, Christian

Der neue Disney stand heute für eine Kritik für das Stadtmagazin auf dem Stundenplan. Kollegen hatten mir schon vor einer ganzen Weile den Film wärmstens ans Herz gelegt. Eine Euphorie, der ich anfänglich nur mit Skepsis begegnen konnte, denn ein großer Dinsey-Fan war ich nur etwa bis zum Alter von etwa 14. Doch die Kollegen sollten Recht behalten. Mit Ex-Pixar Chef John Lasseter als ausführenden Produzenten am Ruder steuert der große Dinsey-Konzern (zu dem auch die Tricktechnikschmiede Pixar gehört) scheinbar zurück in alte 2-D Zeiten. "Für manche Stoffe sei das gute alte Handgezeichnete, ohne Computer und in 2D, immer noch am geeignetsten" gab John Lasseter unlängst bekannt. Eine Rückbesinnung zur alten Stärke, die sich in "Küss den Frosch" voll auszahlt.

Das bekannte Märchen vom Frosch und der Prinzessin wird ins New Orleans der 1920 Jahre verpflanzt: Kellnerin Tiana muss für ihren Traum, ein eigenes Restaurant, schwer schuften; ganz im Gegensatz zu ihrer Sandkastenfreundin Charlotte, die einer wohlhabenden und einflussreichen Familien angehört. Eines Tages trifft Prinz Naveen in New Orleans ein und lässt sich durch seine sorglose und leichtgläubige Art auf die Voodoo-Zauberei des hinterhältigen Dr. Facilier ein. Aufgrund eines bösen und geldgierigen Plans verwandelt er den Prinzen in einen kleinen, schleimigen Frosch. Durch einen Kuss einer Prinzessin möchte der verwandelte Prinz Naveen - ganz wie im Märchen - versuchen, wieder ein Mensch zu werden. Doch nicht alles verläuft wie im Märchen ...

Genau dieser Punkt, zusammen mit der dunklen Hautfarbe der Hauptdarstellerin (ungewöhnlich in einem Disney-Zeichentrickfilm), den herausragenden 2-D-Animationen und einem von Randy Newman komponierten Musical-Score – Vergangenheit und Gegenwart kommen hier perfekt zusammen - machen "Küss den Frosch" zu einem der besten Disney-Filme seit "Die Schöne und das Biest".

Eintrag im Filmarchiv

Eva Dahr: Das Orangenmaedchen (Norwegen, Deutschland, Spanien 2009)

gesehen am 13.12.2009 in Münster, Christian

Die Verfilmung eines Weltbestsellers. Keine leichte Aufgabe für einen Filmemacher oder eine Filmemacherin. Leider habe ich das Buch von Jostein Gaarder nicht gelesen. Aber ich habe es mir erzählen lassen. Eva Dahr verfilmt die Geschichte von Jan Olav (Harald Thomson Rosentroem), der gerade 16 Jahre alt geworden ist. Zum Geburtstag erhält er, neben einem neuen Handy, auch Briefe seines vor zehn Jahren verstorbenen Vaters. Zu Anfang enttäuscht über diese lange Verzögerung, nimmt Jan Olav die Briefe mit auf eine Reise nach Nordnorwegen, auf ein langes Wochenende in die Berge. Hier wollte er ursprünglich mit einem Freund einen seltenen Kometen beobachten. Doch die Briefe seines Vaters, in denen beschrieben wird, wie dieser einst die große Liebe seines Lebens kennen lernte, sind zunächst viel spannender als das verdeckte Sternenbild. Beeindruckt von den schönen Worten lernt Jan am Ende seiner Reise selbst die große Liebe seines Lebens kennen.

Regisseurin Eva Dahr versucht, den schönen Worten von Jostein Gaarder aus seinem gleichnamigen Bestseller mit einer weiteren Liebesgeschichte und mit reichlich Licht- und Schattenspielen entgegen zu treten. Das gelingt ihr mit dieser Verfilmung, die mehr behauptet als erzählerisch und visuell überzeugt, leider nicht. Der Film wirkt zwar ambitioniert, er schafft es aber nicht, die Liebesgeschichte glaubhaft zu transportieren.

Das Buch hat meiner Frau gefallen, die Verfilmung von Eva Dahr werde ich ihr nicht empfehlen. Das Orangemädchen ist am 10.12.2009 in Deutschland gestartet.

Eintrag im Filmarchiv

Joseph Vilsmaier: Nanga Parbat (Deutschland 2009)

gesehen am 11.12.2009 in Münster, Preview, Christian

Nachdem die ersten Worte für die Rezension zu James Camerons "Avatar - Aufbruch nach Pandora" auf der Rückfahrt aus Düsseldorf im Zug in meinem Kopf herum geisterten, war ich erleichtert, dass ich zuvor ein Video-Interview mit Jack Ketchum und Andy van Houten zu ihrem Film "Beutegier" erfolgreich fertig geschnitten und an an das Online-Portal Filmstarts.de verschickt hatte. Eine Erleichterung, die nur noch von der nächsten Vorfreude auf ein Interview abgelöst werden konnte. Denn am Abend hatte ich mich für ein Interview mit Joseph Vilsmaier und die Premiere seines neuen Bergsteiger-Dramas "Nanga Parbat" angemeldet.

Nach der Kritik zum 3-D Indianer-Ökothriller-Western von Cameron ging es ins Cineplex zu Joseph Vilsmaier. Der bärtige Bayer war an diesem Tag aus Freiburg angereist, wo er erstmals seinen neuen Film "Nanga Parbat" dem Publikum vorgestellt hatte. Die Stimmung war gelöst, Vilsmaier hatte eine nette Repräsentantin eines Sponsors und einen jungen aber erfahrenen Bergsteiger mitgebracht. Insgesamt ein schlagfertiges Team, das alle Fragen zum Film beantworten konnte. Selbst die, ob man den Tatsachen, die mit einer Kino-Auswertung ihren finiten Charakter bekommen und die hier erzählt werden (Absturz des Bruders von Reinhold Messner am Nanga Parbat 1970) ohne Zweifel Glauben schenken darf. Vilsmaier reagierte hier besonders ausführlich.

Sein Film ist - ohne Wohlwollen - eine kleine Enttäuschung. Das Talent des ehemaligen Kameramannes (`Auf Achse`) scheint nach Filmen wie "Herbstmilch" oder vielleicht auch noch "Comedian Harmonists" aufgebraucht. Bereits sein letzter Film "Der letzte Zug" war eine Frechheit, "Nanga Parbat" ist ein knapp 3 Millionen Euro teures Bergsteiger-Urlaubsvideo aus Pakistan. Abgesehen von Florian Stetter in der Rolle des Reinhold Messner (Messner war übrigens am Drehbuch beteiligt!) wirken die Darsteller fehlbesetzt und unterfordert. Da konnten selbst die teilweise beeindruckenden Luftaufnahmen vom Parbat und aus den tiroler Alpen nicht mehr viel retten. Schade. Immerhin gab es ein ehrliches Interview mit dem Regisseur (das auf Echo-Muenster.de zu lesen ist) und ein kleines Präsent vom Sponsor zum Abschluss. Egal. Dieser Tag konnte trotz des schlechten Films gar nicht schlecht enden.

Der Film "Nanga Parbat" läuft am 14. Januar 2010 bundesweit in den Kinos an.

Eintrag im Filmarchiv

James Cameron: Avatar - Aufbruch nach Pandora (USA 2009)

gesehen am 11.12.2009 in Düsseldorf, Pressevorführung, Christian

Tagebuch eines Kritikers. Es gibt immer mal wieder diese besonderen Tage im Leben eines Journalisten. Tage, an denen man seinen Beruf noch mehr liebt als sonst. An denen ein Projekt erfolgreich abgeschlossen wird, ein tolles Event ansteht, auf das man sich schon seit Tagen freut oder ein nettes Interview geführt wird, dessen Ausgang man vielleicht so nicht erwartet hätte. Heute war so ein Tag. Denn ist all das passiert. Aber der Reihe nach.

Bevor ich mich auf den Weg nach Düsseldorf gemacht habe, zur Pressevorführung, hatte ich mich sicherheitshalber noch einmal telefonisch rückversichert, ob meine Anmeldung per Mail auch tatsaächlich angekommen ist. Leider hatte ich in letzter Zeit immer mal wieder Probleme mit meinem Mail-Versand, weil meine Adresse oft als Spam erkannt wird. Dankenswerterweise hatte die nette Pressedame von Twentieth Century Fox noch einmal nachgesehen und mir grünes Licht für die unter strengen Sicherheitsvorkehrungen stattfindende Preview gegeben. "Wir freuen uns auf Ihren Besuch, Herr Gertz." Toll. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen verschärften sich noch vor Ort des Geschehens, vorm Kinosaal in Düsseldorf und auch während der Vorführungen. Schließlich ging es um den neuen Film von James Cameron. Die letzten Filme des Kanadiers waren jeweils die teuersten Filme der Filmgeschichte und auch mit seinem neuesten, Avatar - Aufbruch nach Pandora, wollte Mr Cameron in dieser Reihe keine Ausnahme machen.

Nach etwas über zweieinhalb Stunden Spielzeit, die wie im Fluge vergingen, bin beeindruckt und etwas enttäuscht zugleich. Der Inhalt hat doch deutlich unter dem Outfit zu leiden. Die neuen 3-D Effekte und Bilder, die Cameron hier bietet, sind schlichtweg beeindruckend und setzen neue Maßstäbe, doch die Geschichte hat doch deutlich unter dieser Bildgewalt zu leiden, weil es keine tollen Bilder zur Geschichte sind, sondern eine Geschichte zu den tollen Bildern. Und mit Avatar hat James Cameron sicherlich nicht, wie überall sonst kolportiert wird, das Kino neu erfunden.

Der Film startet am 17. Dezember bundesweit in den Kinos.

Eintrag im Filmarchiv

Christian Klandt: Weltstadt (D 2009)

gesehen am 07.12.2009

Montag. Wochenmagazin-Kinotexte-Tag. Unter anderem dabei: Weltstadt von Christian Klandt. Ein Debüt. Es geht um einen brutalen Überfall auf einen Obdachlosen. Nach einer wahren Begebenheit im Osten. Puh. Auf ging es mit dem Radl durch den Regen. Mit mir nur 4 Zuschauer im Kino. Weltstadt. Die fiktionale Rekonstruktion einer wahren Begebenheit. Zur Geschichte: In der Nacht zum 16. Juni 2004 überfielen zwei Jugendliche in einer malerischen Kleinstadt in Brandenburg einen schlafenden Obdachlosen. Als sie bemerkten, dass er keine Wertsachen bei sich trug, schlugen sie ihn und steckten ihn anschliessend in Brand. Der erste Langspielfilm von Christian Klandt. Der junge Regisseur war am Donnerstag, als Fatih Akin im anderen Kino der Stadt seinen Film "Soul Kitchen" vorstellte, auch nach Münster gekommen, um hier von seinen Erlebnissen seines ersten abendfuellenden Films zu berichten.

Klandt erzaehlt die Geschichte der Taeter, aber auch der Bewohner dieser Stadt - vor der Tat. Seine ehrliche und ruhig inszenierte Bestandsaufnahme ist ein bitteres Abbild des gegenwaertigen deutschen Sozialklimas. Rauh und schonungslos. Perspektivlosigkeit und Hartz-IV-Frust fuehren zu Gewalt und Aggression. Und das sicherlich nicht nur in Brandenburg. Ein beeindruckendes Debuet. Da bleiben die Bilder auch auf dem kalten Nach-Hause-Weg noch haften. Auf der Filmhomepage lese ich anschliessend von den zahlreichen Festival-Teilnahmen. Und den vielen beeindruckten Zuschauern.

Fatih Akin: Soul Kitchen (D 2009)

gesehen am 03.12.2009, NRW-Premiere in Münster, Christian

Feiern mit Fatih. Nach den vielen mehrfach ausgezeichneten Dramen wie "Gegen die Wand", "Auf der anderen Seite" etc. präsentiert uns Fatih Akin an den Weihnachtsfeiertagen wieder eine Komödie. Zur Zeit ist er auf Promo-Tour mit Film und den Darstellern. Und die haben sichtlich viel Spaß am und mit dem Film und auch mit Fatih Akin. Das konnte auch jeder Zuschauer der ausverkauften Vorstellung in Münster erleben, die das Team um "ihren" Regisseur mächtig abfeierten. Dabei gaben sich alle Verantwortlichen vor, während und nach dem Film ausgesprochen volksnah. Lange vor der Filmpremiere wurden zahlreiche Foto- und Autogramm-Wünsche erfüllt, das Team schaute sich den Film gemeinsam mit den Zuschauern an und stellte sich anschließend den Fragen des WDR2-Moderators.
Und wie war der Film? Richtig. Der Regisseur selbst brachte es nach der Vorführung auf den Punkt: "Ich bin ja auch ein Musikfan und manchmal DJ. Ich mag Rap, den Old-School selbstverständlich. Und wie alle DJs mixe ich zusammen, was ich kenne. Beim Filmemachen ist das genauso. Hier in "Soul Kitchen" ist es ein wenig "Nordsee ist Mordsee" (Hark Bohm, 1973), "Rocker" (Klaus Lemke, 1972), ein wenig Scorsese und gaanz viel Soul." Richtig. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen, außer, dass "Soul Kitchen" allen Zuschauern schmeicheln dürfte, ein wenig den Duft von Tarantinos "Jackie Brown" atmet und rockt wie Hölle. Und wie!

Chris Weitz: New Moon - Biss zur Mittagsstunde (USA 2009)

gesehen am 29.11.2009 in Münster, Christian

Leider habe ich die Pressevorführung in Düsseldorf verpasst - Schweinegrippe. Aber warum leider? Nach 127 Minuten mit halbnackten Menschen im kalten US-Bundesstaat Washington, einer stets bedröppelt dreinschauenden Kristen Stewart, eingen Szenen mit dem weißgepuderten und mit Lippenstift bemalten Robert Pattinson, dem aufgepumpten Taylor Lautner in einer miserablen Musikvideo-Inszenierung von Chris Weitz bin ich froh, dass ich mir das Zugticket gespart habe.

Eine Erleichterung mit Fragezeichen. Warum ist diese "kein-Sex-vor-der-Ehe-Vampirgeschichte" nur so erfolgreich? Montagmittag, 17 Uhr, über 400 Mädels zwischen 12 und 22 Jahren im Kino? Sicherlich auch, weil mit Twilight alles zusammengerührt wird, was den Geschmack der umworbenen Zielgruppe bedienen könnte: Schöne, halbnackte Menschen, gewaltarme Action, romantischer Kitsch und hypnotische Musik (Bach, Muse, Radiohead etc). Bücher, Film und der Hype sind ein echtes Ärgernis.

Eintrag im Filmarchiv

Christochowitz / Hund / Wältring: Music from the Moon (D 2009)

gesehen am 24.11.2009, Presse-Screener, Christian

Ein Dokumentarfilm aus Münster? Da hatte ich schon in den letzten Jahren Kurz- und Langspielfilme von sog. Keativen sehen müssen, über die ich an dieser Stelle lieber nicht reden will. Doch diese DVD sieht bereits anders aus, nettes Design, klasse Logo, toller Titel: Music from the Moon. Ich war gespannt. Zuerst ist der Bildschirm schwarz, eine Stimme ist zu hören, dann erscheint das Bild. Ein Mann, dick verpackt, in einer eisigen Landschaft. Klasse Intro. Musik erklingt und hört nicht mehr auf, bis die nahezu 96 Minuten Spielzeit der Dokumentation um sind. Ja, es geht um Musik. Aber nicht nur. Es geht auch um eine internationale Theatertruppe namens "The Hypno Theatre", die nach Island und Grönland reist. Am Ende der sehenswerten Doku bekomme ich Lust auf die Länder. Und auf die Musik. Hier und da gibt es noch ein, zwei kleine handwerkliche Fehler, doch ein besseres Kompliment kann man einer Musik-Doku doch gar nicht machen.

Am Freitag feiert der Film Weltpremiere im Cineplex in Münster. Inklusive eines Besuchs der Theatergruppe als auch eines Live-Konzerts einer isländischen Band. Leider kann ich da nicht. Schade. Den Film werde ich aber weiterempfehlen. Wie ich lese, sind die ersten Vorstellungen bereits ausverkauft. Verdient haben sie es, die drei Filmemacher von gucc Film aus Münster.

Eintrag im Filmarchiv

Birgit Schulz: Die Anwaelte - Eine Deutsche Geschichte (D 2009)

gesehen am 23.11.2009 in Muenster, Christian

Komme gerade aus einem spannenden Dokumentarfilm, der genau zwischen die beiden Teile des ARD-Zweiteilers "Der Baader Meinhof Komplex" passt. Und nach dem Besuch der Dokumentation von Birgit Schulz fiel auf, wie fehlbesetzt die Figur Horst Mahler im Film von Uli Edel und Bernd Eichinger ist. Denn Horst Mahler war alles andere als ein junger Karrierist, wie uns der Film von Edel weissmachen will, der mit Andreas Baader, Gudrun Enslin, Ulrike Meinhof und Co. ein bisschen Spass haben wollte. Der streitbare Anwalt war vielmehr ein energischer Kaempfer fuer seine Ueberzeugungen.

`Das ist eine Tragoedie` antwortet Ex-Bundesinnenminister Otto Schily auf die Frage der Filmemacherin Birgit Schulz nach seinem Freund Horst Mahler. Diese hatte zuvor nach Schilys Weggefaehrten gefragt, der als Anwalt der APO Anfang der 70er zwanzig Jahre spaeter zum Holocaust-Leugner und Mitglied der NPD wurde. In 90 kurzweiligen Minuten skizziert Regisseurin Birgit Schulz in ihrer spannenden Doku die Biographien dreier Anwaelte, die erstmalig im so genannten `Deutschen Herbst` aufeinander trafen. Anfangs Seite an Seite fuer die APO kaempfend, wurde Hans-Christian Stroebele spaeter das soziale Gewissen der Gruenen, Otto Schily wechselte von den Gruenen zur SPD, um Karriere machen zu koennen und Horst Mahler lebt heute von den Spenden seiner Freunde. Durch die Einzel-Interviews mit den drei geschichtstraechtigen Zeitzeugen ist der Regisseurin ein spannendes Portrait der jungen deutschen Geschichte gelungen, das man auch im Zusammenhang mit jeder RAF-Diskussionen nicht verpassen sollte.

Simon Verhoeven: Männerherzen (Deutschland 2009)

gesehen am 28.08.2009, Pressevorführung in Köln, Christian

Christian Ulmen, Til Schweiger, Maxim Ehret, Nadja Uhl, Jana Pallaske. Das klingt nach einem unterhaltsamen Film. Doch hier trifft wieder einmal die Aussage ins Schwarze: Klangvolle Namen machen noch keinen guten Film. Der Schauspieler, Regisseur und Autor Simon Verhoeven hat sechs Jahre (!) am Drehbuch zu seiner Ensemblekomödie “Männerherzen” gearbeitet. Leider ist das Ergebnis, das am 08. Oktober in den Kinos zu sehen sein wird, alles andere als lustig. Denn es gelingt der Komödie nicht, den nötigen Funken zu erzeugen. Zu weit weg ist der Regisseur von seinen Figuren. Stets begleitet von emotionalisierenden Songs, die durchaus sparsamer hätten eingesetzt werden dürfen, stapft Verhoeven allzu oft in die Klischeefalle, walzt jede potente Idee (Ulmen als Neo-Magnum) bis weit über die Schmerzgrenze aus und verlangt von seinen chronisch unterforderten Schauspielern nur den Sekundengag, bis es in die nächste Szene geht. Also, keine Kinokarte reservieren für diesen Schmarrn.

Der Film startet am 8.Oktober 2009 in den deutschen Kinos.

Michael `Bully` Herbig: Wickie und die starken Männer (D 2009)

gesehen am 04.08.2009, Pressevorführung in Köln, Dimitrios

Eine Weile ist es her, dass Michael „Bully“ Herbig für seine Suche nach unverwechselbaren Typen, die Wickies Wikingerfreunde an Bord darstellen sollten, eine TV-Castingshow machte. Am Ende wurden von über 4.000 Bewerbern sechs Darsteller ausgesucht. Einer davon, der 11-jährige Jonas Hämmerle, der sich gegen 600 Mitbewerber durchsetzen konnte und jetzt in die Rolle von Wickie, dem gewitzten Wikingerjungen, schlüpft. Nun steht der Streifen in den Startlöchern, offizieller Kinostart ist der 9.9.2009 und einige wenige Glückliche hatten am 4.8.2009 in Köln das Vergnügen, sich nicht nur den fertigen Film anschauen zu dürfen, sondern auch gleich ein paar der Darsteller auf der anschließenden Pressekonferenz live zu erleben.

Ein bisschen anders als erwartet, präsentiert sich der Film schon: Bully ist mit dem Projekt über den Comic-Stil der Animationsvorlage hinausgewachsen – es ist ein richtig aufwendiger Abenteuerfilm geworden. Über das genaue Budget wird sich ausgeschwiegen; zweistellig ist es auf jeden Fall. Nicht gerade wenig für eine deutsche Produktion, aber seit „Der Schuh des Manitu“ und „Traumschiff Surprise – Periode 1“ ist jedem Geldgeber klar, dass Bully-Filme ein Kassenmagnet sind und ein Vielfaches der Investitionen einspielen.

Trotz einiger kreativer Änderungen ist die Realverfilmung der gleichnamigen 78-teiligen Fernsehserie, die vom ZDF erstmalig in den 70ern ausgestrahlt wurde und ihrerseits auf eine fünfteilige Kinderbuchvorlage basiert, ein klare Hommage ans Original geworden. Bully adaptiert bekannte Motive und jeder, der sich auch nur vage an die Serie erinnert, wird sofort mit Deja-vus konfrontiert werden – selbst wenn er nicht jede Szene gleich eindeutig zuordnen kann. Bully fügt aber neues hinzu und entstaubt gleich vorsorgehalber den in die Jahre gekommenen Kulthit der Kinderzimmer – einzig und allein leidet ein wenig der altbackene Charme der Serie darunter. Man kann es nie jedem recht machen.

Hohe Schauspielkunst sollte man nicht erwarten, es ist ein gelungener Mix aus altem und neuem; Laiendarstellern und gestandenen Profis wie Günther Kaufmann und Christoph Maria Herbst. Und auch für Bully selber gab es noch eine kleine Rolle im Film; soviel Narzismus muss dann wieder gestattet sein. „Wickie und die starken Männer“ ist ein gelungener Film für zwischendurch. An die vorhergehenden Produktionen kommt er nicht ganz heran, fällt aber nicht extrem ab und ist ohnehin eher als Kinder- und Familienfilm konzipiert. Kurzeilige humorige Unterhaltung ist garantiert.

Der Film startet am 09.09.2009 in den deutschen Kinos.

Eintrag im Filmarchiv

Neele Vollmar: Maria, ihm schmeckt´s nicht (D 2009)

gesehen am 29.06.2009, Pressevorführung in Köln, Regina

"Der Italiener liegt gerne weich und besitzt keine Rückenwirbel." Feststellungen wie diese, die Autor Jan Weiler in seinem Bestseller "Maria ihm schmeckt´s nicht" macht, werden im gleichnamigen Film sehr hübsch illustriert. Überhaupt finden sich ungezählte kleine Anekdoten aus dem Buch von Jan Weiler im Film von Neele Vollmar wieder, obwohl die Geschichte im Film eine ganz andere ist und der Buch-Jan ein ganz anderer als der Film-Jan.

Der Buch-Jan hat eigentlich keine Funktion, außer der des Beobachters und Zuhörers. Der Film-Jan hingegen ist schon in seiner Verkörperung durch (den erschlankten) Christian Ulmen für einige Lacher gut. Dessen Funktion ist es, sich in erster Linie dumm anzustellen, also eben "typisch Deutsch" zu sein in „Bella Italia“, im Land der italienischen Verwandtschaft.

Natürlich bedient "Maria ihm schmeckt`s nicht" sämtliche Klischees von Italienern und Deutschen und reiht sich naht- und übergangslos in ähnliche Komödien ein, die seit "My Big Fat Greek Wedding" auf der Leinwand gezeigt - und für die der Begriff "Culture Clash" gefunden wurde.

Für die nötige Tiefe sorgt im Buch die Geschichte der eigentlichen Hauptfigur, Schwiegervater Antonio. Im Film ist dieser zwar auch der Hauptdarsteller, die Geschichte, hier auf die des Gastarbeiters reduziert, wirkt allerdings ein wenig aufgepropft. Gerade so, als hätte man nicht allein auf eine ausgelassene Sommerkomödie mit überdrehten Charakteren vertrauen wollen. Auch das ist irgendwie "typisch Deutsch".

Insgesamt ist "Maria ihm schmeckt`s nicht" eine heitere und sehenswerte Komödie mit hervorragenden Darstellern und einigen herrlich-absurden Szenen. Gerade richtig für die Urlaubszeit. Bei Erfolg darf man auf die Verfilmung von Moritz Netenjakobs "Macho Man" hoffen: Gleiche Geschichte, aber diesmal ohne Griechen, ohne Italiener, dafür mit Türken und Deutschen.

Die deutsche Komödie startet am 06. August 2009 in den deutschen Kinos.

Eintrag im Filmarchiv

Bob Peterson, Pete Docter: Oben (USA 2009)

gesehen am 09.06.2009, Pressevorführung in 3D in Köln, Christian

Gibt es den perfekten Animationsfilm? Vorsicht, Superlativ! Nach der gestrigen Pressevorführung in Köln waren sich viele Besucher einig: Ja, jetzt gibt es ihn. Und wer gedacht hatte, "Toy Story" sei bereits ein perfekter Animationsfilm oder gar der letzte große Hit von Brad Bird mit dem weltweit gleichnamigen Titel "Ratatouille", der wurde vom neuesten Pixar-Hit "Oben" eines Besseren belehrt. Für das Drehbuch zeichnet wieder einmal Bob Peterson verantwortlich, der bereits an vielen anderen Pixar-Hits mitgeschrieben und zuletzt das Drehbuch für "Findet Nemo“ verfasst hat. Kern dieses hervorragenden Drehbuchs von "Oben" ist die aberwitzige Idee, dass ein 78jähriger - nach dem Tod seiner geliebten Frau allein lebender - Rentner sich einen Kindheitstraum erfüllt und mit seinem Haus, das an hunderten Luftballons hängt, gen Süden nach Südamerika aufbricht.

Carl Fredricksen ist ehemaliger Ballon-Verkäufer und kinderlos. Doch seine Reise tritt er wider erwarten nicht allein an: Ein übereifriger 8-jähriger Pfadpfinder und selbsternannter Wildnis-Forscher hatte den Rentner kurz vor Abflug besucht und muss / darf ebenfalls an dem großen Abenteuer teilnehmen. Natürlich erleben die beiden unterschiedlichen Personen auf ihrer Reise allerhand Aufregendes.

Die ganze Nacht habe ich nach dem schwarzen Fleck auf der strahlend weißen Filmweste gesucht. Wo steckte der berühmte und mittlerweile obligatorische moralische Zeigefinger? Nerven nicht schon wieder viel zu viel sprechende Tiere? Und wie lautet die Moral von der Geschicht? Doch Fehlanzeige. "Oben", der zudem in Köln in einer atemberaubenden 3D-Fassung gezeigt wurde, kommt sehr unprätentiös, sehr zurückhaltend, wenig moralisierend aber dennoch sehr zu Herzen gehend und vor allem meisterhaft animiert daher. Zusammen mit dem wieder einmal obligatorisch hervorragenden Vorfilm ist dieser „Der kleine Lord“ im Pfadfinderkostüm aus dem Hause Pixar ein Meisterwerk, dass man am 17. September 2009 im Kino nicht verpassen sollte. Und wer die Möglichkeit hat: bitte in 3D anschauen!

Eintrag im Filmarchiv

Justin Lin: Fast and Furious. Neues Modell. Originalteile (USA 2009)

gesehen am 17.03.2009, Europa-Premiere in Bochum. Christian

Wenn vier Hollywoodstars in nur 120 Kilometer Entfernung zu einer Europa-Premiere einladen, sollte man als Filmfan nicht lange zögern. Auch wenn es sich dabei um den vierten Teil eines Franchises handelt, der den actionversprechenden Titel „Fast and Furious“ trägt. Vin Diesel, Paul Walker, Michelle Rodriguez, Jordana Brewster und Regisseur Justin Lin riefen – und wir kamen, samt Videokamera, Einladung und Aufnahmegerät. Das Event um die Europa-Premiere haben wir als Video unter mehrfilm.tv online gestellt, hier nun die kurze Kritik zum Film.

Allein der Titel mit der viel versprechenden Tagline „Neues Modell. Originalteile“ verspricht hier schon eine Originalität und Rückbesinnung auf den erfolgreichen ersten Teil der getunten Autohatz. Und wenn im Cast (und auch in Bochum) zudem Actionstar Vin Diesel auftaucht, weiß der Fan, dass hier wieder alles anders und sicherlich auch besser werden soll als in den vorangegangen (miesen) Vorgängern der Tuning-Saga. Doch weit gefehlt. Dom Toretto (Vin Diesel) hat es nach achtjähriger Flucht vor dem Gesetz in die dominikanische Republik verschlagen. Zusammen mit seiner Freundin Letty (Michelle Rodriguez) und ein paar weiteren autoverrückten Freunden überfällt er Tanklaster mit wertvollem Inhalt, um damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Doch der taffe Dom ist im vierten Teil nicht mehr der Autonarr ohne Message, nein er bekommt hier ein paar Charakterzüge verpasst. Als seine Freundin Letty ermordet wird, wagt sich Dom zurück an seine alte Wirkungsstätte und sucht in Los Angeles nach ihrem Mörder. Der Zufall will es, dass sein ehemaliger Erzfeind, FBI-Agent Brian O`Conner (Paul Walker), sich gerade demselben Bösewicht an die Fersen heftet: einem soziopathischen Drogenbaron, der die USA mit seiner tödlichen Ware überschwemmt. Die beiden Autofreaks müssen sich also wieder einmal zusammenraufen, um dem Bösewicht auf die Schliche zu kommen. Dass dabei auch das eine oder andere Autorennen zu absolvieren ist, liegt in der Natur des Franchises.

Getunt wurden hier neben der Besetzung leider nur die Actionszenen mit den Autoverfolgungen (Tunnelhatz in einem Bergmassiv) oder einige Einstellungen mit noch heißeren Babes als in den Vorgängerfilmen (Kamera, die förmlich an einer Hotpants klebt). Ansonsten läuft auch das neue Modell neben den Originalteilen wie auf Autopilot: Teure Autos, heiße Bitches, die Inkarnation eines geläuterten Hauptdarstellers, dem man zwar vieles abnimmt, nur nicht, dass er für seine tote Freundin als sensibler Rächer sein Leben aufs dreckige Spiel setzt.

Der Film startet am 02. April in den deutschen Kinos.

Marc Abraham: Flash of Genius (USA 2008)

gesehen am 03.03.2009, Sneak Preview in Münster, Christian

Münster und die Sneaker. Das ist eine lange, eine schöne Geschichte. Jeden Dienstag eine neue Überraschung im (meistens) vollbesetzten Kinosaal. Eine Tradition, die von vielen Filmfreunden aus Münster seit Jahren gepflegt wird. Und da die Münsteraner Studierenden zudem sehr schreib- und auskunftsfreudig sind, hat sich die Bewertungsfreude der Cineasten bis nach Berlin und München herumgesprochen. Auch der Filmverleih Kinowelt kennt die eifrigen Münsteraner und ihre Schreibfreude und schickt immer öfter einen ihrer Filme in die beschauliche Westfalenmetropole. Diese dürfen die Sneaker dann als eine der ersten in Deutschland sehen und anschließend natürlich auch begutachten. Bei „Flash of Genius“ wollte der Verleih über die Bewertung von 1 bis 6 hinaus aber noch mehr wissen, denn der Film von Marc Abraham über den jahrelangen Patenstreit eines Ingenieurs ist in den USA trotz guter Kritiken gefloppt (Einspiel etwa 4 Mio. Dollar).

Erzählt wird die wahre Geschichte von Bob Kearns, hier verkörpert durch Greg Kinnear. Der College-Professor hat eines Tages einen „Flash of Genius“ (Geistesblitz) und erfindet die Intervallbetätigung bei Scheibenwischern. Seine Erfindung wird 1967 von ihm patentiert. Außerdem präsentiert er sie den Ingenieuren der übermächtigen Ford Corporation. Diese sind zwar begeistert, melden sich daraufhin aber nicht mehr bei ihm. Kearns will die Intervallschaltung selber herstellen. Er setzt alles auf eine Karte und muss mit ansehen, wie sich Ford seiner Erfindung bemächtigt und diese wenig später im neuen PKW-Modell vorstellt. Daraufhin zieht Kearns vor Gericht, verliert dabei Freunde, Frau und fast auch seine Kinder, die allesamt einer Auseinandersetzung mit dem großen Konzern kritisch gegenüberstehen.

Der Film spannt einen Zeitrahmen von knapp 30 Jahren (1953 bis 1982). Hauptdarsteller Kinnear leidet und altert über die Spielzeit von 120 Minuten zwar sehr überzeugend, doch der Film will nicht so recht unter die Haut gehen. Ist Kennear vielleicht zu sehr Komiker? Liegt es an dem schon zu oft gesehenen David-gegen-Goliath-Plot? In den USA platzte der Film in die Finanzkrise, weshalb ihn dort keiner sehen wollte. Die Münsteraner waren sehr angetan. Und vielleicht hatte ein Münsteraner vielleicht auch den „Flash of Genius“ was den deutschen Titel anging. Denn den durften sie auch wählen. Aber das werden wir wohl erst im Juni erfahren, wenn der Film in den deutschen Kinos anläuft.

Edward Zwick: Defiance (USA 2008)

gesehen im Februar in einer Preview, Regina

Vorlage für den Film mit dem Titel "Defiance", zu Deutsch "Trotz", lieferte das Buch "The Bielski Brothers: The True Story of Three Men Who Defied the Nazis, Saved 1,200 Jews and Built a Village in the Forest". In den USA erschienen umreißt es im Groben auch schon die hier erzählte Geschichte. Allein dieses bislang unbekannte Kapitel des Zweiten Weltkriegs ans Licht zu bringen, ist ein großer Verdienst des Buches und nun, mehr noch, auch des Filmes von Edward Zwick ("Blood Diamond"). Ob die Umsetzung gelungen ist, ist eine ganz andere Frage. Ich tendiere zu einem entschiedenen "Ja, aber ..."

In der vor einiger Zeit gesehenen Originalfassung des Films wird Englisch gesprochen. Englisch mit starkem polnischem Akzent. Hauptakteure sind britische und amerikanische Schauspieler, Kinostars. Das geht in Ordnung, wenngleich unbekannte Gesichter der Authentizität sicher dienlicher gewesen wären. Liev Schreiber kann überzeugen, Jamie Bell fällt nicht weiter auf, aber auf Daniel Craig weiß ich mir keinen rechten Reim zu machen. Mir scheint, er ist bereits in die James-Bond-Falle getappt. Craig auf einem Schimmel feldherrengleich durch das Camp reitend und Pathos blasend setzt dem Ganzen da nur die Krone auf.

Es laufen allerhand Klischeegestalten durch die jüdische Waldgemeinde. Eine grobe Vereinfachung, wird doch nicht weiter groß auf Einzelschicksale und tiefere Charakterisierung der Figuren eingegangen. Obwohl in 137 Minuten Zeit genug gewesen wäre.

Auch die Bedrohung durch die Nazis bleibt über weite Strecken diffus. Was passiert also in reichlich über zwei Stunden FIlm? Ein Kriegsfilm mit mächtig viel Krawumm ist es auch nicht. Es gibt ein bisschen Partisanen-Kampf, kalte Winter, Block-Häuslebau, Nahrungsknappheit, Zwischenmenschliches. Und ganz, ganz viel Bruderzwist. Die beiden Ältesten der Bielski-Brüder (Craig, Schreiber) haben sehr unterschiedliche Ansichten darüber, ob und wie man Deutsche und Kollaborateure bekämpfen sollte.

In einer Flut von Filmen, die zur Nazi-Zeit spielen, ragt "Defiance" schon wegen des interessanten Themas heraus: Es gab also doch jüdischen Widerstand. Handwerklich ist er sehr gut gemacht, der Score von James Newton Howard ist einer seiner besseren und Joshua Bell fiedelt meisterlich dazu.

Zack Snyder: Watchmen (USA 2009)

gesehen am 24.02.2009, Pressevoführung, Christian

Als er mit seiner Verfilmung von "300", der graphischen Novelle von Frank Miller, neue Maßstäbe in punkto Comicverfilmung setzte, hielt Hollywood den 1966 in Wisconsin auf die Welt gekommenen Zack Snyder für das große neue Regietalent. Dabei war der damals 40jährige Amerikaner zuvor lediglich mit einigen Musikvideos und seinem Debütfilm, einem gelungenen Remake des George A. Romero Klassikers "Dawn of the Dead" bekannt geworden. Nun also "Watchmen", die zentimeterdicke Comicreihe aus dem Hause D.C.. Die Comics erschienen 1986/87 und wurden mit Preisen überhäuft. Diese für die Leinwand umzusetzen sollte sich als schwere Aufgabe für den Comicfan Snyder herausstellen.

Nach tatsächlichen 163 und gefühlten 180 Filmminuten muss ich sagen, dass er der Aufgabe, Watchmen auf die Leinwand zu bringen, nur in ganz wenigen Szenen gewachsen ist. Zack Snyders "Watchmen" will Alles sein: Große Unterhaltung, Intelligente Comicverfilmung mit atemberaubenden Bildern und nachvollziehbaren Handlungssträngen und vor allem eine Comicverfilmung, die nicht die Action, sondern die "Charaktere" und dessen Geschichten in den Vordergrund stellt. Und genau an dieser Vielfalt und an diesem Anspruch scheitert Zack Snyders Verfilmung. Dabei wird der Zuschauer noch ohne großen Schnickschnack und ohne aufwändige Titelsequenzen sofort in den Prolog hineingezogen, eine dankbare Abwechslung zu Bat- Spider-Man und Co.: Ein Ex-Superheld wird ermordert. Der Täter bleibt unerkannt. Hier zieht Snyder sämtliche Register seines Könnens: Super-Slowmotion, beeindruckende Actionszenen und das alles eingehüllt in fastschwarze Bilder.

Doch bereits wenig später, wenn der Ich-Erzähler in Form des Ex-Kameraden Rorschach (Jackie Earle Healey) in Erscheinung tritt, verzettelt sich die Regie in einem heillosen Wirwarr von Personen und Handlungssträngen. Eine vermeintliche Liebesgeschichte hier, ein Racheakt dort. Die sehnsüchtig erwartete Comic-Action verpufft in einem unspektakulären Angriff auf die Stadt. Am Ende bleiben Ratlosigkeit und mehr noch: Kopfschmerzen. Zack Snyders "Watchmen" will einfach nicht im Kopf haften bleiben. Dabei, seien wir ehrlich, ist es doch so oft die eine Szene, die nach einer Comicverfilmung im Gedächtnis bleibt. Watchmen hat keine einzige Szene davon. Mehr über den Film in Kürze in einer ausführlichen Kritik....

Der Film startet am 5. März in den deutschen Kinos.

Christian Petzold: Jerichow (D 2008)

gesehen am 04.01.2009, Preview in Köln, Regina

Petzolds neuer "Trostlos in der Provinz"-Film ist fast noch sparsamer inszeniert als die Vorgänger, auch was die Besetzung betrifft. Wo man bei "Yella" schon dachte, leer gefegter können Landschaften doch gar nicht sein, setzt "Jerichow" noch einen drauf. Im Grunde kommt der Film mit drei Figuren aus.

Hilmi Sözer darf im Kinofilm endlich mal zeigen, dass er auch anders kann als Vorzeigetürke oder der "Ballermann" Sidekick (auf der Bühne darf er das ja schon lange). Das ist die positive Nachricht. Die weniger positive ist, dass mich die ewig gleichen Fahrer- / Beifahrer-Nahaufnahmen ziemlich genervt haben.

Insgesamt gefiel mir "Jerichow" aber um Klassen besser als die dröseligen "Wolfsburg" und "Die innere Sicherheit". Das Petzold-Personal Nina Hoss / Benno Fürmann spielt wie gehabt solide, die Dramaturgie stimmt. Aber auch "Jerichow" bleibt ein Film für Liebhaber ganz besonders spröder Werke.

"Jerichow" wird am 08.01.2009 in den deutschen Kinos starten.

Gernot Roll: Männersache (D 2008)

gesehen im Dezember 2008, Regina

"U-900", "Ausbilder Schmidt", nein, schlimmer geht`s immer. Da musste Comedy-Star Mario Barth natürlich nachziehen: Die Kollegen Atze Schröder und Ausbilder Schmidt haben einen Kinofilm gemacht, da kann "Kennstekennste" Barth nicht anders, als auch einen Leinwandauftritt zu wagen.

In einer Story, die Barth vermutlich selber nicht glaubt, ist er hier an der Seite des Comedians und Co-Autoren Paul Panzer alias Medienpädagoge Dieter Tappert in gleich mehreren Rollen zu sehen. Da sie allesamt schlimmste Entgleisungen darstellen, beschränken wir uns auf Hauptfigur Paul, einen erfolglosen Comedian, der dem Ruhm zuliebe (fast) die Freundschaft zu Kumpel Hotte (D. Tappert) opfert.

Nun ist es ja noch gar nicht so lange her, dass Barth vor 6 Zuschauern spielte und durch die Klein(st)kunstbühnen tingelte. Und ich gebe offen zu, dass das für mich so hätte bleiben können. Insofern bin ich gar nicht die Zielgruppe von "Männersache". Wenn ich dem Film irgendwelche Qualitäten attestieren sollte, so fielen mir wirklich keine ein, außer vielleicht, dass Michael Gwisdek als Vater der Hauptfigur wie immer eine sehr gute schauspielerische Leistung abliefert. Jürgen Vogel und Michael Brandner spielen seltsam unterbelichtet, Anja Kling musste scheinbar noch schnell die Miete zahlen, Tappert ist Tappert.

"Männersache" ist zu 100% pointenfrei und so langweilig wie einem Pritt-Stift beim austrocknen zuzusehen. Eine Zeitverschwendung erster Güte und Geldvermehrungsmaschine für Deutschlands meist überschätzten Komiker.

Der Film wird am 19. März 2009 in den deutschen Kinos starten.

Diane English: The Women (USA 2008)

gesehen am 28.10.2008, Pressevorführung, Regina

Vier beste Freundinnen in New York, allesamt bestens situiert, die einen mit Kind, die anderen überzeugt ohne, auffallend gut gekleidet, shoppingsüchtig, drei von ihnen optisch "um die Vierzig", eine etwas älter, haben ein Problem: Männer. Oder vielmehr: Einen Mann. Und sie reden darüber.

Woran erinnert diese Konstellation? Genau: "Sex and the City". Mischt man noch einen homöopatischen Schuss "Club der Teufelinnen" mit Bette Middler, die hier in einer Nebenrolle mitwirkt, und ein bisschen Modezeitschriftenglamourwelt aus "Der Teufel trägt Prada" zu diesem Erfolgsrezept hinzu, kommt "The Women" heraus.

Erstaunlich, diese Ähnlichkeit. Noch erstaunlicher in diesem Remake des gleichnamigen Broadway-Klassikers aus dem Jahr 1939 ist aber, wie man es schafft, aus besten Zutaten inklusive Starbesetzung einen derart langweiligen Film zusammenzurühren. Meg Ryan gibt hier die ewigsüße und scheinbar alterslose Mary, Eva Mendez die supersexy Gegenspielerin. Wer will das sehen?! Noch nicht mal Männer, fürchte ich, denn für die ist der Film nicht gemacht. Zu sehr will "The Women" ein Beste-Freundinnen-Kinoerlebnis sein.

Mädels, geht lieber Shoppen. Das ist allemal interessanter als diese 117-Minuten-Einschlafhilfe.

Der Film startet am 11.Dezember 2008 in den deutsche Kinos.

Darren Aronofsky: The Wrestler (USA 2008)

gesehen am 23.10.2008, Viennale in Wien, Senad

Man vereine einen bereits international etablierten und gefeierten Regisseur, besetzte seinen neuen Film mit einem Schauspieler, der nicht nur ein großes Comeback damit feiern kann sondern auch die beste Performance seiner Karriere abliefert und man achte auch darauf, dass die Nebendarsteller zu dem Besten gehören was Hollywood derzeit zu bieten hat: Das Ergebnis: Ein Meisterwerk. Zugegeben, dies klingt locker herausgeschüttelt, jedoch genau diese Faktoren sind es, die Darren Aronofskys vierten Film „The Wrestler“ auszeichnen.

Mickey Rourke, den man nach etlichen Ausfällen in Hollywood bereits abgestempelt hatte und der mit dem lange zurückliegenden „Sin City“ zuletzt eine beachtenswerte Performance abgeliefert hat, spielt den alternden Wrestler Randy „Ram“ Robinson. In den 80er Jahren war Ram einer der größten Stars der Wrestlingszene und auch wenn er an Wochenenden immer noch seiner großen Leidenschaft nachgeht, muss er sich mit diversen Lagerjobs durchschlagen. Nach einem Wrestlingtournier bricht Randy zusammen. Diagnose: Herzinfarkt. Es wird ihm geraten, sich aus dem Wrestlinggewerbe zurückzuziehen.

Die Beschreibung des Films trägt den Duft des Dramas, das sich sehr knapp an der Grenze zur übertriebenen Sentimentalität bewegt. Doch Aronofskys Inszenierung von Robert D. Siegels Skript „The Wrestler“ gelingt und mehr noch: Die herausragenden Leistungen der Darsteller machen dieses Drama zu einem einmaligen Filmerlebnis.

Ursprünglich wurde Nicolas Cage für die Hauptrolle gecastet, trat aber auf Wunsch Aronofskys zurück. Und sich jemand anderen als Mickey Rourke vorzustellen ist schlicht unmöglich. Er ist zweifellos das Highlight des Films und zu Recht wird bereits in ersten Reaktionen von einer möglichen Oscarnominierung gesprochen.

Fernab von Filmen wie „Rocky“ wirft „The Wrestler" tatsächlich ein ganz anderes Bild auf das Metier. Dies liegt nicht an der exorbitant brutalen Darstellung von Kämpfen („The Wrestler“ darf durchaus zu einem der realistischsten Filme überhaupt gezählt werden was körperliche Schmerzen angeht!) sondern auch daran, dass alle Charaktere ein menschliches Gesicht haben. Nach den harten Showkämpfen und der Behandlung durch Sanitäter umarmen sich die Kämpfer meist freundschaftlich und gehen eventuell noch auf einen Drink aus. Menschlich, realistisch, emotional: So kann man wohl jeden Film von Aronofsky bezeichnen und dieser bildet da keine Ausnahme. Und da das Beste bekanntlich immer zum Schluss kommt, krönt Aronofsky sein Meisterwerk mit einem der besten Filmsongs seit langem, der zum ersten Mal im Abspann zu hören ist: Bruce Springsteens Lied „The Wrestler“ führt jeden Zuschauer dazu bis zum Ende des Abspanns sitzen zu bleiben, um das Gesehene noch ein wenig zu verarbeiten.

Die Jury auf dem Filmfestival in Venedig war sich einig: Der Film des 39jährigen New Yorkers war der beste Film des Festivals und wurde mit dem Goldenen Löwen geehrt. In Deutschland wird der Film am 26. Februar 2009 starten.

Mike Eschmann: Ausbilder Schmidt (D 2009)

gesehen am 14.10.2008 im Rahmen des KölnComedy-Festivals, Regina

Schon im Sommer 07 abgedreht, sollte der erste Kinofilm mit Holger Müllers Comedy-Alter-Ego "Ausbilder Schmidt" eigentlich im Herbst dieses Jahres in die Kinos kommen. Über eine Sondervorstellung während des KölnComedy-Festivals kam die Bundeswehrbüttenrede allerdings bislang nicht hinaus, was gar nichts mit der Qualität des Streifens zu tun hat. Weil sich Comedy-Konkurrent Atze Schröder mit seinem "U-900" anschickte, die Kinoleinwand zu erobern, steckte der im Vergleich unbekanntere Ausbilder zurück und wurde kurzerhand auf 2009 vertagt.

Nun zeigt die Geschichte, dass U-Boote manchmal absaufen und Hallenfüller und TV-Quotenbringer Schröder im Kino dann doch lieber niemand sehen wollte. Auch das sagt gar nichts über Qualitäten.

Während schnell klar war, dass Atze Schröders Film nicht gerade das war, was Fans des Ruhrpottprolls von ihrer Lieblingslocke erwarten, erfüllt der Ausbilder-Schmidt-Film "Morgen Ihr Luschen" alle Erwartungen und damit Klischees spielend. Der Film ist die gelungene Transformation des Ausbilder-typischen Humors und Tonfalls von der Bühne auf die Leinwand. Will sagen: Wer ihn dort mochte, wird ihn auch hier mögen. Und wem der Erfolg eines ständig rumschreienden Friedens-, Kinder- und Schöngeist-Gegners in spacker Bundeswehr-Uniform immer schon ein Rätsel war, der wird auch hier den Kopf ungläubig schütteln.

Zur Seite steht der Hauptfigur ein rollenmäßig mindestens ebenbürtiger Axel Stein, gegen den Strich besetzt und tatsächlich überzeugend. Des weiteren tummeln sich im Film gleich Dutzende von Comedians, von der fernsehbekannten Nerv-Nase bis hin zu solchen, die nur fleißige Besucher von Kleinkunsttheatern kennen. Dass die meisten von ihnen keine Schauspieler sind, merkt man leider.

Handwerklich erstaunlich solide ist der Film. Die Story ist denkbar banal, die Dialoge sind es auch und Gags über Minderheiten an der Tagesordnung. Ein Film für Fans. Nichts anderes kann "Morgen, ihr Luschen!" sein. Und will es vermutlich auch gar nicht.

Der Film startet vorauss. am 21. April 2009 in den deutschen Kinos.

Gurinder Chadha: Frontalknutschen (Angus, Thongs and Perfect Snogging, USA 2008)

gesehen am 18.08.2008, Pressevorführung, Christian

Der Sommerblues. Jeder, der ihn hatte, möchte, dass er schnell vorüber zieht. Regen im Sommer, Schreibblockade, künstlerische Pause. Bei durchschnittlich vier Filmen pro Woche brauchte ich mal eine Auszeit. Keine Filme, keine DVDs, kein Kino. Die Pause an der See hat gut getan. Zudem ging der Sommerblues mit einem Film schwanger, der alles bisherige in den Schatten gestellt hat: The Dark Knight. Psychotisch, düster, trist. Ein Meisterwerk. Der zweite aber keineswegs letzte Besuch liegt nun hinter mir. Der Sommerblues auch.

Weiter geht´s also mit heiteren Dingen. Mit einer englischen Komödie, die den selten dämlichen deutschen Titel "Frontalknutschen" trägt zum Beispiel. Sich wieder einmal über die mangelnde Kreativität der Filmverleiher aufzuregen, würde hier den Rahmen sprengen. Deshalb direkt zu "Angus, Thongs and Perfect Snogging", wie der Film im Original heißt.

Es geht um die Geschichte der 14-jährigen Georgia (Georgia Groome). Georgia lebt mit ihrer dreijährigen Schwester, einem eigensinnigen Kater namens Angus und ihren peinlichen Eltern in einer englischen Küstenstadt. Alles, was ihr noch fehlt zu ihrem Glück ist ein Freund, der auch ein „Sexgott“ sein darf. Georgias altkluge Theorien über das Frausein, ihr jugendliches Kopfschütteln über die Erwachsenenwelt, ihre liebenswerten Sehnsüchte, ihre verschrobene Clique an der Mädchenschule und all die kleinen und großen Stolperfallen ihres Alltags basieren auf den erfolgreichen Teenbücher von Louise Rennison. „Kick it like Beckham"-Regisseurin Gurinder Chadha hat die amüsanten und jugendlich frechen Abenteuer ihrer Heldin und besten Freundinnen in bewegte Bilder umgesetzt. Daraus ist eine sehenswerte und kurzweilige britische Komödie für Jung und Alt geworden, die zwar kein Meisterwerk ist, aber dennoch gute Unterhaltung bietet.

Der Film startet am 28.August in den deutschen Kinos.

Eintrag im Filmarchiv

Christopher Nolan: The Dark Knight (USA 2008)

gelesen am 20.07.2008, Christian

Wie viel Einfluß haben Vorab-Online-Rezensionen auf Besucherzahlen? Können Filmkritiken, die weit vor einem Filmstart im Internet zu lesen sind, die Besucherzahlen eines Filmes beeinflussen? Wenn man die Geschichte um "The Dark Knight" verfolgt, dem zweiten Christopher Nolan Batman-Sequel, sollte man annehmen, die Vorab-Rezenionen werden immer einflußreicher.

Nach den ersten-Blog-Einträgen, Berichten aus Previews und Testscreenings zum Film "The Dark Knight" überschlugen sich die Kritiken fast mit ihren Superlativen. In den ersten Berichten war von "Meisterwerk", "Meilenstein" und "klasse Film" zu lesen. Und damit soll nicht ausschließlich die Leistung des Nebendarstellers Heath Ledger gemeint sein, der jüngst mit einer Überdosis Schlaftabletten seinem noch jungen Leben ein Ende gesetzt hatte. Doch auch seine Performance als Batman-Gegenspieler "The Joker" wurde in den zahlreichen Berichten zum jüngsten Batman-Abenteuer immer wieder gewürdigt. Und mehr noch: Sogar von einer posthumen Oscar-Vergabe ist immer öfter die Rede.

Und jetzt das: Der Erfolg des Films bereits am ersten Wochenende setzt den Umsatzerfolgen des amerikanischen Kinosommers 2008 die Krone auf. 155 Millionen Dollar soll "The Dark Knight" laut geschätzten Zahlen des Verleihers Warner Brothers in den ersten drei Tagen nach dem Start in den US-Kinos eingespielt haben. Das sei ein neuer Umsatzrekord, der die bereits beeindruckenden 151,1 Millionen Dollar, die "Spider-Man 3" im vergangenen Jahr an seinem Startwochenende in die Kassen spülte, in den Schatten stellt, berichtete Spiegel Online am 20.07.2008 in einer Meldung. Ob es doch an den guten Vorab-Kritiken liegt? Oder nur an Heath Ledger, den viele Fans vielleicht in seiner letzten Rolle bewundern wollten? Ich bin gespannt und werde direkt nach der Pressevorführung berichten. Versprochen!

Der Film startet übrigens am 21. August in den deutschen Kinos.

Peter Segal: Get Smart (USA 2008)

gesehen am 7.07.2008, Pressevorführung, Christian

Nein, nicht schon wieder eine Agenten-Parodie! Und zudem handelt es sich auch noch um Maxwell Smart aus der sehenswerten TV-Serie `Mini Max: Oder die unglaublichen Abenteuer des Maxwell Smart` (1965-1970). Eine Kultserie! Ich befürchte das Schlimmste. Aber der Reihe nach.

Gestatten, sein Name ist Smart, Maxwell Smart! Er (Steve Carell), etwa Anfang 40, ist Geheim…, Stopp, nein ist er nicht, er ist der beste Analytiker einer geheimen US-Spionage-Organisation namens Control. Smart ist beliebt und er hat ein gutes Team. Doch er will mehr. Gern würde er wie Superagent 23 (Dwayne „The Rock“ Johnson) im Außendienst gefährliche Abenteuer erleben. Als Control den Regierungsauftrag erhält, das gefährliche Verbrechersyndikat KAOS davon abzuhalten, die Weltherrschaft zu übernehmen und kurz zuvor die meisten Control-Agenten von eben diesem Syndikat enttarnt wurden, erhält Smart seine Chance. Und das ausgerechnet an der Seite der hübschen Agentin 99 (Anne Hathaway).

Peter Segals "Get Smart" ist eine Hommage oder besser eine Weiterführung der Sitcom "Mini Max". Sie wurde damals von keinen geringeren als von Mel Brooks und Buck Henry inszeniert. Nun darf also nach Rowan Atkinson (als Johnny English) und Leslie Nielsen (als Lt. Frank Drebin) eine weitere Agenten-Parodie die Wartezeit bis zum neuen James Bond Abenteuer verkürzen? Nein, keine Angst! Dieser Film ist keine `reine` Klamotte, sondern ein gelungener Genre-Mix mit Lachgarantie. Was nicht zuletzt daran liegt, dass mit Peter Segal ein erfahrener Komödien-Experte ("Nackte Kanone 33 1/3", "Die Wutprobe", "50 erste Dates") als Regisseur ausgewählt wurde, die Chemie zwischen den Hauptdarstellern stimmt und vor allem Anne Hathaway eine absolut positive Überraschung sowohl als taffe Agentin im Ledermantel als auch in den Slapstickszenen im Ballkleid ist. Zusammen mit ihnen und dem hervorragenden Cast (u.a. Bill Murray als `Baumagent`) ist gute Unterhaltung also garantiert. Endlich mal wieder eine positive Überraschung!

Der Film startet am 17.07.2008 in den deutschen Kinos.

Eintrag im Filmarchiv

Louis Leterrier: Der unglaubliche Hulk (USA 2008)

gesehen am 07.07.2008, Preview, Christian

Die Figur Hulk, die sich Dank seiner unglaublichen Kampfkraft, Größe und Stärke zu einer der populärsten Zeichentrick-Helden des letzten Jahrhunderts entwickelte, wurde von Autor Stan Lee und Zeichner Jack Kirby erfunden und debütierte im Mai 1962 in einer Marvel-Comic-Serie. Lee und Kirby schwebte dabei nicht ein „reiner“ Held a la „Superman“ vor, sondern ein „missverstandener Held“. Ein Monster, groß und zerstörerisch, das ein gutes Herz haben sollte. Nach einigen TV-Auftritten als Zeichentrickfigur in den 60ern und als reale Figur in den späten 70ern trat Hulk erstmalig im Jahre 2003 auf der großen Leinwand in Erscheinung. Ang Lees (über)ambitionierter Interpretation der Saga vom Superhelden im Krieg mit sich selbst wurde jedoch von den Fans und entsprechend an der Kinokasse abgestraft. Nur fünf Jahre später, die Marvel Studios sind inzwischen unabhängig, präsentiert sich das 08er-Modell nun als aufgepumpte Steroid-Action-Variante. Statt Arthouse-Liebling Ang Lee (Der Eissturm, Brokeback Mountain) hat nun der französische Actionregisseur Louis Leterrier (The Transporter) das Regie-Ruder übernommen. Auch er erzählt noch einmal die Geschichte des Wissenschaftlers Dr. Bruce Banner (Edward Norton statt Eric Bana), der durch biochemische Experimente verstrahlt, ein Leben im Abseits führt und in dessen Körper eine unbändige Kraft ruht, die nicht mehr zu kontrollieren ist: Bei jedem Anflug von Wut mutiert Banner zu Hulk, dem gewaltigen, grünen Monster.

Im Gegensatz zu Ang Lees Verfilmung mit Eric Bana bekommt es Edward Norton hier mit einem Widersacher zu tun: Als die Heilung seiner unkontrollierten Mutationen für ihn zum Greifen nah ist, erscheint die alles zerstörende Bestie Abomination: Der mutierte Super-Soldat Emil Blonsky (grimmig: Tim Roth) hat sich aus purer Machtgier ähnlichen Experimenten unterworfen wie Banner. Und seine Zerstörungswut übertrifft die des grünen Hünen bei weitem. Um Abomination zu bekämpfen, muss der Wissenschaftler eine quälende wie endgültige Entscheidung treffen: Entweder er wählt das friedliche Leben als Bruce Banner, oder er akzeptiert sein inneres Monster und formt es zum Helden.

Diese Neuauflage ist ein trauriger, grimmiger Film. Die zahlreichen CGI-Effekte sind zwar der einer 150-Millionen-Dollar-Produktion angemessen, doch auf eine nachvollziehbare Charakterzeichnung oder gar eine Prise Humor im Stile beispielsweise des hervorragenden „Iron Man“ wartet der Kinobesucher in diesen 110 actionreichen Minuten vergeblich.

Eintrag im Filmarchiv

Mike Leigh: Happy Go Lucky (GB 2007)

gesehen am 27.06.2008, Vorpremiere Köln, Regina

Grundlos gut gelaunte Menschen können einem ganz schön auf den Zwirn gehen. Im wahren Leben würde ein Mensch wie Poppy (Sally Hawkins) genau das tun und bestenfalls reagierte man stirnrunzelnd - schweigend - wie der Buchhändler zu Beginn des Films. Auf der Leinwand aber sorgt die Hauptdarstellerin aus "Happy-go-Lucky" (= unbekümmert) für eine wundervolle Form der Heiterkeit. Der Film hätte auch "Poppy" heißen können. Wie gewohnt konzentriert sich Regisseur Mike Leigh voll und ganz auf seine Hauptfigur. Die ist ebenso stimmig und überzeugend wie ihr Nord-Londoner Umfeld. Und sollte "Happy-go-Lucky" an der Kinokasse ein Erfolg werden (was ihm zu gönnen ist), dürfte Sally Hawkins` Gesicht für die nächsten Jahre mit dieser einen Rolle in Verbindung gebracht werden.

Während man die Schauspielerin in Woody Allens London-Desaster "Cassandras Traum" gleich wieder vergessen hat, schafft sie es hier mühelos, den gesamten Film zu tragen. Weil Mike Leigh im Gegensatz zu Allen nicht den Eindruck hinterlässt, er habe sich in ein ihm fremdes Milieu verlaufen und Dialoge nach der Lektüre des "So spricht die Working-Class"-Lehrbuches geschnitzt.

"Happy-go-lucky" ist ein inhaltlich letztlich herrlich belangloser, aber technisch und schauspielerisch perfekter Gute-Laune-Film und für Sonnen- wie Regentage. Auf die Synchronisation darf man gespannt sein. Für Liebhaber von Filmen im Originalton: Das im O-Ton schwer verständliche Cockney-Englisch ist allerdings ohne deutsche Untertitel weniger zu empfehlen.

Der Film wird am 03. Juli in den deutschen Kinos starten.

Eintrag im Filmarchiv

Jennifer Flackett, Mark Levin: Die Insel der Abenteuer (USA 2007)

gesehen am 02.06.2008, Pressevorfuehrung, Christian

Genau zur richtigen Zeit: Ein Film, der Urlaubsstimmung verbreitet: Die 12-jährige Nim (Abigail Breslin, `Little Miss Sunshine`) lebt gemeinsam mit ihrem Vater Jack (Gerard Butler), einem Wissenschaftler, auf einer entlegenen Insel mitten im Ozean. Als Jack während einer Forschungsfahrt mit seinem Boot in einen Sturm gerät und hilflos auf dem offenen Meer festsitzt, ist seine Tochter, abgesehen von ihren tierischen Freunden, auf dem abgeschiedenen Eiland plötzlich ganz auf sich allein gestellt. Doch damit nicht genug: Ein Kreuzfahrtschiff voller Touristen, die Nim dank ihrer bluehenden Fantasie für Piraten haelt, legt am Strand an. Per Internet kontaktiert Nim ihren grossen Helden, den draufgaengerischen Abenteurer Alex Rover (ebenfalls Gerard Butler), dessen Geschichten die eifrige Leseratte regelmaessig verschlingt. Sie weiss nicht, dass hinter Alex in Wahrheit keineswegs der vermutete Abenteurer, sondern eine schuechterne, neurotische Bestseller-Autorin steckt.

Alexandra Rover (Jodie Foster) hat aufgrund ihrer zahlreichen Phobien seit mehreren Wochen ihr Haus nicht mehr verlassen. Und nun erhält sie einen Hilferuf von einer 12-Jaehrigen... Dem Regie-Duo Jennifer Flackett / Mark Levin ist hier eine sehr suesse Verfilmung eines Kinderbuches gelungen. Dabei wird auf Fantasie statt auf Effektspektakel gesetzt und ganz bewusst ein Kindertraum inkl. dressierter Tiere und tolpatschiger Erwachsener bebildert. In den Rollen dieses sehenswerten Familienfilms glaenzen neben Jodie Foster und Gerard Butler vor allem Abigail Breslin als Nim.

Nicholas Stoller: Nie wieder Sex mit der Ex (USA 2008)

gesehen am 02.06.2008, Pressevorführung, Christian

Hauptdarsteller Jason Segel kommt aus der Dusche. Plötzlich steht seine hübsche Freundin Sarah (Kristen Bell) (unerwartet früh von einem Drehtag zurück) vor ihm in der gemeinsamen Wohnung. Sie sind seit über fünf Jahren ein Paar. Doch Sarah, TV-Star einer erfolgreichen Krimiserie, bringt keine guten Nachrichten mit: Sie will sich von ihrem Peter, dem mittelmäßig begabten Komponisten, trennen. Peter lässt vor Schreck sein Handtuch fallen; er steht komplett nackt vor Sarah. Dieser ist das sichtlich unangenehm. Doch Peter bleibt eine gefühlte Ewigkeit so vor ihr stehen. Und mit ihm friert anscheinend auch die Kamera. Eine Situation, die sicherlich den meisten unangenehm wäre. Nur nicht dem kreativen Team um (wieder einmal) Judd Apatow. Diesmal hat sich der zurzeit erfolgreichste Komödien-Hitproduzent seinem Hauptdarsteller aus seiner „Feeks and Geeks“ TV-Serie, Jason Segel, angenommen und dessen Drehbuch umgesetzt. Und was macht der? Der besetzt sich gleich selbst in der Hauptrolle.

Segel spielt einen ganz und gar durchschnittlichen Typen namens Peter Brenner, der erst verlassen wird, daraufhin nach Hawaii reist, um seine Trauer zu verarbeiten, dort auf (wie der Titel schon verspricht) seine Ex trifft, um diese dann mit der attraktiven Hotel-Angestellten Mila Kunis eifersüchtig machen zu können. Der Inhalt klingt so viel versprechend wie der Titel des Films. Und „Forgetting Sarah Marshall“, wie der Film im Original heißt, ist auch die befürchtete Selbstinszenierung, die der versierte Kinobesucher bereits beim flüchtigen Betrachten der Namen auf dem Filmplakat vermuten dürfte. Nur werde ich mich an dieser Stelle hüten, den Film komplett zu verreißen. Denn der Film hat viiiele Tiefen aber zugegeben auch einige Höhen. Die kleinen Glanzlichter dieser neuen Apatow-Mischung aus Schock und Zärtlichkeit setzen die hervorragend besetzten Nebendarsteller. So verkörpert beispielsweise Apatow-Jünger Jonah Hill („Superbad“) einen Restaurant-Platzanweiser, wie man ihn bisher noch nicht gesehen hat oder ein großartiger Bill Hader überzeugt als unvergleichlicher Supernerd und Film-Bruder mit noch nie zuvor gesehenen und absolut empfehlenswerten Bruder-Tipps. Selten hat mich ein Film gleichermaßen so abgestoßen wie unterhalten. Ja, ich bin ratlos.

Der Film startet am 12. Juni in den deutschen Kinos.

Thomas Roth: Falco - Verdammt wir leben noch (Österreich / Deutschland 2008)

gesehen am 28.05.2005, Pressevorführung, Christian

„Es war um 1980 – und es war in Wien und..“. Wie schön, die 80er Jahre! Ja, ein Song katapultierte damals einen jungen Österreicher in die Weltöffentlichkeit. Rock me, Amadeus! Der Wiener Hans Hölzel, hier überzeugend verkörpert von Manuel Rubey, erobert Anfang der 80er Jahre die Musikcharts und schreibt Pop-Geschichte. Kurz zuvor hatte er sich als neue Kunstfigur erschaffen: Falco. Erst der coole Rocker aus Wien, dann der Schwarz-weiße Anzug, Sonnenbrille und reichlich Gel in den Haaren. Die Verkleidung sitzt und kann auch hier überzeugen. Der "Film zur Kunstfigur" von Thomas Roth, der auch das Drehbuch geschrieben hat, beschreibt Aufstieg und Fall dieser Figur, die sich so perfekt selbst erfunden hat, dass der eigentliche Mensch hinter ihr verschwindet. Doch sind es nicht gerade die Betrachtungen der schwierigen, menschlichen Momente, die ein gutes von einem schlechten Biopic unterscheiden?

Trotz einer netten Ausstattung und einigen sehenswerten Einstellungen (Falco sitzt in "Steven Soderbergh Manier" am Steuer seines Jeeps, mit dem er gleich in den Tod fahren wird) gelingt es Regisseur und Drehbuchautor Roth nur in Ansätzen, sowohl der Figur Falco als auch den Stimmungen der Zeit gerecht zu werden. Der Motor des Films ist und bleibt die Musik, die ein bisschen das 80erJahre-Feeling zurückholt.

Der Film startet am 05. Juni 2008 in den deutschen Kinos.

Steven Spielberg: Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels (USA 2008)

gesehen am 19.05.2008, Pressevorführung Köln, Christian

Die Geschichte, die Mode, die Musik und vieles mehr lehrt uns: Alles taucht irgendwann noch einmal auf! Auch die (besonders durch den Streik der Drehbuchautoren angeschlagene) amerikanische Filmindustrie bildet da keine Ausnahme. Nach John McClane (Stirb langsam 4.0), Rocky Balboa oder John Rambo darf nun eine weitere Ikonographie aus den 80ern zeigen, dass sie noch nicht in den ewigen Schatzkammern der Filmmuseen eine ewige Ruhestätte gefunden hat. Henry `Indiana` Jones III. - Halbtagskraft an der Uni, Fachbereich Geschichte, Spezialgebiet Archäologie - wurde noch einmal berufen, um der Welt von sagenumwobenen Schätzen zu berichten.

Lange 19 Jahre hat es gedauert, bis das Dreamteam Spielberg/Lucas ihren Helden Harrison Ford mit einem geeigneten Drehbuch überreden konnte, zum vierten Mal in die Lederjacke des Abenteurers Indiana Jones zu schlüpfen. Über 1,1 Mrd Dollar hatten die ersten drei Teile der Indy-Saga weltweit eingespielt. Und wenn Geschichtsprofessor Henry Jones III. nach wenigen Filmminuten auf der Leinwand seinen Hut vom Staub befreit, dürften viele Fan-Herzen vor Freude Purzelbäume schlagen. Jede der 122 Filmminuten wird von Regisseur Spielberg genutzt, um der Ikonographie Indiana Jones gebührend die Ehre zu erweisen. Freunde, Feinde, Liebschaften und auch figuren-typischen Einfälle tauchen aus den vorherigen Leinwandauftritten noch einmal auf, um dem mittlerweile gut 60jährigen Indy aktiv zur Seite zu stehen. Und neben Indy wurde still und heimlich auch ein altes Feindbild der Amerikaner, die Russen (angeführt von Cate Blanchett), noch einmal aus der Mottenkiste gekramt, um die zugegeben ziemlich unwichtige Handlung, angesiedelt in den späten 50ern, halbwegs glaubhaft voran zu treiben.

Bei all den zahlreichen Bemühungen blieb nur eins auf der Strecke: der Charme des Handgemachten, der noch die ersten drei Teile ausgezeichnet hat. Das CGI-Kino von heute, der junge Nachwuchsheld und das augenscheinliche Vorbild, die Science-Fiction-B-Filme der 50 Jahre, wollen nicht so Recht mit der Abenteuerfigur aus den 80ern zusammenpassen. Alles in allem liefert dieser vierte Teil nur gute Unterhaltung, die irgendwie ohne Nachhall auskommen muss.

Eintrag im Filmarchiv

Adnan G. Köse: Lauf um dein Leben (Deutschland 2007)

gesehen am 20.11.2007, Vorpremiere, Regina

Ja, eine Vokuhila macht noch keine 80-er Jahre. Auch wenn das, was ich vor einigen Monaten vorab sehen durfte, noch nicht die endgültige Version war (vor allem am Ton war noch zu feilen), so war doch schon abzusehen, dass "Lauf um Dein Leben" insgesamt eher nur ein mittelprächtiger Film ist.

Das "Nachbildenwollen" der 80-er Jahre ist insgesamt fehl geschlagen. Was nicht ganz so tragisch ist, da die Geschichte genauso gut im Hier und Jetzt spielen könnte. In der Hauptsache steht und fällt ein Film wie dieser mit dem Hauptdarsteller. Denn ich muss ihm den Junkie wie den Ironman gleichermaßen abnehmen. Doch ich tue bei Max Riemelt weder das eine noch das andere. Das größte Manko ist: Man fiebert einfach nicht mit, das Schicksal lässt einen relativ unberührt. Und das liegt an der Leistung des Hauptdarstellers, der zwar ein ums andere Mal für tolle Kino-Rollen besetzt wird, aber als Schauspieler genauso überfordert wie überschätzt ist. Ich finde ihn schlicht langweilig.

Welch eine Offenbarung ist dagegen Robert Gwisdek als "Motte"! Glaubwürdig in jeder Szene. Und noch eine positive Überraschung hält der Film bereit: Axel Stein. Mal nicht als Comedy-Proll, sondern in einer ernsten Rolle zu sehen. Und das noch dazu recht respektabel. Alles in allem ist der Film eine Enttäuschung.

Der Film startet am 24. April in den deutschen Kinos.

Susanne Bier: Things We Lost in the Fire (USA 2007)

gesehen am 03.04.2008, Pressevorführung, Christian

Wenn es um die richtig GROSSEN Gefühle (Trauer, Verlust, etc) im Kino geht, tut sich Hollywood nicht selten etwas schwer. Das können die Europäer manchmal viel besser heißt es in Branchenkreisen und so verwundert es nicht, dass hier eine dänische Regisseurin das hervorragend besetzte Melodram um eine amerikanische, vierköpfige Familie erzählt. Die Familie Burke aus Seattle, um die es hier geht, muss den Verlust des geliebten Ehemanns und fürsorglichen Vaters verarbeiten, der durch eine tragische Rettungsaktion ums Leben gekommen ist.

Die Dänin Susanne Bier (`Brothers - Zwischen Brüdern`, `Nach der Hochzeit`) darf sich hier erstmals an einem Hollywoodfilm versuchen, was der talentierten Regisseurin überzeugend gelingt. Audrey (Halle Berry) und Brian Burke (David Duchovny) sind seit 11 Jahren glücklich verheiratet. Als Brian eines Abends etwas Eis für seine Kinder holen will, wird er Zeuge eines tätlichen Angriffs auf eine Frau. Er will ihr zu Hilfe eilen, rechnet aber nicht damit, dass der Angreifer, ihr betrunkener Ehemann, eine Waffe zieht. Dieser Vorfall wird in Rückblenden erzählt, denn es geht hier nicht um den Vorfall selbst, sondern um die Bewältigung der Trauer nach dem Ereignis. Die zweite Schlüsselfigur ist Brian´s Schulfreund Jerry (Benicio Del Toro), ein Junkie, zu dem der erfolgreiche Familienvater Brian nie den Kontakt abgebrochen hatte. Nicht nur seine Frau war gegen diese Freundschaft. Nach der Beerdigung bittet Audrey den alten Schulfreund, bei ihr in die leer stehende Garage einzuziehen. Eine Chance für beide, den Verlust zusammen zu verarbeiten.

Dass Susanne Bier eine hervorragende Schauspieler-Regisseurin ist, hat sie nicht zuletzt mit ihrem hervorragenden Drama `Nach der Hochzeit` (2006) bewiesen. Hier bekommt sie mit dem Oscar-prämierten Duo Berry / Del Toro nun zwei Schauspieler an ihre Seite gestellt, mit denen eigentlich nichts schief gehen sollte. Eigentlich. Denn obwohl der erfahrene Kameramann Tom Stern (Kameramann zahlreicher Clint Eastwood Filme) für wundervolle Bilder sorgt, Halle Berry überzeugend die wunderschöne trauernde Witwe verkörpert und Benicio Del Toro einmal mehr eine Oscar-reife Leistung abliefert, bleibt die große, tiefe Anteilnahme aus. Der Film ist schlichtweg zu glatt, zu schön, ja fast zu rein, um hier die nötigen tiefen Gefühle erzeugen zu können.

Der Film, der bei uns "Eine neue Chance" heißen wird, startet am 29. Mai 2008 in den deutschen Kinos.

Eintrag im Filmarchiv

Steve Brill: Ein Mann für alle Fälle (USA 2007)

gesehen am 03.04.2008, Pressevorführung, Christian

`Jungfrau (40), männlich, sucht…`, `Ricky Bobby`, `Beim ersten Mal` oder `Superbad`. Zur Zeit scheint es keine Komödie eines großen Studios zu geben, mit der nicht der Name Judd Apatow in Verbindung gebracht wird. Hier tritt das Allround-Genie als Produzent auf, das Drehbuch wurde vom Apatow Freund Seth Rogen verfasst. Dass aber jede kreative Ader irgendwann einmal versiegt, zeigt sich mehr als deutlich am Beispiel `Drillbitt Taylor`, wie diese, noch freundlich formuliert, sehr unterdurchschnittliche Komödie im Original heißt.

Wieder einmal geht es um junge High-School-Schüler, die eben nicht zu den bestaussehenden, sportlichen oder angesagten Jungs gehören. Wade, Ryan und Emmit gehen das Problem sachlich an: Gleich am ersten Tag auf dem Campus wird ihnen bewusst, dass ihnen nur zwei Möglichkeiten bleiben: Entweder sie ergeben sich der Schreckensherrschaft der Schulrowdys oder sie brauchen dringend Schutz. Per Zeitungsanzeige suchen sie nach einem Bodyguard und entscheiden sich dann für den obdachlosen Glücksritter Drillbit Taylor (Owen Wilson) und seine überaus seltsamen Hilfsmaßnahmen. Er zeigt ihnen Selbstverteidigungstechniken wie mexikanisches Judo, gibt ihnen orakelhafte Weisheiten mit auf den Weg und schleicht sich bewaffnet mit einer Kaffeetasse als Lehrer ein, um seinen drei Schützlingen tatkräftig zur Seite zu stehen.

Wie in dieser klischeehaften Komödie Obdachlose, Lehrer und Jugendliche gezeichnet sind, grenzt schon an Beleidigung. Die Drehbucheinfälle in diesem B-Movie sind bestenfalls zweitklassig, die Story ist vorhersehbar, der Humor-Faktor tendiert gegen lauwarm. Nein, diese Komödie ist ein Ärgernis. Und was Owen Wilson bewegen konnte, in diesem Film mitzuwirken, kann wohl nur er allein beantworten.

Der Film wird am 15. Mai in den deutschen Kinos starten.

Martin Scorsese: Shine a light (USA 2007)

gesehen am 28.02.2008, Preview in Köln, Christian

Entweder man mag sie oder man mag sie nicht. Die Rede ist von Konzertfilmen im Kino, manchmal auch „Musikkino“ genannt. Und damit sind die „reinen“ Konzertfilme gemeint, keine Biopics a lá „Ray“ (2004), „Walk the Line“ (2005) oder „Control“ (2007), sondern nur das Konzert. Vom Aufbau bis zum Schlussakkord. Wenn allerdings ein Regisseur vom Format eines Martin Scorsese („Taxi Driver“, „GoodFellas“, „The Departed“) Künstler mit der Kamera begleiten will, sollte man etwas genauer hinschauen. Wir haben es getan und waren, obwohl wir eher den ungefilterten Live-Genuss bevorzugen, ganz angetan.

Vorweg: Martin Scorsese mag Musik und er mag Dokumentationen. Bereits 1978 begleitete er die Rolling Stones, um die es hier auch geht, bei einem Konzert und machte daraus eine Konzertdoku namens „The Last Waltz“. Sehr sehenswert. Eher unbemerkt blieb fast drei Dekaden später seine Bio-Doku über Bob Dylan.

In „Shine a light“ lassen es die Stones bei ihren zwei Auftritten zugunsten einer Charity-Organisation von Ex-Präsident Bill Clinton im New Yorker Beacon Theatre (2600 Plätze) so richtig krachen. Vorher präsentiert uns Maestro Martin Scorsese kurz schwarzweiße Splitter aus den Vorbesprechungen mit der Band. Es wird viel telefoniert, gescherzt, diskutiert (über Kamerapositionen und das Publikum). Die wichtige Setlist erhält der Regisseur schließlich erst kurz vor dem ersten Ton. Davor taucht Bill Clinton samt Gefolge kurz auf, er ist selbst ganz aufgeregt, Handshake, Smiling-Faces, los geht´s. Hier bekommt man schon ein Gefühl davon, was die Stones alles geleistet haben. Die einzelnen Songs werden nur durch kurze Interview-Schnipsel, vornehmlich aus den Anfangstagen der Band, unterbrochen. Eine angenehme Abwechslung. Dass es Scorsese wie kein zweiter versteht, die Magie dieser Band einzufangen, versteht sich von selbst. Die unzähligen Kameramänner sorgen für die Gänsehaut-provozierenden Bilder. Man hat als Zuschauer das Gefühl, als würde man direkt auf der Bühne stehen. Wie schreibt es ein Kollege: „Wenn Keith Richards die Gitarre klingen lässt und Mick Jagger auf der Bühne herumspringt, als wäre er kaum älter als Zwanzig, wenn junge schöne Mädchen in den ersten drei Reihen johlend stehen und damit ihr Fantum beweisen, dann wird das ungebrochene Charisma dieser Band bewußt.“

Nach dem Abspann nimmt Scorsese dieser Doku jede Schwerkraft, in dem er einen vorherigen O-Ton einstreut: "Wie das Publikum wohl reagiert?". We like it! Mehr ist dem nicht hinzuzufügen.

Diese Doku ist ab dem 04.04.2008 in den deutschen Kinos zu sehen.

Paul Haggis: Im Tal von Elah (USA 2007)

gesehen am 19.02.2008, Preview in Münster, Ingo

Wie weit darf man gehen in einem fragwürdigen Krieg? Dies ist die zentrale Frage des neuen Films von Paul Haggis. `Im Tal von Elah` basiert auf einer wahren Begebenheit, die 2003 nach der Erstürmung des Iraks durch die US-Armee so geschehen sein könnte. Dabei ist Autor und Regisseur Paul Haggis sichtlich um Authentizität bemüht. Sein Film ist vorwiegend in Grau und Blau-Tönen gehalten, was die Stimmung doch erheblich drückt.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Hank Deerfield, dargestellt von einem überzeugenden Tommy Lee Jones, ein Militär-Ermittler im Ruhestand, dessen Sohn nach einem Einsatz im Irak unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt. Jones ist hier immer der Ermittler mit Herz, dennoch nimmt er nur wenig Rücksicht bei seinen Ermittlungen, nicht auf sich und auch nicht auf andere. Er ist hauptsächlich besorgter Vater, der dem Schicksal seines Sohnes nachspürt, das sich dem Zuschauer nach und nach durch Einblendungen von Camcorder-Aufnahmen erschließt. An seiner Seite taucht wenig später Charlize Theron auf, die hier einen weiblichen Detektive verkörpert und einmal mehr gegen ihr Image als Südafrikanische Hollywood-Schönheit anspielt. Zusammen bilden die beiden Schauspiel-Profis ein ehrgeiziges Ermittler-Duo, das den Fall zügig voran treibt, und sämtliche Stolpersteine wie sexistische Anfeindungen von Kollegen und sonstige Hindernisse der örtlichen Militärpolizei gekonnt aus dem Weg räumt.

Zusammen mit Susan Sarandon als Mutter und James Franco als Freund sind es vor allem die überzeugenden Leistungen der Darsteller, die diesen Film aus der Masse der Militärfilme herausheben. Autor und Regisseur Paul Haggis hat peinlich genau darauf geachtet, auf allzu viel Betroffenheits-Rhetorik und Schwarz-Weiß-Malerei verzichten zu können ohne dass die Distanz zum Stoff zu groß wird. Und auch wenn dieser wichtige Film vielleicht ein wenig zu spät kommt, der beste Beweis für sein Gelingen ist wohl die Kritik aus den USA selbst, in der oft zu lesen ist, dieser Film sei "unamerikanisch".
"Im Tal von Elah" kommt am 06.03. in die deutschen Kinos.

Oliver Mielke: Ossi´s Eleven (Deutschland, 2007)

gesehen am 26.02.2008, Preview in Köln, Regina

Sympathische Looser-Komödie aus der Abteilung Plattenbau-Ost. Tim Wilde als Oswald "Ossi" Schneider, der George Clooney von Bitterfeld, empfiehlt sich mit dem Film für weitere Hauptrollen. Überhaupt ist das Ensemble überwiegend gut sortiert, wobei auch Nichtschauspieler Sascha "Sasha" Schmitz als Kantinen-Elvis ordentlich punktet. Nur Stefan Jürgens wirkte seltsam deplatziert.

Der Film verzichtet konsequent auf jede Spur von Glamour, denn Wolfen ist nun mal nicht Las Vegas , eine Eisengießerei kein Casino und Götz Otto ist, bei aller gegebenen physischen Präsenz, kein Brad Pitt. In Wirklichkeit geht es aber auch gar nicht um einen Vergleich mit Stephen Soderberghs smartem "Ocean`s Eleven". Noch nicht mal um den "großen Coup" geht es hier. Dafür verliert sich TV-Produzent und Regie-Neuling Oliver Mielke zu sehr in dem Versuch, die elf verschiedenen Charaktere zu umreißen. Er will Sympathien schaffen für seine gescheiterten und halb gescheiterten Existenzen und walzt dabei bekannte Klischees genüsslich aus. Das Gewalzte ist seiner Natur gemäß platt und schon daher eindimensional, macht insgesamt aber Laune.

Kein großer Film, aber ein netter. Und zur Not würde ich mir auch noch einen "Ossi`s Twelve" ansehen.

Ossi´s Eleven startet am 28.02. in den deutschen Kinos.

Jason Reitman: Juno (USA 2007)

gesehen am 29.01.2008, Sneak-Preview Münster, Ingo

Wie toppt man den Überraschungserfolg seines Regie-Debüts? Nur mit einem gänzlich anderen Thema für den Nachfolger und am besten noch mit einem Genrewechsel. Im Jahr 2006 hat Jason Reitman, Sohn des Regie-Altmeisters Ivan Reitman, dem Kinopublikum mit dem Überraschungserfolg "Thank You For Smoking" die hohe Kunst des Lobbyismus näher gebracht. Mit seiner gekonnten Regie und einem überzeugenden Aaron Eckhard an seiner Seite hat er erstmalig bewiesen, dass zum einen der Apfel nicht weit vom Stamm fällt und zum anderen, er ein hervorragender Schauspiel-Regisseur ist.

Wie im Fall von "Thank You..." steht und fällt auch "Juno" mit dem hervorragenden Drehbuch und der überzeugenden Hauptrolle, in diesem Fall ist es die junge Ellen Page, die trotz einiger kleinerer Nebenrollen und einer überzeugenden Leistung in "Hard Candy" (2006) noch nicht weiter aufgefallen war. Hier geht es um das Thema ungewollte Schwangerschaft, allerdings ohne den üblichen "Hollywood-Zuckerguss" und moralischen Zeigefinger. Juno war der Überraschungserfolg im letzten Jahr in den USA. Der Schauplatz der "Dramödie" ist Minneapolis, genau richtig für eine Geschichte rund um dieses Thema. Im Laufe der Geschehnisse wird ein ums andere Mal das sog. "liberale Amerika" bloßgestellt, denn dem überzeugende Drehbuch der Ex-Bloggerin und Nackttänzerin Diablo Cody glückt die Gratwanderung zwischen Betroffenheit und Humor, weil es unverblümt genau da ansetzt, wo andere wegschauen.

Juno (Ellen Page) ist erst 16 Jahre alt, schwanger und will ihr Kind um jeden Preis austragen. Weil sie aber das Kind nicht behalten will, sucht sie nach einem Ehepaar (Jenniger Garner und Jason Bateman), das ihr Kind adoptiert. Juno ist neugierig, besucht das Ehepaar und das Schicksal nimmt seinen Lauf. Juno freundet sich mit dem Ehemann Mark an, eine Tat, die das scheinbar glückliche Paar vor eine Zerreißprobe stellt. Im weiteren Verlauf der Geschichte bekommt jeder "sein Fett weg", auch und vor allem der Erzeuger des Kindes. "Es geht um Verantwortung" schreit es förmlich aus jeder Szene.
Und der sehr sehenswerte Film ist der beste Beweis dafür, dass man auch mit noch so wenig Geld einen Überraschungshit landen kann, wenn das Drehbuch nachvollziehbare Dialoge bereit hält, der Cast überzeugt, die Musik (Kimya Dawson) stimmig und einfühlsam eingesetzt wird und man auch vor schwierigen Themen nicht zurückschreckt. Bitte mehr davon!
Der Film startet am 20.03. in den deutschen Kinos.

Dennis Gansel: Die Welle (Deutschland, 2007)

gesehen am 28.01.2008, Pressevorführung, Regina

Der Film beginnt mit einem extrem coolen Vorspann und einem furchtbar gegen den Strich gebürsteten Lehrer namens Rainer Wenger, gespielt von Jürgen Vogel. Ich ahne das schlimmste und verdrehe im Dunkel des Kino-Saales die Augen ob der platten Anbiederung der Filmemacher an das junge Ziel-Publikum. Doch zu früh gestöhnt: Dennis Gansel (Regie und Drehbuch) und Peter Thorwarth (Drehbuch) haben die Rolle des Lehrers zwar auf Jürgen Vogel maßgeschneidert und liefern die erklärende Wenger`sche Biografie im Film gleich nach, doch machen sie damit auch deutlich, warum sich die Schüler so für diesen etwas unkonventionellen Lehrer begeistern können.

Ansonsten wurde der Stoff eingedeutscht (aus der Basketballmannschaft wird die Wasserballmannschaft der Schule, aus dem Experiment eine Projektwoche) und auf den Stand des neuen Jahrtausends gebracht, wo Schüler Grafftis malen, Homepages basteln, chatten und bei Youtube, MySpace etc. aktiv sind. Es wurde peinlich genau darauf geachtet, die Geschichte keiner bestimmten Stadt oder Region zuordnen zu können. Eine normale Kleinstadt mit einem normalen Gymnasium mit normalen Schülern sollte es sein.

Für die Schüler-Rollen wurde alles zusammengecastet, was beachtliche Film- und Fernseherfahrung hat und unter 30 ist. Dabei sind u.a. Christina Do Rego ("Besser als Schule"), der immer leicht schläfrig wirkende Max Riemelt (der in diesem Jahr in mindestens drei Kinohauptrollen zu sehen sein wird), Jennifer Ulrich ("Elementarteilchen") und Elyas M`Barek ("Türkisch für Anfänger"). Alle Rollen sind trotz des eigentlich zu hohen Alters für eine Oberstufenklasse überzeugend besetzt.

Mit der Umsetzung des Schulbuchstoffes "Die Welle" hat das befreundete Trio, bestehend aus Dennis Gansel, Peter Thowarth und Produzent Christian Becker nicht nur einen Film geschaffen, den die nächsten Schüler-Generationen im Unterricht anschauen werden (und die sich dann über altmodische Handys und Computer und unmoderne Klamotten amüsieren), sondern auch einen handwerklich beachtlich gut gemachten Kinofilm geschaffen, der auch ob seiner Qualitäten für viele Schulvorführungen taugt. Die Geschichte trägt und funktioniert, sie ist sehr gut umgesetzt und – was ganz wichtig ist – nachvollziehbar umgesetzt. So nachvollziehbar, dass sogar das gegenüber der Vorlage veränderte Ende möglich erscheint.

Das Lehrstück über Gruppendynamik und Gruppenzwang, über Identitätssuche und das Bedürfnis besonders der Jugendlichen, zu einer Gemeinschaft zu gehören und akzeptiert zu werden, ist kein belehrender Film. Er kommt nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daher. Es ist die Aufzeichnung eines so ähnlich tatsächlich abgelaufenen pädagogischen Experiments.

Der Film wird am 13. März in den deutschen Kinos anlaufen.

Sean Penn: Into the Wild (USA 2007)

gesehen am 10.01.2008, Preview in Köln, Regina

Vor dem Kino steht ein uralter VW-Bus, grün-weiß lackiert wie der Bus auf dem Filmplakat, aber viel weniger angeranzt. Ich gebe zu: Eine nette Promo-Idee... Zur Preview erschienen nicht nur die erwarteten Outdoorsandalenträger. Wäre auch schade gewesen, denn Sean Penn zeigt als Regisseur einmal mehr sein Händchen für`s Andere, Besondere und Ungewöhnliche.

"Into the Wild" als Film nach Jon Krakauers Tatsachen-Roman, dem wiederum eine wahre Begebenheit zugrunde lag, ist über seine immerhin 140 Minuten größtenteils faszinierend. Längen gibt es nur wenige, Klischees ein paar. Und egal, ob man nun Bewunderung, Mitleid oder Unverständnis für den "Helden" empfindet: Die Geschichte vom 22-jährigen Totalaussteiger und Einzelgänger Christopher McCandless, der kreuz und quer durch die USA reist, um schließlich in Alaska Erkenntnis wie Ende zu finden, ist fesselnd und in allen Rollen top besetzt. Hervorzuheben ist natürlich Hauptdarsteller Emile Hirsch, mit dem der Film steht und fällt. Fast zu schön ist er, sogar noch in den letzten Bildern, aber mit "Into the Wild" greifen Hirsch samt Regisseur Sean Penn deutlich nach dem Oscar.

Der Soundtrack von Pearl-Jam-Frontmann Eddie Vedder passt gut und tut sein Übriges, die von in der Bandbreite von schön bis grausam gewählten Bilder zu untermalen. Ein erstes Highlight im neuen Kinojahr.

Mike Nichols: Charlie Wilson`s War (USA 2007)

gesehen am 09.01.2007, Pressevorführung in Berlin, Gian-Philip

Mike Nichols, geboren in Berlin, aber einer der Urväter des New Hollywood („Die Reifeprüfung“), ist mittlerweile 76, dreht Filme über sexforschende Aliens („Good Vibrations“), aber es soll niemand sagen, dass er keine Lust mehr auf politisches Filmemachen habe. Hier schickt er Tom Hanks in den Krieg und will beweisen, dass sich Amerika gern als großer Problemlöser ins Scharmützel wirft, um dann aber die Biege zu machen, wenn die `mission` vermeintlich `accomplished` ist, die Aufräumarbeiten aber erst beginnen.

Der Film erzählt von wahren Dingen aus den Achtzigern, denn diesen Charlie Wilson gibt es wirklich, einen texanischen Kongressabgeordneten, einen Demokraten, der, wenn`s drauf ankommt, auch den Republikanern Honig ums Maul schmieren kann. Tom Hanks spielt diesen Wilson exakt so, wie man sich einen bräsigen texanischen Polit-Gschaftlhuber vorstellt: Er gibt einen Charmebolzen, der alle um den Finger wickelt, mal mit Starlets und Stripperinnen koksschniefend im Whirlpool dümpelt, mal mit seinen ausschließlich weiblichen Assistenten schäkert, dazwischen mit feisten, profilneurotischen Provinzbossen dealt und mir nichts, dir nichts über Millionenbudgets verfügt.

Amy Adams („Junebug“, „Verzaubert“) bleibt als Assistentin stets an seiner Seite, die wunderbare Emily Blunt („Der Teufel trägt Prada“) aber darf sich nur kurz vom strengen Entlein zur lasziven Südstaatenschönheit entblättern und kommt dann gar nicht wieder vor! Egal. Es macht Spaß, dem Trubel im gut geschmierten Politalltag zuzusehen, Hanks spielt das locker aus dem Hüftspeck raus, mit Selbstironie und Augenzwinkern. Die Blonde gibt Julia Roberts (ihr erster Auftritt seit „Ocean’s Twelve“) als ebenso engagierte wie sarkastisch-lüsterne Frau. Roberts ist es jedenfalls, die Wilson nach Pakistan und damit den Film auf Kurs bringt. Dort kann er sich nämlich nach einem Gespräch mit Pakistans Diktator Zia Ul-Haq (Vorgänger von Benazir Bhutto und auch Mörder ihres Vaters) ein Bild der riesig großen und entsetzlich elenden Flüchtlingslager im Grenzgebiet zum Nachbarland machen, in denen zahllose Afghanen gestrandet sind.

Nichols filmt die Bemühungen der Turbanträger, die mit den richtigen Panzerfäusten die russischen Helikopter im Sekundentakt vom Himmel holen, in Videospiel-Ästhetik, und man ist sich als Betrachter durchaus unschlüssig darüber, wie man das alles finden soll. „Charlie Wilson’s War“ ist für den Golden Globe als beste Komödie nominiert, und tatsächlich erinnert das Spektakel ein wenig an „Wag the Dog“, diesen Klassiker der sarkastischen Politsatire. Als rotzige, dialogpointierte Einführung ins zynische Politgeschäft funktioniert der Film deshalb auch ganz gut, und wäre er nur das, wäre das ganz toll, weil gewagt.
Doch durch die Klammer, in der sich der am Ende hoch dekorierte Wilson sein Scheitern eingestehen muss – weil das Chaos auch nach dem Abzug der Russen weiterging und aus Mudschaheddin Taliban wurden – nimmt er sich ganz hochmoralisch den satirischen Wind aus den Segeln. Die plötzliche Betroffenheit am Filmschluss (obendrein mit Trompetenschall zugesoßt) passt nicht so recht zur unbekümmerten „success story“ zuvor.
Einen aber muss man noch loben, mal wieder: Philip Seymour Hoffman. Er spielt hier, mit schwarzem Schopf und nie ohne Sonnenbrille, einen rüpelhaften CIA-Spion für gewisse Aufgaben, der Hanks am Kaukasus unterstützt und mit dynamischen Wutausbrüchen, grummeligen Anekdoten und gespitzten Sprüchen alle anderen an die Wand mimt. Auch er ist für den Golden Globe nominiert, als bester Nebendarsteller – gebt ihm den Preis. Aber „beste Komödie“? Nee.

Craig Gillespie: Lars and the Real Girl (USA 2007)

gesehen am 09.01.2007, Pressevorführung in Berlin, Gian-Philip

Ryan Gosling könnte hier zu Lande längst berühmter sein als er es bislang ist. Man kennt ihn als Footballer aus „Gegen jede Regel“, als jugendlichen Mörder in „Mord nach Plan“ und als jungen Detective im 08/15-Hopkins-Krimi „Ein perfektes Verbrechen“; aber ehrlich: im Gedächtnis hängen blieb Gosling mit diesen Filmen nie.
Auch mit „Lars and the Real Girl“ wird ihm dies kaum gelingen, denn der Film ist kein Meisterwerk, aber immerhin ein sehr solider, sehr erquicklicher Independent-Film mit tröstlicher Botschaft. Gosling beweist hier „Mut zur Hässlichkeit“, denn er trägt einen unmodischen Bart, stapft mit schmierigem Seitenscheitel durch die Szenen und verpackt sich oft (denn es liegt die meiste Zeit über Schnee) in alberne dicke Jacken. Ein Sexsymbol sieht anders aus.

Lars ist ein Sonderling, in seinem Elternhaus hinter seinem schäbigen Wohn-Schuppen wohnen keine Eltern mehr, sondern sein älterer Bruder Gus (im Holzfällerhemd: Paul Schneider aus „Die Ermordung des Jesse James...“) samt schwangerer Gattin Karin (Emily Mortimer). Sie sorgen sich um den Sonderling. Als Lars ihnen urplötzlich, aber voller Freude seine neue Freundin, das „real girl“ aus dem Titel, vorstellt, passiert ungewöhnliches: Perplexität in Demonstrationsform, abzulesen an zwei Gesichtern. Denn das Girl ist eine Edel-Sexpuppe mit allem Pi, Pa und vor allem Po, pragmatisch bestellt im Internet. Schwägerin Karin lässt ihn daraufhin erst einmal bei Dr. Dagmar vorbeischauen, der gütigen Dorfärztin, gespielt von Patricia Clarkson. Und damit driftet der Film in zwei Richtungen: Die eine sorgt für skurrile Szenen am laufenden Band, denn auf Rat der Ärztin muss das ganze Dorf mit Ryan mitspielen und so tun, als lebe Bianca, die Puppe, wirklich.

Die zweite Richtung des Films entwickelt das Charakterdrama weiter: Ist Lars zu Beginn noch ein scheuer Sonderling, kommt man nach und nach seiner inneren Isolation auf die Spur. Und es ist klar, worauf der Film hinaus will. Durch seine Wahnvorstellung wird der zunächst als quasi nicht-existent lebende junge Mann zunächst zum Kuriosum, dann aber zum allseits betüttelten Dorfsympathen. Der Weg zur echt-menschlichen Liebe ist irgendwann auch nicht mehr weit. Schließlich steht Kollegin Margo schon seit langem bereit. Lars öffnet sich seinen Mitmenschen immer mehr, geht kegeln, legt eine annähernd flotte Sohle aufs Parkett, und Bianca erledigt sich allmählich von selbst – auch in Beziehungen zu Kunststoffpartnern kommt’s irgendwann zum Streit über die Dinge des Alltags.
Wenn Du einsam bist, mach was von Dir aus, ruft uns der Film aus der Feder von „Six Feet Under“-Autorin Nancy Oliver zu. Gib Liebe! Dann kommt sie auch zurück. Ein frommes Märchen, in jeder Hinsicht, und wenn es dann ins Kino kommt, im März, zwei Wochen vor „Half Nelson“, ist es den Zuschauern hoffentlich noch kalt genug, um von Lars’ Puppenromanze aufgewärmt werden zu können.

Wes Anderson: Darjeeling Limited (USA 2007)

gesehen am 31.12.2007, Preview in Köln, Regina

Das alte (Jahr) geht, das neue kommt! Wir haben viele Vorsätze. So auch einen für diesen Blog. Es geht weiter! Mit großen Schritten. Mögen die guten Vorsätze keine leeren Versprechungen sein. Jetzt hoffentlich noch häufiger, noch regelmäßiger, das neueste aus dem Kino - immer hier!

Leider endet das Kinojahr mit einem, auf das ganze Jahr gesehen, fast symptomatischen Film: "Darjeeling Limited". Einer dieser Filme, die mich ins Grübeln bringen. Darüber, ob ich allein vielleicht den Witz bei "Royal Tenenbaums"-Macher Wes Anderson nicht verstanden habe. Die eher verhaltene Stimmung im Kino während des Films und auch danach sprach aber ohrenscheinlich für die andere Variante.

Da fehlte dem Großteil des Publikums, mir inklusive, also entweder komplett der Zugang, oder der Film war einfach nur langweilig, langweilig, langweilig. Der Einfachheit halber tendiere ich zu langweilig, langweilig, langweilig. Dazu kommt: Die deutsche Synchro ist sicher auch nicht toll, jedoch noch das kleinste Manko. Während sich die Kurzzusammenfassung von "Darjeeling" sehr gut liest und Thema, Szenerie und Darsteller durchaus für einen guten Film getaugt hätten, guckt sich das Endprodukt fad und in puncto Drehbuch und Regie erschreckend einfallslos.

Auf ein besseres Kinojahr und auf die guten Vorsätze!

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Stephen Simon: Gespraeche mit Gott (USA 2006)

gesehen am 14.10.2007, Christian

Sonntage können so gemein sein. Die Sonne hat sich an diesem herrlichen Oktober-Wochenende noch einmal zusammengerissen und was mache ich? Ich sitze im Kino. Das kleine Programmkino um die Ecke hat den Film, um den es geht, passend zum Thema auf den späten Sonntagmittag gelegt. So schafft es auch die Zielgruppe, die Kirchgänger, sich die Gespräche mit Gott direkt nach dem Besuch der Messe anzuschauen. Egal. Ein wenig neugierig bin ich schon. Ist es möglich, einen Weltbestseller, indem es um Gespräche mit einer fremden Macht geht, originell für die große Kinoleinwand umzusetzen? Und was wird da passieren? Eine Stimme aus dem Off? Eine dunkle, in dichtem Nebel gehüllte Gestalt, die sich ab und zu dem Kinozuschauer präsentiert?

Das Rätsel wird gleich mit der ersten Einstellung gelüftet. Die Hauptfigur Neale Donald Walsh, ein Journalist Ende 40, liegt auf einem Sofa und hört seine eigene Stimme aus dem OFF. Außer ihm ist niemand zu sehen. Das Ganze ist dabei so dilletantisch inszeniert, dass ich bereits bei der ersten Einstellung den Kopf schütteln muss. Und so geht es auch noch weiter. Bilderbuchartig werden verschiedene Stationen der Hauptfigur präsentiert. Stets begleitet von tragenden Sphärenklängen. Dabei präsentiert sich die Lebensgeschichte von Neale Walsh im Rhythmus von Abstieg und Aufstieg wohlwollend formuliert bestenfalls im Stil eines mittelmäßigen TV-Movies. Von Henry Szerny, dem Darsteller der Hauptfigur, bekommt der Zuschauer kaum mehr als pathetische Posen zu sehen. Ein Trauerspiel. Ich weiß gar nicht, warum ich bis zum Ende sitzen bleibe? Neugierde vielleicht? Oder ist es die Genugtuung, am Ende zu wissen, wie eine Personality-Show aussehen kann, die einzig und allein dazu dient, einen Pechvogel als `Sprachrohr Gottes` zu verkaufen. Eine späte aber wichtige Erkenntnis. Ein schrecklicher Film.

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Michael Winterbottom: Ein mutiger Weg (USA 2007)

gesehen am 06.08.2007, Pressevorfuehrung, Christian

Verliebt zu sein heißt oft auch verrückte Dinge zu tun. Wer kennt das nicht. Im Filmgeschäft kann dies zu den ungewöhnlichsten Vorfällen führen. Die Hauptrolle in einem Film mit seiner neuen Liebe zu besetzen zum Beispiel. Oder überhaupt einen Film erst ins Kino zu bringen, der die Geschichte einer starken Frau erzählt. Verliebte Produzenten dürfen das. Und verliebte und erfolgreiche Regisseure oder Schauspieler, die einen Film (mit)produzieren, dürfen das schon lange. Die Liste, aus diesem Grund eine Geschichte zu verfilmen, reicht von Ernst Lubitsch (Pola Negri) über Josef von Sternberg (Marlene Dietrich) bis hin zu Renny Harlin (Geena Davis) oder Len Wiseman (Kate Beckinsale). Nun kann man dieser Liste einen weiteren Namen hinzufügen. Hollywood-Star Brad Pitt hat die Aufzeichnungen der Journalistin Mariane Pearl `auserwählt`, um diese mit seiner neuen Liebe Angelina Jolie in Szene zu setzen. Dabei fungiert der Schauspieler hier nicht als Regisseur, sondern als Produzent.

Mariane Pearl, geborene van Neyenhoff, ist Kubanerin, aufgewachsen in Paris und von Beruf Journalistin. Als sie den Wall-Street-Journal- Korrespondenten Daniel Pearl kennenlernt, verliebt sie sich in ihn und es wird schnell geheiratet. Der Film, der die Aufzeichnungen von Mariane Pearl wiedergibt, erzählt die Geschichte des Ehepaares Pearl in der Zeit nach den Anschlägen auf das World Trade Center. Die Pearls, Mariane ist hoch schwanger, reisen nach Pakistan, um etwas über die Drahtzieher der Anschläge zu recherchieren. Das Ende der Geschichte dürfte bekannt sein, weil die Aufzeichnungen der Journalistin Pearl im Jahr 2004 um die Welt gingen: Daniel Pearl wird einen Tag vor der Rückreise nach New York in einen Hinterhalt gelockt, entführt und wenige Tage später bestialiasch hingerichtet.

Nachdem Regisseur Winterbottom in langen Einstellungen das chaotische Leben in der pakistanischen Stadt Karadtchi eingefangen hat, bleibt er bei seiner Hauptdarstellerin und erzählt die weiteren Geschehnisse aus Sicht der Journalistin Mariane Pearl. Angelina Jolie verkörpert die Hauptfigur überzeugend und glaubhaft. Doch hier tritt wieder einmal das ein, was bei vielen verliebten Regisseuren oder Produzenten passiert, die eine weibliche Hauptrolle mit der rosaroten Brille besetzen: Von der neuen Liebe kann es zahlenmäßig gar nicht genug Einstellungen geben. Wenn Frau Jolie sich nicht ein- oder zwei- sondern dreimal - ein Schaumbad nimmt, wenn sie sich den schwangeren Bauch streichelt, wenn sie mehrfach einfach nur den Raum betritt oder beim buddhistischen Gebet gezeigt wird, verschmelzen Charakter und Star, der Zuschauer erlebt die Invasion des Boulevard-Glamour-Stars in den Film und über dessen Anliegen. Das ist schade, auch weil Regisseur Michael Winterbottom, der Moralist des Weltkinos, sichtlich um Authenzitität bemüht ist.

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Robert Thalheim: Am Ende kommen Touristen (D 2007) | Ohr 3 min. mp3-Kommentar

gesehen am 05.07.2007 Pressevorfuehrung, Christian

Zurück aus dem Urlaub. Viele Filme gesehen. Weiter geht es im Blog... Ich kann mich noch gut an meinen Zivildienst erinnern. Malteser Hilfsdienst. Rettungswache Osnabrück. Krankentransporte. Wir waren ein Team. Nie einsam. Nicht so einsam wie der Protagonist im neuen Film von Robert Thalheim zumindest. Und das macht die Geschichte hier umso spannender.

Sven, ein neunzehnjähriger Berliner, herausragend verkörpert durch Neu-Entdeckung Alexander Fehling, will eigentlich in Amsterdam seinen Zivildienst ableisten. Doch alle wollen nach Amsterdam. Der Platz ist schnell weg und Sven bietet sich nur noch eine Alternative im Ausland: Eine Zivildienststelle in Ausschwitz. Sven nimmt die Herausforderung an und muss erkennen, dass er mit der Last der Geschichte, die auf dem Ort und damit auch auf den Bewohnern lastet, nicht zurecht kommt.

Was hier wie eine Psychostudie oder ein Drama klingt, hat Regisseur Robert Thalheim geschickt in andere Fahrwasser gelenkt. Thalheim nähert sich der schweren Thematik zurückhaltend, liebevoll. Ich schließe mich einem Kollegen des Branchenmagazins Blickpunkt:Film an, der es so wie ich sieht. Thalheims leiser Film über die Schwierigkeit der Vergangenheitsbewältigung kommt ohne Pathos aus und bietet dafür viele kleine bewegende Momente. Ein Film nicht unbedingt für die Leinwand, dafür bedient er sich zu selten der Möglichkeiten, aber ein wichtiger Film besonders für´s Fernsehen. Großen Anteil daran hat auch sein gutes polnisch-deutsches Ensemble.

Der Film wird am 16.08.2007 in den deutschen Kinos zu sehen sein.

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Armin Völckers: Leroy (D 2007)

gesehen am 12.07.2007, Pressevorführung Berlin, Gian-Philip

Endlich können sich KinogängerInnen wieder auf einen deutschen Teeniefilm freuen: "Leroy" war mal ein Kurzfilm und als solcher so gut, dass Regisseur Armin Völckers (eigentlich ein Maler) die Story in Langform brachte und jetzt die erste offizielle deutsche "Rassismus-Komödie" vorlegt. Im offiziellen Auftrag: Das BKM, Bundesministerium für Kultur und Medien, steht dahinter.

Eine weise Entscheidung, denn charmanter, witziger und sogar hintersinniger ist Rassismus-Kritik im deutschen Kino meines Wissens noch nicht vorgekommen. Im Mittelpunkt steht ein jugendlicher Deutscher von divergierender Ethnie (Leroy ist Schwarzer, weil sein Erfindervater schwarz ist, und obwohl seine Politikermutter weiß ist und im Rathaus Schöneberg als "grüne Mamba" arbeitet), er hat einen deutschen Kumpel, der von Constantin von Jascheroff mit gekonnter Lässigkeit gespielt wird, und wird erfrischend querhumorig gescherzt und ordentlich gekloppt. Wie es dazu kommt?
Nun, Leroy verknallt sich in eine engelsgleiche Blondine namens Eva (Anna Hausburg), es läuft auch alles super, sie kommen zusammen, doch Evas Familie ist "rechts". Der Vater ist REP-Abgeordneter, die Mutter ein naives Blondchen, die fünf Söhne dumpfe Skinheads mit germanischen Namen, die ihre Debilitäts-Hierarchie durch permanente Kopfklatscher in bester Stooges-Manier in Schach zu halten versuchen.
Mit Leroy, dem "Neger" mit Riesen-Afro, kann solch dummdeutsche Umgebung natürlich schwer umgehen, und so läuft die Liebe Gefahr, romeo-und-julianisch an den Verhältnissen zu scheitern. Leroy wendet sich, inspiriert durch die Plattenverkäufer des real existierenden Kreuzberger Plattenladens Scratch Records (darunter Afrob als "Blackula"), der militanten Black-Power-Geschichte zu, trägt nun einen Ledermantel wie "Shaft" und schreitet zur Gegenwehr.
br>In einer guten Welt würden Teens nicht in amerikanischen Highschoolmurks gehen, sondern in "Leroy". Ob die Welt also gut ist, zeigt sich Ende September, wenn "Leroy" in deutschen Kinos anlaufen wird.

David Yates: Harry Potter und der Orden des Phoenix (GB 2007)

gesehen am 04.07.2007, Pressevorführung in Berlin, Gian-Philip

Der als publikumswirksamer Seriöser geschätzte (TV-)Regisseur David Yates war keine schlechte Wahl für „Harry Potter und der Orden des Phoenix", fiel im gleichnamigen Band der J.K.-Rowling-Saga die Stimmung doch stark ins Gedämpfte. Und tatsächlich: Potter-Film Nummer Fünf unterscheidet sich deutlich vom vorangegangenen „Feuerkelch"-Teil. Das wird jene freuen, denen dieser zu sehr zur Teeniekomödie geraten war, und jene enttäuschen, die an „Harry Potter" die Geschichte vom Erwachsenwerden stets lieber mochten als den pompösen Fantasy-Überbau....

Hier den ganzen Text lesen....

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Colin Nutley: Schwedisch für Fortgeschrittene (S 2007)

gesehen am 29.06.2007, Preview in Köln, Regina

Die Bar der einsamen Herzen

Ein Freund sprach nach Begutachtung der Vorschau: "Betrunkene Frauen, die um die Häuser ziehen und Spaß haben." und meinte, das sei wohl kein Film für ihn und überhaupt für Männer eher ungeeignet. Lustigerweise verirrten sich Männer denn auch nur sehr vereinzelt in die Preview. Der Ruf scheint dem erfolgreichsten schwedischen Film des letzten Jahres vorauszueilen.

Ja, es geht um`s Spaß haben im Leben und die Geschichte ist wirklich wenig kompliziert. Sie geht eher so: Heißer Feger trifft ausgewachsene Mauerblume und man freundet sich an. Ein Film, den man, wären Männer die Hauptdarsteller, ein "Buddy-Movie" nennen würde. Einer, der oft genug nah am Klamauk ist, der gar nicht erst versucht, besonders tiefschürfend daherzukommen und der seine beiden stärksten Momente bei einer völlig entfesselten Streit-Szene auf der Damentoilette und beim nächtlichen krawalligen Torkeln durch die Fußgängerzone hat.

Schwedische "Nimm-Dein-Leben-in-die-Hand"-Filme kommen ohne arbeitslose tränensackbehangene Sozialhilfeempfänger in hässlichen Plattenbausiedlungen aus und man muss sich anschließend nicht deprimiert fühlen. Das ist ganz erfrischend. Ein kleiner Film über`s Älterwerden und über Freundschaft, über spießigen Nachwuchs und midlifecrisisgebeutelte Männer (kein Mitleid!). Mit vielen schönen Songs. Kann frau gucken, am besten mit der Freundin, muss sie aber nicht.

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Raman Hui, Chris Miller: Shrek der dritte (USA 2007)

gesehen am 12.06.2007, Sneak-Preview in Münster, Christian

Aller guten Dinge sind drei in diesem Filmjahr 2007. Ob die vielen Sequels immer nur Geldmacherei sind, möchte ich hier nicht diskutieren. In fast 80 Prozent aller Fälle jedoch gehen die vielen Fortsetzungen zu Lasten der Qualität der Ursprungsidee. Wie gesehen, auch im dritten Teil von Shrek.

Obwohl bei einem Budget von 160 Millionen Dollar für Teil 3 auf technischer Seite keine CGI-Wünsche offen bleiben, wird das starke aber oft erfolglose Bemühen der Drehbuchentwickler um Chris Miller in punkto Inhalt in jeder Szene sichbar. Hier tritt das ein, was oft mit `auserzählt` oder `ausgelutscht` beschrieben wird. Während der zweite Teil noch an das Niveau des ersten Teils anknüpfen konnte, auch weil er die Entwicklung der Figur voran trieb (und ein gestiefelter Kater hinzukam), bietet Shrek der dritte keine neuen Fortschritte, ja mehr noch, sogar ein Rückschritt ist erkennbar.

Der dritte Teil beginnt mit dem Todeskampf von Shreks Schwiegervater, König Harold, einem Frosch: Als dieser Shrek in den (albernen) letzten Sekunden seines Lebens zum Thronfolger bestimmt, versucht sich der gruene Oger als Regierungsoberhaupt. Doch die Qualen, die damit verbunden sind, sind Shrek zu viel. Die Suche nach einem geeigneteren Thronfolger beginnt. Shrek sticht in See und versucht stattdessen den jungen Artie, den einzigen weiteren Anwärter, zu dieser Ehre zu ueberreden. Doch auch Prinz Charming, der Bösewicht aus dem Vorgaengerfilm, hat seine Ambitionen noch nicht aufgegeben und plant mit anderen finsteren Gestalten einen Angriff auf das Schloss des Landes.

Die Unverfrorenheit der ersten beiden Filme, den zahlreichen Märchenfiguren ein ganz neues, anderes Bild zu geben, weicht auf und wird hier durch Milde ersetzt. Der Demaskierung der Legenden um Captain Hook, Merlin, Schneewittchen, Bambi und Co. fehlt es an Schlag- und Überzeugungskraft - ebenso wie dem Oger selbst. Shrek ist gutmütiger und glatter geworden. Und langweiliger. Da können letztendlich auch die zahlreichen kleinen kotzenden Nachkommen der Oger-Familie den Film nicht mehr retten.

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Sam Gabarski: Irina Palm (GB 2006)

gesehen am 11.06.2007, Preview in Köln, Regina

Sam Garbarski umschifft alles Peinliche, das das Thema vielleicht geboten hätte. Stattdessen gibt er durch Marianne Faithfull (Irina / Maggie) der Vorstadt-Hoffnungslosigkeit ein Gesicht. Marianne Faithfull wiederum verdankt ihre Hauptrolle einer spontanen Eingebung des Regisseurs und bewegt sich schlafwandlerisch sicher durch die Szenerie. Ein Traum von Darstellung auf altmodischen Stiefeln!

Bei allem Drama darf viel gelacht werden: Die Typenzeichnung, neben Maggie
besonders der schrulligen Damen aus der Nachbarschaft, ist großartig und die Konfrontation der "Wanking Widow" mit nie gekannten Problemen wie "Penisarm" bergen großes Heiterkeitspotenzial. Nur ein Detail hat mich gestört: Das Schlussbild. Diese Entwicklung, die sich
schon vorher andeutete, war mir – Märchen hin oder her – zu sehr "drüber".

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Juan Carlos Fresnadillo: 28 Weeks later (GB 2007)

gesehen am 05.06.2007 Pressevorfuehrung, Christian

Vier Jahre nachdem Danny Boyle mit `28 Days later` erfolgreich den Splatter-Film reanimiert und einem Massenpublikum zugänglich gemacht hat, kommt nun die Fortsetzung in die deutschen Kinos. Und obwohl Sequels von Horrorfilmen ein schlechter Ruf voraus eilt, ist der erfolgreiche Regisseur des Erstlings hier zusammen mit seinem langjährigen Weggefährten Alex Garland als Produzent auch mit an Board. Boyle hätte sicherlich auf eine Fortsetzung der Horrorgeschichte verzichtet, wenn ihm nicht das Drehbuch des spanischen Teams um Jung-Talent Juan Carlos Fresnadillo in die Hände gefallen wäre. Dieses wirkt vordergründig zwar etwas konventionell, zwischen den Zeilen jedoch hält es kleine, intelligente Reflexionen unserer heutigen Gesellschaft bereit.

London, 28 Wochen nach Ausbruch des tödlichen Rage-Virus: Nachdem das US-Militär unter NATO-Mandat die Kontrolle übernommen hat, ist das Virus ausgerottet, die letzten befallenen Ex-Menschen sind verhungert. Die ersten Flugzeuge bringen wieder Bewohner nach London. Darunter sind auch die beiden Kinder eines Familienvaters (Robert Carlyle), der einst den mutierten `Infizierten` in einer waghalsigen Flucht entkommen war. Durch die kindliche Neugierde der beiden, schafft es eine `Infizierte`, die den Flammen der Armee entkommen war, in die gesperrte Zone durchzudringen. Daraufhin verbreitet sich das Virus erneut.

Die kühle und gleichsam faszinierend tempohafte Inszenierung von Fresnadillo, der 1996 mit seinem Kurzfilm „Esposados“ einen Oscar gewann, sorgt dafür, dass die Fortsetzung von Boyles Überraschungserfolg `28 Days later` gelingt. Fresnadillos` Erfahrungen als Kurzfilmer geben dem Film einen ganz eigenen Stil. Wie ein schnelles Stakkato ziehen die nicht immer magenfreundlichen Szenen am Auge des Betrachters vorbei. Und die guten Leistungen der Darsteller sorgen für den nötigen Schuss Faszination und `Mitgefühl`.

Kevin Smith: Clerks 2 (USA 2006)

gesehen am 01.06.2007, Pressevorfuehrung, Christian

Obwohl die DVD in der Originalversion als EU-Import längst im Handel ist, wird der Film hierzulande mit etwas Verspätung am 12. Juli ins Kino gebracht. Ob dieses Wagnis aufgeht? Ich glaube schon. Der Film ist rotzfrech und wird sein Publikum finden.

Rückblick. Clerks, die Ladenhüter, eine 27 tsd Dollar Schwarz-weiß-Produktion aus den USA fand 1994 über Umwege den Weg in den Verleih. Der Film kam ohne eine erkennbare Dramaturgie, ohne Spannungsbogen aus. Zwei Ladenhüter, Dante und Randal, unterhalten sich über Alltägliches und Unsinniges. Der Film kam so gut an, dass er schnell das Prädikat `Kult` erhielt und weltweit über 10 Mio. Dollar einspielte. Der junge Regisseur Kevin Smith, der in seinem Film einen wenig gesprächigen Passanten namens Silent Bob spielte, wurde von vielen Seiten gedrängt, rasch einen Nachfolger zu drehen. Doch Smith entwickelte zunächst Projekte, die ihm mehr am Herzen lagen, wie zum Beispiel `Chasing Amy` (1997), `Dogma` (1999) oder `Jersey Girl` (2004).

12 Jahre später hat Regisseur und Drehbuchautor Kevin Smith das Drehbuch zu seinem zweiten Teil von Clerks fertig gestellt. Es setzt dort an, wo Teil 1 endete (natürlich in schwarz-weiß), vor dem Quick Stop, einer Art Tante-Emma-Laden an der Straße. Als Dante Hicks (Brian O´Halloran) wie jeden Morgen seinen Laden aufschließt, muss er hilflos mitansehen, wie sein Laden sprichwörtlich in Flammen aufgeht. Die Flammen sind feuerrot, der Film von nun an in Farbe. Nach wenigen Schnitten sind die beiden Freunde Dante und Randal in einer Fast-Food-Kette angestellt, in der sich weit mehr Freaks tummeln, als den beiden lieb ist.

Clerks 2 knüpft nahtlos an den grandiosen ersten Teil an. Die beiden Ladenhüter sind zwar älter geworden, aber deshalb noch lange nicht reifer, kundenfreundlicher oder politisch korrekter. Leider fehlt es dem zweiten Teil etwas an `Verve`. Vieles wirkt wie zusammengestückelt. Doch einige Szenen, allen voran eine Überraschung mit einem liebestollen Esel, entschädigen für die nicht immer stimmige Inszenierung und sorgen für reichlich Lach- und auch Kultpotential.

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Steven Soderbergh: Ocean`s Thirteen (USA 2007)

gesehen am 01.06.2007, Pressevorfuehrung, Christian

Die Ocean-Bande ist zurueck. Wie schoen! Die Erwartung, dass der dritte Teil ein richtig guter Film wird, ist nicht allzu hoch. Doch unterhaltend muss er sein. Zumindest diese Erwartung wurde nachher aber auch erfuellt.

Jedoch der Reihe nach. Die Bande ist dieselbe, das Motiv ist ein anderes. Zum dritten Mal versammelt Ober-Gauner Danny Ocean (George Clooney) seine Freunde um sich, um ein krummes Ding zu drehen. Doch diesmal geht es nicht um Geld, sondern um Rache. Ein Gruendungsmitglied der Ocean-Bande wurde bei einem neuen Las-Vegas Prestige-Objekt uebel ueber den Tisch gezogen. Grund genug fuer die restlichen Jungs, dem neuen Super-Hotel-Casino von Willie Banks (Al Pacino) und seiner schoenen Geschaeftsfuehrerin (Ellen Barkin) einen Besuch abzustatten. Darauf freut sich auch Ocean-Neu-Mitglied Terry Benedict (Andy Garcia).

Nach dem eher maessigen Erfolg des zweiten Teils besinnt sich Regisseur Steven Soderbergh auf seine Erfolgsformel des ersten Teils: Ein gewitzter Plan, reichlich gut aussehende Stars, wenig Dialoge, alles ultra-cool und smart. Mehr braucht gute Unterhaltung nicht. Ein guter Film jedoch schon. Aber darum ging es hier nicht. Wie gesagt, die Erwartungen waren nicht allzu hoch und wurden nicht enttaeuscht.

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Michael Schorr: Schröders wunderbare Welt (D 2007)

gesehen am 23.05.2007, Preview in Münster, Christian

Eine weitere Preview in Münster. Und für diese hat sich sogar der verantwortliche Regisseur angekündigt. Es ist Michael Schorr, Dokumentarfilmer aus Landau, dessen erster Spielfilm `Schultze gets the Blues` über 600.000 Besucher ins Kino gelockt hat.

Sein neuer Film erzählt die Geschichte von Frank Schröder (Peter Schneider), dessen wunderbare Welt im Dreiländereck zwischen Tschechien, Polen und Deutschland entstehen soll. Und zwar in Form eines Lagunenbades. Frank Schröder ist ehemaliger Tagebauer und nun Anlageberater. Um seinen Plan erfolgreich umsetzen zu können, kann der Mittdreißiger sogar seinen aus Russland entwurzelten amerikanischen Chef (Jürgen Prochnow) mit der Verheißung einer archaischen Wolfsjagd in die ländlichen Weiten locken. Im Dorf selbst bereitet sich alles auf ein großes Volkfest vor.

Natürlich gestaltet sich das Vorhaben schwieriger als vermutet. Aus dieser Idee schöpft der Humor eine große Portion Durchschlagskraft. Und natürlich muss Frank Schröder nicht nur an seinen übergroßen Träumen, sondern auch am Kleinmut lokaler Bezirksvorsteher scheitern, die eigene Belange in den Vordergrund stellen. Doch Regisseur Schröder lässt seine Figuren nicht im Stich. Er fängt diese zwar nur selten in Nahaufnahmen ein und das Gesamtgeschehen am liebsten in Totalen oder Halbtotalen (Dokumentarfilm-Vergangenheit), doch dieses Konzept, verbunden mit dem langsamen Tempo, macht es vor allem zu Beginn und auch über weite Strecken des Films interessant, dem Geschehen zu folgen.

Wir haben den Regisseur Michael Schorr nach dem Film interviewt, hier…

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Gore Verbinski: Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt (USA 2007)
| Ohr mp3-Kommentar

gesehen am 21.05.2007, Pressevorführung, Christian

Bauchschmerzen, Aufregung, Schlaflosigkeit. Und das vor einer Filmpremiere. Aufregung? Zugegeben, das ist doch etwas übertrieben. Dennoch muss ich gestehen, dass ich mich wie ein kleines Kind auf die Vorführung des dritten Teils von „Fluch der Karibik“ gefreut habe. Oder sollte ich jetzt besser schreiben auf die Vorführung von „Pirates of the Caribbean“? Der dritte Teil will ein eigener Film sein. Ist er aber nicht. Und das bricht ihm letztendlich das Genick.

Im letzten Teil der Piratensaga von Gore Verbinski fügt sich zusammen, was zusammen gehört. Aber das müsste von vornherein jedem klar gewesen sein. Von viel größerem Interesse ist zunächst die Antwort auf die Frage: „Wie konnte Johnny Depp alias Captain Jack Sparrow den Untergang seines Schiffes (in Teil 2) überleben?“ Einfache Antwort: Muss er gar nicht. Er steht von den Toten wieder auf. Und seine Crew hilft ihm dabei. Für diese Rettungsaktion begibt sich das Team, angeführt vom großartigen Geoffrey Rush, in das Reich der Toten. Und das ist bei den Piraten natürlich eine Reise in die Wüste. Oder an das titelgebende „Ende der Welt“. Nach einer aufrüttelnden Einführung, in der Regisseur Verbinski nicht einmal vor der Darstellung einer Exekution eines kleinen Piratenjungen zurückschreckt, wird die Geschichte etwas surreal. Jack Sparrow entkommt in einer Salzwüste nur knapp seinem eigenen (kompletten) Wahnsinn. Einige hundert Steinkrebse transportieren ihn samt Schiff ins weit entfernt gelegene Meer. Salvadore Dali lässt grüßen.

Nach dieser Rettungsaktion geht es Schlag auf Schlag. Im wahrsten Sinne des Wortes. Eine Keilerei jagt die nächste. Das Drehbuch schlägt Haken im Minutentakt. Figuren werden eingeführt (Chow Yun-Fat), um im nächsten Moment sofort wieder von Board geworfen zu werden. Langweilig wird dem Zuschauer hier sicher nicht. Die 170 Minuten Spielzeit vergehen wie im Fluge. Keith Richards bekommt seinen Kurzauftritt, der wirklich enttäuschend kurz ist. Und am Ende wird natürlich alles gut. Spätestens dann ist Zeit zum Durchschnaufen.

Das alles gleicht doch sehr einer Jahrmarktattraktion? Stimmt. Nichts anderes ist „Pirates of the Caribbean“: Eine nie langweilige, filmgewordene Themenparkattraktion mit viel Schauwert und wenig Inhalt. Während der erste Teil noch witzig und der zweite noch ein wenig spannend war, ist der dritte `nur` noch ein wenig aufregend.

Eintrag im Filmarchiv

Sylvain White: Stomp the Yard (USA 2007)

gesehen am 20.05.2007, Christian

Einige Dinge gehen gar nicht im Kino. Zum Beispiel ein Story-Gerüst immer und immer wieder neu erzählen. Ich muss dann immer an das sehr lesenswerte Buch des Kritikers Roger Ebert von der Chicago Suntimes denken, das `I hated, hated, hated this movie` hieß. Sehr empfehlenswert übrigens. Ebert hätte diesen Film in der Luft zerissen.

Worum geht es? Im Prinzip um die selbe Geschichte die schon in `Flashdance`, `Step Up` oder `Honey` erzählt wurde: diese Geschichte vom tanzenden Underdog, der oder die es allen beweisen will oder muss, ist mittlerweile so oft erzählt worden, dass es sich fast erübrigt, die vermeintliche Erfolgsformel nochmals zu erwähnen. Dennoch wird hier das Rezept erneut gekocht. Und diesmal ganz ohne neue Zutaten: Auch hier geht es um einen sympathischen Verlierer, in diesem Fall Street-Dancer Donald James alias DJ aus L.A. (Columbus Short), den es nach einer bösen Tat zu bessern gilt. Auch hier geht es um zwei rivalisierende Gangs, die um den Gewinn einer Meisterschaft konkurrieren. Was fehlt? Genau: Das hübsche, wohlhabende Mädel, das aus den Händen eines fiesen Nebenbuhlers befreit werden muss.

Und was lernen wir daraus? Richtig. Aufgewärmt schmeckt nicht immer besser. Ein guter Videoclip hätte wohl in diesem Fall weit mehr zu bieten gehabt. I hated this movie.

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Julie Delpy: 2 Tage Paris (F 2007)

gesehen am 15.05.2007, Preview in Essen in Anwesenheit von Julie Delpy und Daniel Brühl, Regina

Einen Film, den man in Deutschlands schönstem und wohl auch größtem Kino sieht, kann man nicht schlecht finden. Auch die für eine Deutschlandpremiere relativ relaxte Veranstaltung mit vergleichsweise überschaubarem Hype am roten Teppich und überaus auskunftsfreudigen Protagonisten auf der Bühne, tragen zum positiven Gesamteindruck bei. Vor dem Film spielte zunächst die Dortmunder Band "Roughtones", die die Musik zum Film beisteuerte, laut und heftig auf. Dann hieß es eintauchen in den Extrakt zweier Tage Familienchaos in der französischen Hauptstadt.

In dem Film wird geredet, geredet, geredet. Und alle Figuren sind bekloppt. "2 Tage Paris" ist eine überdrehte Komödie über das Zusammenprallen zweiter (Klischee-)Welten, bei der Multitalent Julie Delpy fast alles selber gemacht hat. Familie und Freunde standen dabei nicht nur zur Seite, sondern auch vor der Kamera. "2 Tage Paris" hat einige wunderbare Gags vorzuweisen und ist eines sicher nicht: Langweilig. Aber der Film ist anstrengend. Sehr, sehr anstrengend für den Zuschauer. Er sieht zwar so aus, als sei er seiner Macherin leicht von der Hand gegangen und habe ihr viel Freude bereitet, aber die Überdosis verarbeiteter Neurosen und Binsenwahrheiten ist schwer zu verdauen, zumal die Figurenzeichnung nicht recht glaubwürdig geraten ist. Immerhin werden mir zwei herrlich groteske Szenen aus "2 Tage Paris" auf lange Zeit im Gedächnis bleiben. Die eine hat mit einer ziemlich fetten Katze zu tun, die andere mit nicht minder beleibten amerikanischen Touristen.

"2 Tage Paris" hat übrigens außer der Hauptdarstellerin und der Machart nichts mit der banal-genialen Paris-Postkarte "Before Sunrise" zu tun. Die von vielen Kritikern zur Zeit herbeigezogenen Vergleiche können sich lediglich auf die Konstellation "Französin mit Amerikaner in Paris – redend" beziehen und sind daher zu vernachlässigen.

Dennoch war diese Vorführung in diesem Ambiente und mit dem Besuch der redefreudigen Darsteller ein Erlebnis.

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Aberrahamane Sissako: Bamako (Mali / F, 2006)

gesehen am 07.05.2007, Münster, Christian

Eine Reise nach Afrika. Heute Abend nur bedingt freiwillig. Deshalb ist die Vorbereitung etwas mager ausgefallen. Doch bei wenig Vorbereitung ist die Überraschung meist umso größer. Das hat die Vergangenheit stets gezeigt. Nur ein weiterer Filmfreund hat sich mit mir heute Abend in das Kino geschlichen. Ein schlechtes Vorzeichen? Ich hoffe nicht!

Der Film basiert auf einer interessanten Idee: Im fünften Spielfilm von Regisseur Aberrahamane Sissako stehen die Weltbank und der Internationale Währungsfond vor Gericht. Und das nicht etwa mit offiziellen Vertretern der Einrichtungen, sondern mit Darstellern aus dem afrikanischen Dorf des Regisseurs. Der Ort der Verhandlung ist ein Innenhof irgendwo in der malischen Hauptstadt Bamako. Zeugen sind die Bürger von Mali. Die Gerichtsverhandlung wird immer wieder von Ereignissen des Dorflebens unterbrochen, wenn etwa die Hausbewohner von einer Hochzeitsgesellschaft eingeladen werden. Das gibt der ganzen Thematik eine zu Herzen gehende Dramatik, weil die Ungerechtigkeiten der Verteilung in dieser Keimzelle besonders zum Vorschein kommen. Der Mangel an sachlicher Distanz jedoch lässt den Film im Laufe der Zeit langatmig werden. Der Verteidiger wird von vornherein erst gar nicht ernst genommen und die Frage nach realpolitischen Alternativen wird ignoriert. Schade! Diese Reise bot nur wenig neue Eindrücke.

Pepe Danquart: Am Limit (Deutschland 2006)

gesehen am 07.05.2007, Münster, Christian

Das ist wirklich clever! Eigentlich hatte der Dokumentarfilm über zwei Extrem-Kletterer von Pepe Danquart seinen Deutschlandstart bereits am 22. März. Doch die Münsteraner Filmtheaterbetriebe sind nicht dumm. Sie wissen, dass ein anderer Klettermaxe, ein gewisser Herr Peter Parker alias Spider-Man, im Mai einen großen Hype rund um das Thema `Klettern` auslösen wird. So bauten sie eine große Kletterwand im Cineplex auf und nahmen gleich diesen Kletterfilm von Danquart passend mit ins Programm. Gar nicht dumm. Dies ist übrigens der letzte Teil von Pepe Danquarts Sportfilm-Trilogie.

Nach seinem Besuch in der Berliner Eisbären-Arena (`Heimspiel`) und der Tour de France (`Höllentour`) geht es jetzt in die Berge. Und zwar an die berühmte `Nose`, einen etwa 1000 Meter hohen Granitfelsen im amerikanischen Yosemite-Nationalpark. Danquart begleitet mit einem mehrköpfigen Kamerateam die beiden Brüder Thomas und Alexander Huber bei ihrem Versuch, die `Nose` in einer Rekordzeit von zweieinhalb Stunden zu besteigen. Und wer die Filme des Oscar-Gewinners Danquart kennt, der ahnt schon, dass sein Film nur sehr wenig mit einer Luis Trenker Bergsteiger-Romantik der 30er und 40er Jahre zu tun hat. Hier geht es sehr viel realistischer zur Sache. Dennoch kann sich der Film nur in sehr wenigen Einstellungen von einer oft durchschimmernden Werbefilmästhetik befreien. Den `Huberbuam` wurde hier ein zwar zugegeben atemberaubend bebildertes Denkmal gesetzt. Doch mit einer kritischen Auseinandersetzung des Männlichkeitswahns Extrem-Profi-Bergsteigen hat das leider nur sehr wenig zu tun.

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Gregory Hoblit: Das perfekte Verbrechen (USA 2007) | Ohr 4 min. mp3-Kommentar

gesehen am 02.05.2007, Pressevorführung D´Dorf, Christian

Wenn im Presseheft zu lesen ist: "Die Entstehung eines atemberaubenden Thrillers ist immer schwierig. Von der ersten Idee über das Drehbuch bis zur Produktion ist es normalerweise ein langer, umständlicher Weg" heißt dies in den meisten Fällen, dass das Drehbuch über viele Jahre durch viele Hände ging, bevor es verfilmt wurde. Und so ist es auch: Das Script stammt noch aus der Blütezeit des Hochglanz-Thrillers, die nun schon mehr als zehn Jahre zurückliegt und in der die Filme in den seltensten Fällen, abgesehen von Werken wie `Basic Instinct` (1992) oder `Under Suspicion - Mörderisches Spiel` (2000) spannender waren als das Drehbuch es vermuten ließ. Auch diese Geschichte ist eher `konventionell`.

Ingenieur Tedt Crawford (Anthony Hopkins) entdeckt, dass seine schöne junge Frau eine Affäre hat. Er plant ihren Tod und weil er nicht dumm ist, einen perfekten Mord. Bei diesem Thriller handelt es sich also nicht um ein "Who-done-it", sondern eher um ein "How he´ve done it". Alles, was die Zuschauer im Kino erfahren ist, dass aus der Tatwaffe, mit der Crawford augenscheinlich seine Frau umgebracht hat, kein Schuss abgefeuert wurde. Und ohne Tatwaffe, kein Täter. Genau mit diesem Problem muss sich der junge Anwalt Willy Beachum (Ryan Gosling) beschäftigen, der den Fall zunächst für `schnell erledigt` hält. Doch da wusste der junge Anwalt noch nicht, mit wem er sich einlässt.

Diese altbekannte `Katz und Maus` Geschichte wird um ein paar unbedeutende Randgeschichten ergänzt. So haben wir es hier mit einem Schauspielerkinofilm zu tun, der sich an der Klasse der Protagonisten messen lassen muss. Und während Anthony Hopkins, der hier endlich nach langer Zeit mal wieder in die Rolle des Bösewichtes schlüpft, seine Rolle mit Bravour ausfüllt, kann ihm der junge aber durchaus talentierte Ryan Gosling zu keiner Sekunde das Wasser reichen.

Regisseur Gregory Hoblit, der mit `Zwielicht` (1996) oder `Frequency` (2000) zeigen konnte, dass er sein Handwerk versteht, zeigt aber mit diesem, seinem fünften Thriller, dass er noch weit entfernt ist vom Können beispielweise eines Paul Verhoeven oder Stephen Hopkins.

Eintrag im Filmarchiv

Sam Raimi: Spider-Man 1-3 (USA 2002-2007)

gesehen am 30.04.2007, Triple-Feature Münster, Christian

Ich muss verrückt sein - komplett verrückt. Montagmittag, strahlendblauer Himmel, 25 Grad Celsius. Und jetzt freiwillig in´s Kino. An diesem Nachmittag zeigt das Cineplex in Münster alle Spider-Man-Filme hintereinander. Den krönenden Abschluss liefert der brandneue, der letzte Film der Spider-Man-Trilogie. Aber ich bin ein Fan. Nicht nur ein Film-Fan, sondern auch ein Fan von Spider-Man. Alle Comics des erfolgreichen Marvel-Helden durfte und konnte ich mir in meiner Jugend leider nicht leisten, aber doch sehr viele. Und jetzt zwingt mich diese Leidenschaft um 17 Uhr ins Kino. Na ja, `zwingen` ist hier vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck.

Der Saal ist bereits am späten Nachmittag sehr gut besucht. Etwa 200 Spider-Man-Begeisterte tummeln sich mit mir im großen Saal 5 des Cineplexes in Münster. Nach einigen Filmtrailern öffnet sich die Leinwand für den ersten Auftritt, der nur vom zweiten nach einer kurzen Pause noch einmal überboten wird. Spannung, Dramatik und Opulenz der Bilder steigen kongruent mit Ablauf der Spielzeit. Kann der dritte Teil diesen Anstieg fortführen? Erst einmal ist die Freude, den zweiten Teil noch einmal gesehen zu haben, sehr groß. Denn Spider-Man 2 ist in allen Belangen ein großartiger Film.

Über fünf Stunden Filmvergnügen liegen bereits hinter mir, da öffnet sich die große Leinwand zum dritten Mal. Der Film des Abends steht nun auf dem Programm. Aber was soll jetzt noch kommen? Es ist doch alles erzählt? Der junge Peter Parker, der als Schüler von einer genmanipulierten Spinne gebissen wurde und sowohl mit eigenen als auch mit fremden Super-Kräften fertig werden musste, hat seinen Schulabschluss geschafft. Seiner großen Liebe Mary-Jane hat er am Ende des zweiten Teils, mit diesem `Handicap` geschlagen, einen Korb gegeben und seine Freunde versprachen ihm die ewige Treue. Doch die Saga geht weiter. Die zahlreichen Gegner aus den noch zahlreicheren Comics stehen schon Schlange.

Und im dritten Teil sind es derer gleich zwei. Als Peter und seiner Tante May mitgeteilt wird, dass der Verantwortliche am Tod des geliebten Onkels noch auf freiem Fuss ist, keimt in dem sonst so charakterstarken Peter ein Gefühl auf, dass er noch nicht kannte: Rache. Regisseur Sam Raimi hüllt seine Bilder und auch das Kostüm seines Helden in bedrohliches schwarz und die Musik wird zunehmend finster, sobald Peter sich diesem neuen Gefühl hingibt. Zudem wird Peter von einem Virus, einer schwarzen Klebmasse aus dem Weltraum, befallen, die ihm noch mehr Kraft und Dynamik verleiht. Ab diesem Zeitpunkt ändert sich auch das Outfit des Zivilisten Peter Parker, dem ein schwarzer Lidstrich um die Augen eine neue Coolness verleihen soll. Eine Tolle soll zudem betont lässig das sonst so liebe Gesicht in `bösartig` verwandeln. Nicht jeder im Kino kann sich mit der Verwandlung des netten Schülers Parker in einen rachsüchtigen, gestressten Studenten anfreunden. Wie gut, dass das hervorgerufene Kopfschütteln ganz schnell verdrängt wird durch den Auftritt von, zu diesem Zeitpunkt, drei Bösewichtern, die Spider-Man kräftig in seine Schranken weisen.

Ob und wie sich Peter Parker alias Spider-Man gegen die neuen Gegner zur Wehr setzt, dass sollte sich jeder selbst im Kino anschauen. Spider-Man 3 ist beiweitem kein schlechter Film. Doch weniger wäre hier eindeutig mehr gewesen.

Eintrag im Filmarchiv

Ralf Westhoff: Shoppen (Deutschland 2006)

gesehen am 24.04.2007, Sneak-Preview Münster, Christian

Eine Sneak-Preview ist immer eine tolle Sache. In Forrest Gump Manier könnte man auch behaupten: "Die Veranstaltung ist wie eine Pralinenschachtel. Man weiß nie, was als nächstes kommt." An diesem Abend war es der Film "Shoppen" von Ralf Westhoff. Ein Erstlingsfilm. Und eine gute Wahl für das junge und filmbegeisterte Sneak-Publikum.

Regina hatte in diesem Blog schon über die Preview des Films in Köln berichtet. Und sie schrieb auch, dass sie sehr angetan war. Ich schliesse mich der Begeisterung an, weil sich der Mut des Regisseurs, einen Film mit einer Dokumentarfilm-Thematik in das Gewand einer Komödie zu kleiden, ausgezahlt hat. Die Schnitte sind rasant, das Tempo somit sehr hoch und das Timing sitzt perfekt. Der Film glänzt in erster Linie durch die vielen klaren Pointen, vorgetragen von einer jungen Darstellerriege, rekrutiert aus Münchner Theaterschauspielern. Sie alle geben den beteiligten Figuren die so elementar wichtige Ernsthaftigkeit. Und auch wenn der Regisseur auf cinematographische Bilder verzichtet und sein Ensemblefilm manchmal wie ein langes Casting-Video wirkt, wird auch hier wieder deutlich, wie wichtig gut geschriebene Dialoge für einen Film sind.

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Antoine Fuqua: Shooter (USA 2007)

gesehen am 22.04.2007, Münster, Christian

Oh je, oh je! Mark macht mobil! Nach seinem fulminanten Auftritt in `The Departed` darf das ehemalige Unterwäschemodel Mark Wahlberg nun in einem Actionfilm den Alleinunterhalter spielen. Wahlberg gibt hier den Scharfschützen Bob Lee Swagger, der bei einer geheimen Mission in Äthiopien nicht nur seinen besten Freund verliert, sondern auch von seiner eigenen US-Army-Einheit hängengelassen wird. Der junge Soldat quittiert nach der gescheiterten Mission den Dienst und zieht sich in die heimischen Berge zurück. Als ein erfahrener Colonel (Danny Glover) ihn um Hilfe bei der Vereitelung eines möglichen Mordanschlags auf den Präsidenten bittet, verlässt Swagger sein gewähltes Exil und gerät prompt in eine Verschwörung. Das Attentat auf den Präsidenten misslingt zwar, doch Swagger wird des Mordes an einen äthiopischen Prediger beschuldigt und fortan von den Behörden gnadenlos gejagt. Er wendet sich an Sarah (Kate Mara), die Freundin seines früheren Partners, und versucht mit ihr die Verschwörung aufzudecken. Dieser absolut vorhersehbare Actionthriller von Antoine Fuqua (`Training Day`) misslingt auf der ganzen Ebene. Ein völlig überzogener Ein-Mann-Feldzug in Rambo-Light-Manier.

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Peter Sempel: Musikkurzfilme von 1980 bis heute (D 2007)

gesehen am 17.04.2007, Münster, Christian

Mal etwas ganz anderes. Nach einer längeren Pause nahm der filmclub münster, Deutschlands ältester noch existierender Filmclub, sein Programm wieder auf. Unter der Rubrik `CineMucke` werden bis Mitte Juni Musik-Filme aller Art in Münster gezeigt. Wirft man einen Blick in das filmclub-Programm, ist vom Jazz- bis zum Punk-Film alles dabei, was das Musikfilm-Liebhaberherz begehrt. Meine Erfahrungen mit Musikfilmen im Kino sind durchweg positiv (siehe ältere Einträge), deshalb war ein Besuch dieser Veranstaltung Pflicht.

Am ersten Abend der Reihe wurde der Hamburger Dokumentarfilmer Peter Sempel nach Münster eingeladen. Sempel hatte sich (als Punkmusikliebhaber) mit kleinen, dreckigen Filmen über Punkmusik auf Super-8 früh einen Namen gemacht. Spätestens als die "Einstürzenden Neubauten" einen Film von Sempel als Video für ihren Song "kauften", war für Sempel klar, dass er seine Berufung und somit auch seinen Beruf gefunden hatte. Sempel zeigte an diesem Abend etwa 10 seiner Kurzfilme. Alles schnelle, billige, dreckige Dinger, ungeschnitten und getreu seinem Motto: Kamera drauf und los! Kurzfilme über Auftritte von Tocotronic, Nina Hagen, Blixa Bargeld oder Lemmy, dem Säger von Motorhead, wechselten sich ab mit aktuellen Aufnahmen aus einem arabischen Restaurant und älteren Zeitdokumenten. Die Kurzfilme wurden stets mit einer netten Anekdote und einem kurzen, rotzfrechen Kommentar begleitet. Ein interessanter Abend mit Kurzfilmen eines besessenen Filmemachers aus Hamburg. Wer mehr über Sempel wissen oder mehr von ihm sehen will, der sollte sich die Homepage sempel.com des Hamburgers anschauen. Es lohnt sich!

Robert Altmann: Robert Altmanns Last Radio Show (USA 2006)

gesehen am 16.04.2007 in Münster, Christian

Über die Betitelung ausländischer Filme kann man streiten. Ich tue es nicht mehr. Ich bin müde. Streitmüde. `Robert Altmans Last Radio Show`. Also bitte. Der Regisseur solcher Meisterwerke wie `Gosford Park`, `Short Cuts` oder `The Player` würde sich sicherlich im Grabe umdrehen, wenn er diesen deutschen Titel seines Filmes dorthin übersetzt bekäme.

Der Originaltitel des Films lautet „Prairie Home Companion“. Und ich bleibe bei dem Titel. „Praire Home Companion“ ist ein unspektakulärer Film über eine Live-Radioshow irgendwo im mittleren Westen, die es tatsächlich gibt. Doch der Zuschauer ist hier nicht nur Zuhörer, der Zuschauer sitzt neben vielen anderen im Publikum der Live-Übertragung und darf auch ab und an mal hinter die Kulissen blicken. Auf einer Bühne wird gut gelaunt gesungen und musiziert. Vornehmlich Country- und Western-Songs. Das Ganze wird live ausgestrahlt. Garrison Keillor, der Erfinder und Moderator der Show, hat das Drehbuch geschrieben und spielt sich selbst. Gedreht wurde in dem Theater, in dem die Show auch tatsächlich aufgezeichnet wird. Dass es ein Hollywoodfilm ist, erkennt man vor allem daran, dass die Stars sich die Klinke in die Hand geben. Meryl Streep überzeugt einmal mehr, hier vor allem durch ihre tolle Stimme, Lindsay Lohan überrascht mit einer ernsthaft überzeugenden darstellerischen Leistung und einen starken Eindruck hinterlassen vor allem die, die auf der Bühne spielen: Dabei gehört der stärkste Auftritt hier sicherlich Woody Harrelson und John C. Reilly, die ein irrwitziges Lied über schlechte Scherze zum Besten geben. Die Stimmung ist ausgelassen gedämpft, weil dies die letzte Show ist. Es geht auch um Abschied. Ob der Altmeister bewusst diesen Stoff gewählt hat? Zumindest ist ihm einmal mehr ein spektakulär unspektakulärer Film gelungen.

Eintrag im Filmarchiv

Thierry Michel: Congo River (Belgien / Frankreich 2006)

gesehen am 16.04.2007 in Münster, Christian

Weiter geht´s mit einem Dokumentarfilm. Auch mit etwas Verspätung in Münster eingetroffen: Seinen Deutschlandstart hatte der Film bereits am 14.12.2006. Doch vielleicht haben sich die Kinobetreiber bei diesem Film etwas dabei gedacht. Denn diese spannende Dokumentation ist die ideale Einstimmung für die nächste Urlaubsplanung - sollte es evtl. nach Afrika gehen.

Dokumentarfilme können bekanntlich unterhalten, aufklären, anregen, aufrütteln oder einfach nur erzählen. Dieser Film, der auf der Berlinale 2006 mit großem Beifall aufgenommen wurde, ist von allem etwas und noch ein bisschen mehr. Der belgische Dokumentarist Thierry Michel ist monatelang mit einem Fährboot auf dem Kongo mitgereist, von der Quelle bis zur Mündung. Der Kongo ist der zweitlängste Fluss der Welt. Geschichten über Land und Leute gibt es viel zu viele. Michel zeigt und dekonstruiert zugleich den Mythos der `großen Schlange` wie die Kongolesen ihren Fluss nennen indem er während seiner Reise in einem spannenden Off-Kommentar die belgische Kolonialgeschichte anreißt, von Reisen der Forscher Livingstone und Stanley erzählt und behutsam alte Filmdokumente einstreut, die für reichlich spannende Abwechslung sorgen. Ihm ist so ein herausragender, ergreifender und äußerst lehrreicher Dokumentarfilm gelungen, den man unbedingt gesehen haben sollte. Und nicht nur wenn sich die nächste Reise nach Afrika erst in einigen Jahren realisieren lässt.

Christian Labhart: Zum Abschied Mozart (Schweiz, 2005)

gesehen am 09.04.2007, Christian

Einige Filme kommen mit etwas Verspätung nach Münster. Aber sie kommen. Und das ist gut so. Hier ein weiterer, schon etwas älterer Beitrag aus der Schweiz. Angeblich mögen die uns ja da drüben nicht mehr. Zu viele Deutsche im Land. Deshalb schicken sie uns nun ihre ganzen Filme rüber. Auch gut.

Im Hinblick auf die Thematik sei ein kleiner Rückblick erlaubt: Es war ein Versuch: 2003 nahmen 239 Kinder zwischen elf und 17 Jahren aus fünf Berliner Grund- und Oberschulen an einem Tanztheaterprojekt teil. Sir Simon Rattle inszenierte `Le Sacre du printemps` mit den Berliner Philharmonikern. Die Kamera begleitete die Arbeiten von den ersten Proben bis zur Aufführung. Das Projekt lief unter dem Namen `Rythm is it` in den Kinos. Ein toller Dokumentarfilm. Hier geht es nun um den Oberstufen-Chor einer schweizerischen Abschlussklasse. Nicht um irgendeine Abschlussklasse, sondern um die einer Paul Steiner Schule. Die Schüler kommen aus `wohlhabenden` Verhältnissen. Musiklehrer Gmelin möchte die `Requiem`-Messe von Mozart mit seinen Schülerinnen und Schülern aufführen. Drei von Ihnen werden mit der Kamera näher beleuchtet.

Natürlich muss man das Projekt von Labhart mit dem von Sir Simon Rattle vergleichen. Doch dieser fällt für das schweizerische Projekt von Christian Labhart ernüchternd aus. Die Sängerinnen und Sänger sind zwar bemüht, aber überfordert und abgelenkt durch Streitereien untereinander. Die Auseinandersetzung mit dem Stück bleibt peripher und der Erkenntnisgewinn des Zuschauers marginal. Ein langweiliger Dokumentarfilm.

Tony Bill: Flyboys (USA 2006) | Ohr 4 min. mp3-Kommentar

gesehen am 3.04.2007, Pressevorführung, Christian

Eine Gruppe junger Amerikaner meldet sich freiwillig für einen Kriegseinsatz in Frankreich. Es herrscht Krieg in Europa des Jahres 1916. Amerika hat bisher noch nicht in das Geschehen eingegriffen. Hauptfigur des Filmes ist ein junger texanischer Cowboy, gespielt von James Franco (Spider-Man), der kurz vor seiner Entscheidung, sich freiwillig zu melden, seine Familie verlor. Zusammen mit einigen Gleichgesinnten, die aus ganz verschiedenen Beweggründen den Weg nach Frankreich angetreten sind, meldet er sich bei einer Flugschule mit Namen Lafayette Escadrille zum Training an. Unter der Leitung von Captain Thenault (Jean Reno) sollen die jungen Wilden innerhalb kürzester Zeit das Fliegen erlernen, um gegen die überlegenen Deutschen in der Luft bestehen zu können. Doch nicht alle werden die schwierigen Einsätze überleben.

TV-Regisseur Tony Bill hat es sich hier sehr leicht gemacht. Die zugegeben sehenswerten Luftkämpfe sind alle am PC entstanden, CGI sei Dank. Die Geschichte am Boden ist so old-fashioned inszeniert, dass sich der Zuschauer wie in einem Film aus den 30er Jahren vorkommen muss. Mit einer fast schon eskapistisch schmalzig inszenierten Liebesgeschichte, am Reißbrett entworfen, verpufft dieses nur in Ansätzen packende Epos wie Zuckerwatte in den Rotorblättern der Flugzeuge. Selbst die von der Thematik her sehr ähnliche, miserable „Pearl Harbour“-Schmonzette hatte hier weit mehr zu bieten.

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Ralf Westhoff: Shoppen (Deutschland 2006)

gesehen am 27.03.2007, Friends and Family Vorstellung in Köln, Regina

Niemand hat X-Filme gezwungen, diesen Film in die Kinos zu bringen. Sie haben ihn ja noch nicht einmal selbst produziert. Nein, X-Filme wollten(!) "Shoppen" von Regieneuling Ralf Westhoff unbedingt verleihen, nachdem sie ihn auf den Hofer Filmtagen gesehen hatten. Und das aus gutem Grund. Saß man doch damals wahrscheinlich genau wie ich heute in der ganz neudeutsch "Friends and Family" betitelten noch neudeutscheren "Preview" für zur Mundpropaganda auserkorenen Filmfreunde im Kino und erwartete außer Freigetränk und Schnittchen eher nichts. Schon gar keinen besonderen Film.

Das mit den Schnittchen wurde zwar nichts, noch nicht mal mit dem Freigetränk, aber was sich auf der Leinwand abspielte, waren 90 Minuten allerbeste Unterhaltung, wie ich sie lange nicht gesehen habe. "Shoppen" mit 18 gleich großen Rollen und gleich starken jungen Schauspielern avancierte mal eben so zu meinem persönlichen Filmfavorit des bislang gelaufenen Jahres. Wann hat man zuletzt eine so pointierte, herzerfrischende Komödie gesehen?! Einen ebenso simplen wie ungewöhnlichen Film um Speed-Datings, den man noch
endlos hätte weiter schauen können?! Den anderen Zuschauerinnen und Zuschauern schien es ähnlich zu gehen. Im Gespräch mit Regisseur Ralf Westhoff wurde gleich nach einem zweiten Teil verlangt.

Und worum geht es? Um besagte 18 Personen und um´s Speed-Dating. Der Film kommt ohne eine herkömmliche Dramaturgie aus, stattdessen ist er eher komödiantische Nummernabfolge und episches Gerede über Liebe und Sex. Stets erheiternd und unbedingt sehenswert. "Shoppen" startet am 3. Mai in den deutschen Kinos.

Eintrag im Filmarchiv

Steve Bendelack: Mr. Bean macht Ferien (GB 2006) | Ohr 3 min. mp3-Kommentar

gesehen am 22.03.2007, Pressevorfuehrung, Christian

Nach zehn Jahren Leinwand-Abstinenz kehrt die britische Comedy-Ikone Rowan Atkinson in seiner bekanntesten Rolle, als Mr. Bean, auf die Leinwand zurück. Knapp 6 Mio. Zuschauer allein in Deutschland hatte der bekannte Komiker mit seinem ersten Auftritt ins Kino locken können. Und nachdem sein Ausflug nach Kalifornien die gesamte amerikanische Westküste ins Chaos gestürzt hat, verschlägt es Mr. Bean nun vom regnerischen London an die malerische Côtes d`Azur.

Bei einer Lotterie seiner Kirchengemeinde zieht Mr. Bean (Rowan Atkinson) den Hauptpreis: Eine Woche Urlaub in Südfrankreich und dazu eine brandneue Videokamera, mit der er seinen Aufenthalt filmen soll. Sein erstes "Opfer" ist ein russischer Regisseur, der für ihn einige Szenen mit der Kamera festhalten soll. Doch durch eine Kette unglücklicher Umstände wird der Regisseur auf dem Bahnhof zurück gelassen. So muss sich Mr. Bean nun um den kleinen Stepan kümmern, der im Zug auf seinen Vater gewartet hatte. Dumm nur, dass Stepan nur russisch spricht und zudem ziemlich sauer auf Mr. Bean ist.

Durch die verschiedenen Handlungselemente eröffnen sich für den Regisseur Bendelack und Komiker Bean zahlreiche Möglichkeiten den Witz auf verschiedene Ebenen zu verteilen. So werden im Film Witze über sprachliche Missverständnisse, die allseits bekannte Tollpatschigkeit des Hauptdarstellers und landestypische Vorurteile gemacht. Und das immer mit sehr wenigen Worten in der bekannten Mr. Bean-Manier. Leider gehen dem Gespann nach 40-50 Minuten die Ideen und somit die Luft aus, so dass der Film mehr eine Nummern-Revue bleibt als ein Spielfilm. Dennoch merkt man dem Film die Handschrift von Atkinsons langjährigem Weggefährten Richard Curtis an, der den Film immer dann retten kann, wenn es bedrohlich wird, will heißen, wenn es zu albern wird.

Eintrag im Filmarchiv

Danny Boyle: Sunshine (GB 2007) | Ohr 4 min. mp3-Kommentar

gesehen am 22.03.2007, Pressevorfuehrung, Christian

Und wieder einmal überrascht uns Danny Boyle mit einem ungewöhnlichen Film. Nicht, dass man vom Regisseur von "Trainspotting" oder "28 Days later" etwas anderes erwartet hätte. Doch einen Science-Fiction-Film? Das schien selbst den ausgebufftesten Cineasten neugierig zu machen. Denn das Genre gilt als längst ausgestorben. Wir waren neugierig und haben uns auf den weiten Weg nach D`Dorf gemacht.

Die Leinwand geht auf und fast so wie einst bei Stanley Kubrick ("2001 - Odyssee im Weltraum") mit ihr auch die Sonne. Es folgt ein langer Kamera-Zoom auf die Sonnenoberfläche und dann geschieht etwas Außergewöhnliches: Die Kamera umkreist den bekanntermaßen größten Fix-Stern. Doch die Oberfläche ist nicht feurig oder gasförmig. Die andere Seite entpuppt sich als Rückseite eines Raumschiffes. Es handelt sich dabei um die "Icarus II", ein Raumschiff mit internationaler Besatzung von acht Männern und Frauen. Wir hatten zu Beginn den Schutzschild eines Raumschiffes gesehen. Die "Icarus II" transportiert eine Sprengladung, um der "kränkelnden" Sonne neues Leben einzuhauchen. Chef der Mission ist ein Japaner, dargestellt von Hiroyuki Sanada ("Last Samurai"), der eine Truppe Wissenschaftler (u.a. Cillian Murphy) anführt. Als das Team Signale der "Icarus I" empfängt, die längst verschollen schien, wird die Mission unterbrochen und eine Rettungsmission gestartet. Ein folgenschwerer Fehler, wie sich bald herausstellen soll.

Danny Boyle gelingt hier das Unfassbare: Er reanimiert ein tot geglaubtes Genre, und das so spannend, philosophisch und bildgewaltig, dass er mit "Sunshine" auf Augenhöhe in einer Reihe neben Meilensteinen des Genres wie "2001 - Odyssee im Weltraum", "Stalker" oder "Solaris" Platz nehmen kann. Ein Wahnsinns-Film.

Eintrag im Filmarchiv

Emilio Estevez: Bobby (USA 2006)

gesehen am 20.03.2007, Christian

Emilio Estevez` „Bobby“ über den Präsidentschaftskandidaten Robert F. Kennedy ist nicht das Pendant zu Oliver Stones „JFK“. Er arbeitet nicht das Attentat auf, er dreht sich nicht um das Opfer, erst recht nicht um den Täter. Sondern – das macht den Film sympathisch – um die, die dabei gern vergessen werden. Und die werden von hochkarätigen Hollywood-Darstellern verkörpert. Fast so, als wollten alle US-Stars mit ihrer Präsenz an den charismatischen Politiker erinnern.
Dabei ist die Story nicht wirklich außergewöhnlich, ja nicht einmal spannend: Am 4. Juni 1968 treffen die unterschiedlichsten Menschen in einem Luxushotel zusammen, um ihren Helden, Robert F. Kennedy, zu feiern, der sich hier, in seiner letzten Rede, offiziell zum Präsidentschaftskandidaten nominiert. Kurz bevor, so viel dürfte bekannt sein, die tödlichen Schüsse auf ihn fallen. Emilio Estevez` Film liefert keine Folge- und keine Vorgeschichte, sein Film ist kein akribisch recherchiertes Doku-Drama und keine Analyse der politischen Hintergründe. Es ist gutes Schauspielerkino in Anlehnung an Gottfried Reinhardts "Menschen im Hotel" von 1959, der gleich am Anfang von Anthony Hopkins zitiert wird. Nicht alle Darsteller können hier überzeugen. Doch die, von denen man es annehmen musste, brillieren auch in ihren kleinsten Rollen.

Zack Snyder: 300 (USA 2007) | Ohr 6 min. mp3-Kommentar

gesehen am 13.03.2007, Pressevorfuehrung, Christian

Immer wenn ein junger Autorenfilmer etwas Neues versucht, schlaegt das grosse Cineastenherz ein klein wenig schneller. Erst recht, wenn es sich dabei um eine Comicverfilmung von Frank Miller handelt, dessen erste Verfilmung weltweit ueber 160 Mio. Dollar einspielte. Hier geht es nun um Zack Snyder, der mit seiner ersten nennenswerten Regiearbeit (`Dawn of the Dead`) ueberzeugen konnte und nun um jeden Preis das Frank Miller Comic "300" verfilmen wollte. Erst nach einigem Zoegern hatte Autor Frank Miller sein Ja-Wort gegeben und nach den ersten Bildern seine zweite Comicverfilmung gleich mitproduziert.
Es geht um Spartas Koenig Leonidas, der sich im Jahre 480 vor Christi mit 300 Gefolgsleuten der schier uebermaechtigen Armee des Perser Koenigs Xerxes entgegenstellt. Vor Griechenlands Kueste kommt es dabei zur alles entscheidenden Schlacht um Spartas Zukunft.

Regisseur Zack Snyder kommt ziemlich schnell zur Sache. Die Kampfszenen, und nur um die geht es hier, machen einen Grossteil des Filmes aus. Die Schlacht der wenigen Spartaner gegen die zahlenmaessig weit ueberlegenen Perser wurde zu 80 Prozent vor einer Blue-Screen-Leinwand in einer Halle bei Montreal/Kanada aufgenommen. Die fehlende "reale"-Kulisse faellt hier aber nicht negativ ins Gewicht. Snyder legt den Schwerpunkt bewusst auf eine plastische Darstellung. Wohl auch, um den zahlreichen martialischen Schlachtszenen ihre Ernsthaftigkeit zu nehmen. So behaelt der Zuschauer eine gesunde Distanz zum Geschehen. Die graphische Darstellung steht hier eindeutig im Vordergrund. Damit haelt sich Co-Autor und Regisseur Snyder eng an die Vorlage von Frank Miller. Die Perspektive konzentriert sich allein auf den Spartaner-Koenig Leonidas, der eindrucksvoll vom charismatischen Schauspieler Gerard Butler ("Phantom der Oper", "Herrschaft des Feuers", "Timeline") verkoerpert wird. Die Regungen in seiner dunkel geschminkte Augenpartie, die sich ein ums andere Mal ueber die gesamte Leinwand erstreckt, gibt hervorragend die ganze Tiefe und Tragik des Geschehens wieder. Zudem koennen alle Schauspieler hier ueberzeugen, vor allem vor dem Hintergrund und mit dem Wissen, lediglich vor einer Blue-Screen-Leinwand ein grosses geschichtliches Ereignis ueberzeugend transportieren zu muessen.

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Mark Steven Johnson: Ghost Rider (USA 2006)

gesehen am 05.03.2007, Münster, Christian

Montagnachmittag. Kino 7. Der aktuelle Spitzenreiter der deutschen Kinocharts stellt sich mir zur Schau. Den will aber mit mir an diesem Nachmittag keiner sehen. Ich sitze alleine im Kino. Der Vorhang geht auf und ich befinde mich mitten im Geschehen einer Motorrad-Stuntshow. Vater und Sohn Blaze zeigen, was sie drauf haben. In der ersten halben Stunde von Mark Steven Johnsons Comicverfilmung „Ghost Rider“ wird der Zuschauer mit einer rührenden Vater-Sohn-Geschichte emotional „getouched“, wie es im Drehbuchschreiber-Fachjargon heißt. Doch dann wendet sich das Blatt. Der junge Blaze hatte einst, um seinen todkranken Vater zu retten, seine Seele an den Teufel (Peter Fonda) verkauft. Dieser fordert nun - Johnny ist inzwischen der erfolgreichste Stunt-Motorradfahrer der Welt – seinen Schützling dazu auf, für ihn in den Krieg zu ziehen. Und zwar gegen den jungen Sohn (Wes Bentley) des in die Jahre gekommen Teufels, der in die Fußstapfen seines Vater treten will.

Ich frage mich an dieser Stelle, ob die Verantwortlichen des Films den alten deutschen Schlager: `Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad` kennen? Wohl kaum. Dennoch wird dieser Film nach der geschickt eingefädelten Vater-Sohn-Geschichte ähnlich abstrus. Denn der sichtlich auf jung getrimmte Nicholas Cage muss nun Nacht für Nacht als totenkopftragender Zombie auf einem brennenden Motorrad durch amerikanische Großstädte und Wüsten brettern, um menschliche und übermenschliche Bösewichte mit einer Eisenkette und einem unerschöpflichen Arsenal an Special Effects zu bekämpfen. Die Jagden durch die Häuserschluchten sind doch arg schlecht gezeichnet, sprich animiert, und Dialoge wie: „Gnade ist ausverkauft!“ rufen allerhöchstens ein abwertendes Schmunzeln denn ein spannendes Mitfiebern hervor. Gut, dass dies eine Comic-Verfilmung ist und Nicholas Cage schon viel bessere Filme gemacht hat.

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Robert de Niro: Der gute Hirte (USA 2007)

gesehen am 26.02.2007, Münster, Christian

Ein neues "Cineastisches Quartett" stand an. Ein Film, den wir ausgwählt hatten: Robert de Niros "Der gute Hirte" über die Entstehung der CIA. Ich stellte mich auf ein Polit-Drama im Stil von "Thirteen Days" oder "München" ein, wurde im Nachhinein aber positiv überrascht. Trotz der langen Spielzeit von 167 Minuten.

Robert de Niros Film fängt an mit einem Jungen, dem sein Vater einschärft, man dürfe nie lügen. Der junge Edward Bell Wilson wird später Mitglied eines Lyrik-Kreises an der Elite-Universität von Yale. Zudem wird er Mitglied eines Geheimbundes. Den Mitgliedern des Bundes muss er in einer Art Mutprobe gestehen, dass er über viele Jahre seine Familie belogen hat, weil er als einziger wusste, dass sich sein geliebter Vater umgebracht hat und nicht, wie alle glaubten, durch einen Unfall ums Leben gekommen ist. Dieser introvertierte Edward wird von Matt Damon gespielt. Damon verkörpert die Hauptfigur hinter dicken Brillengläsern so ausdruckslos wie möglich, als ein Mann, dessen Zugriff aufs Leben so lustlos und schwach ist, dass er die einzige Erregung offenbar nur noch darin findet, aus Lügen und Täuschungen etwas zu spinnen, was er für das Leben hält.

Als Mitglied des Lyrik-Kreises wird er von einem FBI-Rekrutierer angesprochen, Informationen über den zwielichtigen Lyrik-Professor zu sammeln. Edward wird ein kleines Rädchen im System. Im Laufe der Spielzeit wird das Rädchen immer größer, bis er eines Tages maßgeblich an der Kuba-Krise in den 60er Jahren beteiligt ist und den Auslandsgeheimdienst CIA leitet. In dieser eiskalten Scheinwelt der Spionage tummeln sich in mehr oder weniger bedeutenden Rollen weitere Stars wie Alec Baldwin, William Hurt, Timothy Hutton, John Turturro, Billy Crudup und eben auch Martina Gedeck und Angelina Jolie. Als Regisseur scheint es De Niros Projekt, den Schauspielern den Glamour auszutreiben - und das ist ja auch nur folgerichtig in einer Welt, in der der Einzelne nur ein Rädchen im Spiel der Mächte ist.

Mehr zum Film in unserem Audio-Kommentar des Cineastischen Quartetts zu "Der gute Hirte".

Eintrag im Filmarchiv

Übertragung der Oscar(R)-Verleihung | Ohr 13 min. mp3-Kommentar

gesehen in der Nacht vom 25. auf den 26.02.2007, Cineplex, Münster

"And the Oscar goes to...." Münster. Maßlos unterschätzt hatte ich im Vorfeld das Erlebnis, die Übertragung einer Verleihung mit mehreren Enthusiasten in einem Kino gemeinsam zu verfolgen. In Münster wurde die Verleihung der 79. Academy Awards live im Foyer und in einem Kino von einer Großbildleinwand übertragen. Dazu gab es reichlich Kaffee, Brötchen und Süßes. Besonders spannend gestaltete sich die Nacht durch das Oscar(R)-Tippspiel. 150 Filmfreunde konnten die Vergabe der Oscars(R) in 18 verschiedenen Kategorien tippen. Die Zwischenstände wurden ebenso auf eine Leinwand übertragen. Klasse!

Wir hatten für dieses Ereignis unser Laptop samt Mikrophon eingepackt und einige Livestimmen während der Veranstaltung eingefangen. Entstanden ist ein 13minütiger hörenswerter
Audio-Podcast, den Du dir hier anhören kannst...
. Wir freuen uns schon auf das nächste Jahr!

Steven Soderbergh: The Good German (USA 2006)

gesehen am 22.02.2007, Pressevorführung, Christian

Jetzt sind sie also da, die guten Filme, die intelligenten Filme, die Oscar-Filme. Soderberghs neuer Film zum Beispiel. Noch vor Filmbeginn gibt es das Presseheft zum Film in die Hand und ich denke mir: Huups, "Casablanca" mit George Clooney? Steven Soderbergh, der immer mal wieder das Kino neu erfindet, siehe "Kafka" oder "Traffic" bedient sich hier zumindest mit dem Filmplakat und der Aufmachung des Presseheftes augenscheinlich bei einem Klassiker der Filmgeschichte.

Der Regisseur, der sonst so viel handwerkliches Geschick und eine so eigen(artig)e Kreativität besitzt, erzählt eine Liebesgeschichte im Berlin des Kriegsjahres 1945 mit bekannten Mitteln. Dabei bindet er sich selbst die Hände, indem er seine Geschichte vollständig auf entfärbtem Filmmaterial und mit alten Glühscheinwerfern dreht, die ein hartes, grelles Licht verbreiteten. Keine schlechte Idee für eine Liebesgeschichte des Jahres 1945. Aber wirklich neu ist diese Idee auch nicht. Und warum macht er es dann? Die Geschichte sei das Unwichtigste in „The Good German“, hat Soderbergh in Interviews erklärt. Aha. Es geht nicht darum, dass George Clooney Cate Blanchett liebt und Cate Blanchett ihren Film-Mann Christian Oliver, oder dass die Russen hinter den Amerikanern her sind und alle beide hinter den Nazi-Wissenschaftlern aus dem Team Wernher von Brauns. Es geht darum, dass Steven Soderbergh „Casablanca“ und „Eine auswärtige Affäre“ und den „Dritten Mann“ gesehen hat und dass er dieser Erfahrung ein Denkmal setzen will. Ein schwarzweißes. Einen Soderbergh-Film.

Das eigentlich besondere an dem Film ist aber nicht (nur) seine Machart. Es ist vor allem Cate Blanchett, die hier für ihren Auftritt als geheimnisvolle Deutsche Lena Brandt die Mimik und Gestik von Ingrid Bergman einstudiert hat. Sie verleiht dem ansonsten seltsam entrückt wirkenden Film die nötige geheimnisvolle Note, um ihrer Figur die Attraktivität zu verleihen, die Kriegskorrespondent Jake Geismer, adrett gespielt von George Clooney, so verrückt macht. Ihrem Spiel nimmt man die Ernsthaftigkeit ab, ganz im Gegensatz zur Geschichte, der man nicht glaubt, weil sie nur Vehikel für die Bilder ist statt umgekehrt. Dabei hat auch wohl das Schlussbild aus „Casablanca“ nichts zu bedeuten, weil es bloß eine Wiederholung ist, eine Postkarte des Regisseurs an die Kinogeschichte.

Eintrag im Filmarchiv

Nikolaus Geyrhalter: Unser täglich Brot... (Österreich 2005)

gesehen am 18.02.2007, Christian

Karnevalswochenende. Schnell noch einige Einkäufe. Natürlich im Discounter. Ich wundere mich, dass ich für die Einkäufe für ein langes Wochenende nur etwa 25 Euro ausgebe. Dennoch ist alles dabei: Paprika, Eier, Brot, Milch, Nudeln, etc.. Toll. Zeitsprung. Nur einen Tag später. Ich sitze im Kino. Mit mir noch drei andere Filmfreunde. Schlecht besucht für eine Dokumentation denke ich mir, wo doch Dokumentationen zur Zeit sehr angesagt sind. Sei´s drum.

Der Vorhang geht auf. Ein Mann in Gummihose und Gummistiefeln säubert mit einem Hochdruckreiniger den blutigen Boden. Rechts und links von ihm hängen Schweinehälften. Wenig später spritzen in Plastik vermummte Männer Düngemittel auf Tomaten. Das ganze geschieht wortlos. Kommentarlos. Keine Interviews. Nur die monotonen Geräusche in den hochindustrialisierten Fabrikhallen und Aufzuchtstationen sind zu hören. Nach `Darwins Alptraum` und `We feed the World` kommt nun innerhalb von zwei Jahren der dritte Dokumentarfilm über die Nahrungsmittelindustrie ins Kino. Wieder einmal aus unserem Nachbarland Österreich. Da hat der Verleih wohl ein gutes Händchen gehabt und die Zeichen der Zeit erkannt. Und wer es immer noch nicht wusste oder vielleicht auch gar nicht wissen will: Wer im Winter kostengünstiges, frisches Gemüse oder beispielsweise Eier für nur 15 Cent essen will, der oder die muss sich nicht wundern, dass dies zu Lasten unsere Umwelt geht.

Regisseur Geyrhalter ging es hier um die `Entfremdung im Bezug zur Entstehung von Nahrung`. Das ist ersichtlich. Nur drückt er sich davor, was sonst alle Dokumentarfilmer(innen) tun: Stellung zu beziehen oder gar eine Gegenvision zu entwerfen. Vielleicht hätte eine Zahlenspielerei oder ein begleitender Off-Kommentar für etwas mehr Unterhaltung gesorgt. So hat der Regisseur zwar sein Ziel erreicht, den Zuschauer jedoch nicht. Dennoch ein wichtiger Film. Ich kaufe mein Gemüse sonst auch nie im Discounter. Dieses Wochendende, das war eine Ausnahme. Nach diesem Film bestimmt die letzte.

Olivier Dahan: La Vie en Rose (Frankreich 2006)

gesehen am 12.02.2006 in Köln, Regina

Wenn schon Musiker-Biographien, oder nur kurz Biopics, in Mode sind, dann war die Verfilmung des Lebens von Edith Piaf, der berühmtesten Sängerin Frankreichs, wirklich überfällig. Ein Jahr nach dem „Man in black“ Johnny Cash kommt nun also die Frau im „Kleinen Schwarzen“ in die deutschen Kinos.

Eine Mode ist es auch, Filme mit der letzten Szene anzufangen und die Geschichte dann von hinten in Rückblenden aufzudröseln. Oder im Zeitablauf hin und her zu springen. Oft hat man da das Gefühl, jemand möchte seinen mittelprächtigen Film interessanter machen als er ist. "La vie en rose" hätte dieses Stilmittel nicht nötig gehabt. "La vie en rose" ist so oder so ein großartiger Film.

Olivier Dahan, der hier als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent in Personalunion auftritt, war bislang international höchstens mit "Die purpurnen Flüsse 2" aufgefallen. Seine Piaf-Darstellerin Marion Cotillard hatte mit schon Luc Besson, Jean-Pierre Jeunet und Tim Burton gedreht und César-Nominierungen eingefahren, ohne jedoch den ganz großen Durchbruch zu schaffen. "La vie en rose" wird beide in die vorderste Linie katapultieren.

Marion Cotillard spielt sich die Seele aus dem Leib, der Film steht und fällt mit ihr und damit, wie glaubwürdig sie eine nationale Ikone verkörpert. Dabei konzentriert sich "La vie en rose" sehr stark auf die ganz private Piaf. Ihr "Hofstaat" spielt eine große Rolle. Das Abarbeiten von Berühmtheiten, mit denen Edith Piaf befreundet war, spart sich der Film jedoch. Lediglich zu Marlene Dietrich gibt es eine kleine und schöne Randnotiz.

Ein paar Ungereimtheiten und unfreiwillig komische Details gibt es in den
Episoden aus Ediths Kindheit: Da wird zum einen ein kleines pummeliges Mädchen mehrfach als schwächlich und schlecht genährt bedauert. Zum anderen muss sich der Zuschauer fragen, ob die Kleine denn nicht auch mal eine Schule besucht hat. Und als sich das Kind recht unvermittelt nach (in ihrer Biografie immerhin vier Jahren) der Erblindung die Augenbinde vom Gesicht nimmt, kann es gleich wieder sehen und das Licht, das sonst für Menschen schon nach zweiwöchiger Dunkelheit eine Qual ist, stört gar nicht.

Wie schon bei "Walk the line" strebt auch in "La vie en rose" alles auf die eine finale Konzertszene zu. Piafs Chansons, hier teils im Original digital remastered, teils interpretiert von Jil Airgot zu hören, sind natürlich Dreh- und Angelpunkte des Films. Christopher Gunning hat zusätzlich einen stimmungsvollen Soundtrack geschaffen. Bei dem prallvollen Leben, das Piaf gelebt hat, hätte der Film auch nach einem anderen ihrer Erfolge benannt werden können: "Je ne regrette rien". Er drückt eigentlich alles aus, was diese Künstlerin ausmachte. Und auch ich bedauere nicht, "La vie en rose" gesehen zu haben. Ganz im Gegenteil.

Eintrag im Filmarchiv

Carsten Strauch: Die Aufschneider (D 2007)

gesehen am 12.02.2006 in Münster, Christian

Filmkritiken zu schreiben und damit noch ein wenig Geld zu verdienen ist toll. Meistens jedenfalls. Heute aber nicht. Denn heute ist einer dieser Tage, die wir(?) Filmkritiker hassen. Sechs neue Filme laufen in unserer Stadt neu an. Vier davon habe ich schon in Pressevorführungen und Previews gesehen, zwei davon (noch) nicht. Doch diese zwei müssen es ausgerechnet heute sein, komme was da wolle. Einer davon ist Carsten Strauchs `Die Aufschneider`. Allein die Vorschau lies schon Böses erahnen.

Warum geht es? Zwei benachbarte Krankenhäuser müssen sich einem Wettkampf stellen. Die Stadt kann sich aus Kostengründen nur noch ein Spital leisten. Zehn Tage haben die beiden konkurrierenden Institutionen Zeit, um die Behörden von ihren Qualitäten zu überzeugen. Während die High-Tech-Anstalt St. Georg (mit Oberarzt Christoph Maria Herbst) voll auf Korruption setzt, lässt sich die Leitung der eher sympathisch verkeimten Eichwald-Klinik etwas ziemlich Haarsträubendes einfallen: Sie bauen auf ein fragwürdiges und kostspieliges Wellness-Konzept. Ein schwergewichtiger Ex-Animateur (Josef Ostendorf als hervorragendes Reiner-Calmund-Double) verwandelt das marode Krankenlager in eine irrsinnige Ferienanlage mit gemischtgeschlechtlichen Zimmern und Mariachi-Musik-Beschallung.

Leider hat auch dieser Film das `Mein Führer Virus` erwischt: Der Komödie fehlt, trotz einer guten Besetzung, die benötigte Schärfe der Satire, um über die narkotischen Witzchen der zweiten Hälfte hinwegzutrösten. Mehr als drei Lacher sind nicht drin. Schade. Ich mag Christoph Maria Herbst. Ehrlich. Doch hier kann er als fieser Oberarzt auch nicht mehr bewirken als ein, zwei, drei Mundwickelzucken hervorzurufen. Warum gelingt den deutschen Regisseuren keine Satire? Zu viel Angst? Am Abend werde ich mir das Kontrastprogramm geben. Eine Vereinsveranstaltung mit einer ungeschnittenen Fassung von Inarritus "Amores Perros". Filme zu mögen kann so schön sein.

Joe Carnahan: Smokin´ Aces (USA 2006)

gesehen am 30.01.2007, Pressevorführung, Christian

Rotzfrech! Joe Carnahan wildert ungeniert im Fundus der Filmgeschichte und kopiert in seiner erst zweiten Regiearbeit, was das Zeug hält. Doch sein Drehbuch, dass er selbst verfilmen durfte, ist zu gut, um ein weiterer Abklatsch einer x-ten „Pulp Fiction“-Kopie zu sein. Genau in diesem Fahrwasser schwimmt aber seine rotzfreche und ultrabrutale Gangsterkomödie, in der es um einen Auftragsmord geht; genauer gesagt um einen Wettlauf unterschiedlicher Auftragskiller, die Las-Vegas-Illusionist Buddy „Aces“ Israel, hervorragend gespielt von Jeremy Piven, um die Ecke bringen sollen. Auf den Mafia-Zögling wird ein Kopfgeld von 1 Mio. Dollar ausgesetzt, was verschiedene mehr oder weniger professionelle Auftragskiller auf den Plan ruft.

Die Killer sollen es jedoch nicht zu leicht haben: Die FBI-Agenten Richard Messner (Ryan Reynolds) und Donald Carruthers (Ray Liotta) bekommen von ihrem Vorgesetzten Stanley Locke (Andy Garcia) den Auftrag, Israel zu beschützen. Plötzlich tummelt sich alles auf der Leinwand, was in diesem Genre Rang und Namen hat: Da wären zum Beispiel die psychopathischen Neo-Nazi-Brüdern Darwin (Chris Pine), Jeeves (Kevin Durand) und Lestor Tremor (Maury Serling). Sie nennen sich „The Tremors“ und scheinen direkt einem „Mad Max“-Film entsprungen zu sein. Ganz anders lassen es die Killerinnen Georgia (überraschend guter erster Kinoauftritt: Alicia Keys) und Sharice (Taraji Henson) angehen. Sie setzen ihre weiblichen Reize ein. Sehenswert ist das allemal. Dann wäre da noch das Trio Jack Dupree (Ben Affleck), Pete Decks (Peter Berg) und Hollis Elmore (Martin Henderson). Die drei Freunde gehen die Sache mit einer „Pulp Fiction“-Coolness an und werden damit hier nicht sehr weit kommen, so viel darf man schon verraten.

So sehr Carnahan bei anderen Filmen wildert, so schnell hebt er den ersten Gauner-Eindruck wieder auf und drückt im weiteren Verlauf des Films den unzähligen Szenen und Handlungssträngen seinen eigenen Stempel auf: Kurze Vorstellung der Protagonisten, kurze Oneliner, Schusswechsel, Blut, weiter geht´s. Das Tempo ist brutal hoch, der Look sehr cool und sexy. Ein wilde Achterbahnfahrt, die man(n) auf keinen Fall verpassen sollte.

Der Film startet am 01.03.2007 in den deutschen Kinos.

Eintrag im Filmarchiv

Cyrill Boss / Philipp Stennert: Neues vom Wixxer (Deutschland 2006)

gesehen am 23.01.2007, Pressekonferenz Köln, Regina

Wenn ein so großer Werbeaufwand getrieben wird, dass Darsteller, Autoren, Regisseure, Komponisten und der Produzent höchst selbst bei den Pressevorführungen und -konferenzen eines neuen Films erscheinen und wenn der anwesenden Journaille hier besonders leckere Häppchen zum Kaffee serviert werden, dann könnten eben diese skeptisch werden. Wer soll denn da milde gestimmt werden, hmm?
Immerhin so viel vorweg: Entwarnung. Die Vorbehalte waren unangebracht, denn der zweite Teil vom "Wixxer" ist kurzweiliges Unterhaltungskino. Nicht mehr aber auch nicht weniger. Tiefgang ist nicht zu befürchten.

Mehr über die Pressekonferenz in Köln in einem Special über die "Pressekonferenz zum Film in Köln, mit Bildern, hier..

Chris Kraus: Vier Minuten (Deutschland 2006)

gesehen am 25.01.2007, Preview in Köln, Regina

Von "Rhythm is it" über "Dance!" bis "Die Kinder des Monsieur Matthieu" - alle diese Filme haben letztlich das gleiche Thema: "Du kannst es schaffen, wenn Du nur an die schönen - und in manchen Fällen auch an die noch schöneren Künste herangeführt wirst". Aus diesem Grund bestand zunächst wenig Anlass, sich "Vier Minuten" anzusehen, ein Film, der die Geschichte erzählt, wie eine Klavierlehrerin älteren Jahrgangs eine junge, gewalttätige Gefängnisinsassin auf Kurs bringt. Stark verkürzt ausgedrückt. Auch der kürzlich erst angelaufene Film "Vitus" um ein Klavierwunderkind machte es nicht notwendig, jetzt einen Film um ein tastaturbegabtes Mädel zu sehen. Eigentlich.

Erfreulicherweise kann man aber immer wieder positiv überrascht werden. So wie hier. Drehbuchautor und Regisseur Chris Kraus hat sich mit seinem Erstling "Scherbentanz" nicht eben als Macher leicht konsumierbarer Filmware profiliert. Und so ist auch sein erst zweiter Spielfilm "Vier Minuten": Düster, depressiv und die unzugänglichen Figuren stecken voller Probleme.

Monica Bleibtreu und Hannah Herzsprung spielen jedoch umwerfend. Bleibtreu in ihrer Maske ist um Jahrzehnte gealtert, gebeugt, Herzsprung von zerbrechlich bis zerstörerisch auch physisch unglaublich präsent. (Angeblich war ein Casting von 1.200 jungen Frauen nötig, um die Tochter von Bernd Herzsprung für diese Rolle zu finden.)

"Vier Minuten" geht reichlich dekoriert in die Premiere. Die bislang neun
Auszeichnungen werden nicht die letzten sein, denn es ist sicher ein
Ausnahmefilm, in dem das Schöne und das Schreckliche sehr nah beieinander liegen. Schade nur, dass bei aller Wucht, die ihn auszeichnen, der Realismus manchmal auf der Stecke bleibt. Wenn der Zuschauer sich nur ein wenig bis gar nicht mit den Hauptfiguren identifizieren kann, dann wäre wenigstens eine glaubwürdige Umgebung für sie angebracht gewesen. Und übrigens: Die unfassbar mitreißende Schlusssequenz gehört ausgekoppelt und einem Musiksender untergeschoben.

Der Film startet am 01.02.2007 in den deutschen Kinos.

Hier das Interview von mehrfilm.de mit Hauptdarstellerin Hannah Herzsprung kurz nach der Premiere des Filmes auf dem Filmfest in Lünen. Hört mal rein!

Eintrag im Filmarchiv

Dani Levy: Mein Führer (Deutschland 2006)

gesehen am 22.01.2007, Christian

Viel zu viele Worte sind im Vorfeld über den Film schon geschrieben und auch gesprochen worden. Darf man eine Komödie über den Führer drehen? Darf man Adolf Hitler der Lächerlichkeit preisgeben? – Natürlich darf man das! Augenzwinkernd war die ganze Diskussion, die hierzulande die Feuilletonabteilungen der Tages- und Wochenzeitungen beschäftigten, Spiegel online eine lesenwerte englischsprachige Kolumne wert, in der symbolisch kopfschüttelnd (wieder einmal) der deutsche Humor angezweifelt wurde. Dani Levy und/oder vielmehr dem Film hatte diese Debatte gut getan. Die Vorstellungen in den Lichtspielhäusern sind (immer noch) durchweg gut besucht, die magische Grenze von 1 Million Zuschauern wurde rasch überschritten.

Und der Film? Der ist mäßig. Wohlwollend gemeint. Helge Schneider, der erfahrene Selbstdarsteller schlüpft hier in eine Rolle, die er auf diesem, für ihn fremden Terrain, mit Bravour ausfüllt. Die Nebendarsteller, allen voran Sylvester Groth (als Strippenzieher Goebbels mit Kölschem Dialekt) spielen sich die Seele aus dem Leib und das Bühnenbild ist erstaunlich präzise. Leider hatte der Regisseur die Buxe voll. Als erster hat dies wohl Hauptdarsteller Schneider gerochen und sich vor Filmstart vom Film letztendlich distanziert. Und? Geschadet hat´s ihm und dem Film nicht. Levy hatte aber schiss. Sein Film ist zu glatt für eine bissige Satire und zu schwach für eine gute Komödie. Somit war und ist der ganze Trubel wieder einmal viel Lärm um nichts, typisch deutsch eben.

Eintrag im Filmarchiv

Bill Condon: Dreamgirls (USA 2006)

gesehen am 16.01.2007, Sneak-Preview, Christian

Dreamgirls oder „Immer wenn Du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lied daher..“.
Ich mag Musicals. Nein, wirklich. Leute geben so viel Geld für Musicalkarten aus. Die große Nachfrage rechtfertigt wohl den hohen Eintrittspreis. Nicht verständlich aber nachvollziehbar. Dass diese Art der Unterhaltung auch als Film auf der großen Leinwand funktionieren kann, hatten Musicals wie „Moulin Rouge“ oder „Chicago“ bereits bewiesen. Nun also „Dreamgirls“ ein Musical, das den Aufstieg und Fall einer dreiköpfigen Damen-Soulband nacherzählt. In der Nacht vor dieser Preview mit vier Auszeichnungen von der Auslandspresse bedacht und ein Dauerbrenner in den US-Kinocharts, legt das Unterhaltungsprodukt gleich zu Beginn mächtig los. Sofort treten Beyoncé Knowles, Jamie Foxx, Eddie Murphy und Neuentdeckung Jennifer Hudson auf die Leinwand, eine großartige Besetzung. Doch ist es auch ein guter Film? Kurze Antwort: Nein! Warum nicht? Weil hier alles Show ist, Show, Show und nochmals Show, ohne Tiefgang, ohne emotionale Grundfläche, ohne Fundament. Ein Haus, nein, zugegeben, eine Villa, die - um beim bautechnischen Vergleich zu bleiben - keinen Keller, ja nicht einmal ein Fundament hat. Das Gebäude ist fantastisch: Groß, pompös, dynamisch, Hausherr Musik ein Ohrenschmaus (Rock-´n´-Roll/Funk/Soul/Jazz der 60er bis 80er Jahre), die Angestellten sehr bemüht (Eddie Murphy als sinkender Soul-Stern, Beyoncé Knowles als kommender Superstar).

Doch es fehlen wie gesagt das Fundament und vielleicht auch ein paar Risse an der schönen Außenhülle. Es ist aber deshalb noch lange keine schlechte Unterhaltung. Denn darauf verstehen sich Bill Condon und sein Choreographen-Team prächtig. Musik, die mitreißt, die musikalischen Darbietungen sind erste Sahne und Eddie Murphy hat man noch nie so, ich will es mal mit „real“ bezeichnen, gesehen. Warum er allerdings bei den Golden Globes 2007 bei dieser Konkurrenz die Auszeichnung entgegen nehmen durfte, das bleibt mir ein Rätsel. Das Filmmusical setzt musikalisch sicherlich neue Maßstäbe, filmtechnisch bietet es aber zu wenig.

Eintrag im Filmarchiv

Golden Globe 2007: Unser Kommentar zur Preisverleihung | Ohr 10 min. mp3-Kommentar anhören

gesehen am 15.01.2007, Christian und Oliver

Hier unsere Eindrücke von der Verleihung der Golden Globe Awards 2007..

Edward Zwick: Blood Diamond (USA 2006) | Ohr 5 min. mp3-Kommentar anhören

gesehen am 11.01.2007, Pressevorführung, Christian

Blood Diamond: Abenteuer-Polit-Thriller, Hauptrolle: Leonardo DiCaprio, für seine Leistung für zahlreiche Auszeichnungen nominiert. Das war alles, was wir wussten. Nach knapp über zweieinhalb Stunden waren wir schlauer – viel schlauer und beeindruckt.
Leonardo DiCaprio schlüpft in Edward Zwicks Abenteuer-Thriller in die Rolle des profitsüchtigen Diamantenschmugglers Danny Archer. Archer kennt als Ex-Söldner nur zwei Ziele: Geld und Überleben. Als er bei einem versuchten Grenzübertritt mit geschmuggelten Diamanten gefasst wird, lernt er im Gefängnis den Fischer Salomon Vandy (Djimon Hounsou) kennen. Dieser hatte während einer Sklaventätigkeit unter den Rebellen als Diamantensucher einen riesigen Diamanten entdeckt und an Ort und Stelle versteckt. Sofort bietet Archer dem ängstlichen Fischer einen Deal an: Er will ihm helfen, das Rebellengebiet zu durchqueren, um seine Familie wieder zu finden. Als Gegenleistung verlangt er natürlich einen Anteil des zu erwartenden Gewinns am Verkauf des Diamanten.

Zögerlich willigt Salomon ein. Der Wille, seine Familie und vor allem seinen Sohn Dia wieder zu sehen ist übermächtig groß. Was Salomon zu diesem Zeitpunkt nicht weiß ist, dass sein Sohn von Rebellen der R.U.F. gefangen genommen und als Kämpfer für die Freiheit Sierra Leones ausgebildet wird. Somit verläuft der Film zu Anfang in drei Handlungssträngen. Zum einen beschreibt Edward Zwick sehr genau die Zustände des unsicheren Landes Sierra Leone im Jahr 1990 anhand der Rebellengeschichte um Salomon Vandy und seinem Sohn Dia, addiert als führende Storyline die Geschäfte und Absichten des Schmugglers Danny Archer, herausragend verkörpert durch Leonardo DiCaprio, hinzu und unterfüttert diese Geschichten mit einem Love-Interest, personifiziert durch die idealistische Journalistin Maddy Bowen (überzeugend: Jennifer Connelly), die sich an die Fersen der Diamantenjäger heftet.

Der Film ist klassisches Abenteuerkino im Stil von „Indiana Jones“ oder „Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten“. Harrison Ford und Michael Douglas prägten diese Filme. Leonardo DiCaprio trägt „Blood Diamond“. Er kann sich auf eine hervorragende Regie und auf großartige Nebensteller verlassen. Zudem trägt ein nicht zu dick aufgetragenes Sendungsbewusstsein diesen Film. Die Diamantenproblematik zur Finanzierung vieler Bürgerkriege beschränkt sich nicht nur darauf, die Auswirkungen des illegalen Diamantenhandels aufzuzeigen, sondern zeichnet ein globales Porträt der Probleme Afrikas.

Eintrag im Filmarchiv

Clint Eastwood: Flags of our Fathers (USA 2006)

gesehen am 09.01.2007, Sneak-Preview, Christian

Der junge Moderator der Preview-Veranstaltung hatte sich kurz vor Beginn des Filmes von den anwesenden Filmfreunden ausdrücklich nicht mit „viel Spaß beim Film“ oder mit „gute Unterhaltung“, sondern nur mit „bis nächste Woche“ verabschiedet. Ob er das Unheil kommen sah?

Spätestens als nach gefühlten 30 Minuten die Marine-Schiffe der US-Streitkräfte des Jahres 1945 auf der Leinwand an den Küsten Japans vor Anker gehen und nach der Erstürmung der Insel die ersten Gliedmaßen durch die Luft fliegen, hatten sich zahlreiche Zartbesaitete klammheimlich aus dem Kino geschlichen. Zuvor mussten sich etliche Filmfreunde heimlich in die Seite zwicken. War man bei diesem Film einem Déjà-Vu auf dem Leim gegangen? Nicht nur besagte Szene, also die Erstürmung der Insel, nein, bereits die ganze Vorgeschichte roch verdächtig nach Spielbergs „Der Soldat James Ryan“. Was nun, Clint Eastwood? Warum so einen großen Aufwand? Und das im fortgeschrittenen Alter von Anfang 70?

Der komplette erste Teil des knapp dreistündigen Films ist eine 1:1-Kopie des Spielbergs-Klassikers nur mit anderen Vorzeichen. Würde man den ersten Teil in Betrag setzen, bekäme man eine schlechte Kopie des Spielberg-Dramas zu Gesicht. Nur, dass hier kein Private Ryan gesucht, sondern ein unfreiwilliges Helden-Team gefunden wird. Und zwar geht es um die letzten drei Überlebenden, die 1945 auf einem Photo erkannt wurden, auf dem das Hissen einer Fahne zu sehen ist. Dieses Photo war nach Kriegsende um die Welt gegangen, weil es die kriegsmüden Amerikaner aufgebaut hat und weil sie dieses Photo unbedingt wollten. Der Rest der Erzählung ist pure Langeweile. Interviews mit beteiligten Überlebenden lösen die Dramatik in nachgestellten Kriegszenen ab, Szenen tiefer Freundschaft lösen die ganze Brutalität des Abschlachtens der Soldaten während der Schlacht von Iwojima ab. Knapp 20.800 Japaner (von 21.000!) und rund 7.000 Amerikaner hatten bei der blutigsten Schlacht des zweiten Weltkrieges ihr Leben verloren.

Eastwood wollte hier zuviel und hat sich schlichtweg verhoben. Dramaturgisch und erzählerisch. Das Mixen von verschiedenen Zeitebenen wirkt unausgegoren, der Film findet kein eigenes Zentrum und bleibt für den Zuschauer emotional meilenweit entfernt. Gegen Ende wird der Erzähler James Bradley (Tom McCarthy) plötzlich bestimmender. Ein K.O.-Schlag für den Rhythmus und für die atmosphärische Dichte. Eastwood ist kein Regisseur, der große Epen wuchten kann, ihm liegen mehr die kleinen Geschichten mit maximal zwei bis vier Personen. Man darf gespannt sein, wie der zweite Teil seiner Kriegsgeschichte montiert wird. Hier geht es um die Schlacht von Iwojima aus Sicht der Japaner. Natürlich im japanischen Original.

Eintrag im Filmarchiv

Eduardo Mignogna: Der Wind (Argentinien / Spanien 2005)

gesehen am 08.01.2007, Christian

Montagabend. Viel zu warm für Januar. Der Wind weht heftig. Keine Ahnung, um was es gleich geht. Spanisches Original mit deutschem Untertitel. Was aus Spanien kommt kann nicht schlecht sein denke ich mir und freue mich auf den Film. Vorhang auf. Wind weht, ein alter Mann steht an einem Grab. Es ist Frank Osorio (großartig: Federico Luppi), der seine Tochter beerdigt. Nicht in Spanien, sondern in Patagonien/Argentinien. Nach dem Tod seiner Tochter fährt Frank, mittlerweile 70 Jahre alt, von seinem kleinen Dorf in Patagonien in die Hauptstadt Buenos Aires. Hier will er seine Enkelin Alina treffen, die dem ländlichen Leben vor langer Zeit den Rücken gekehrt hat. Alina (Antonella Costa) ist inzwischen Ärztin in einem Krankenhaus. Frank möchte seiner Enkelin das Geheimnis um ihren Vater lüften. Dieses hatte Alinas Mutter all die Jahre bei sich getragen und somit das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter zerstört. Doch zunächst brechen zwischen Opa und Enkelin alte Konflikte wieder auf.

Frank findet sich nur mit großer Mühe in der hektischen Großstadt zurecht und will nur bleiben, weil er seiner Enkelin das Geheimnis verraten will. Es sind die Lakonie des Bauern Frank und die hier aufgezeigten Unterschiede zwischen Stadt und Land, die die Stimmung des Films tragen: Ruhig, leise, behutsam, intensiv im ersten - und oberflächlich und hektisch im nächsten Moment. Auch in den Dialogen. Gegen Ende wird es sehr traurig. Doch durch die großartigen schauspielerischen Leistungen der beiden Hauptdarsteller ist dem argentinischen Regisseur Eduardo Mignogna hier trotz einfach skizzierter Stereotypen ein überaus glaubhafter und deshalb sehr sehenswerter Film gelungen. Vorhang zu. Der Wind weht. Auch draussen!

Martin Koolhoven: Das Schnitzelparadies (Niederlande 2005)

gesehen am 02.01.07, Sneak-Preview, Christian l Hier Trailer zum Film als wmv...

Für alle, die es noch nicht wissen: Münster/Westfalen liegt nur unweit der holländischen Grenze. Darum kommt es fast jedes Jahr in Münster zu einem Austausch der aktuellen nationalen Filmproduktionen, meist in Form eines Filmfestes. Warum diese Info wichtig ist? Weil in der weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Sneak-Preview (jeden Dienstag ausverkauft, 650 Besucher, eingeschworene, schreibwütige Cineasten-Gemeinde) lange vor dem Filmstart (15.03.2007) ein Film gezeigt wurde, der in unserem Nachbarland in 2005 viele Besucherrekorde gebrochen hat. Vielleicht ein Test für das hiesige Publikum?

Es geht um ein Hotel-Restaurant. Oder besser um die Küche des Restaurants. Hauptakteur ist ein junger Marokkaner, der eigentlich Medizin studieren soll aber lieber heimlich als Spülhilfe jobbt. Und zwar ausgerechnet da, wo Looser aller Länder schuften: in der Schmuddel-Küche des Hotels "Zum Blauen Geier". Hier kämpfen Holländer, Marokkaner, Serben und Türken mit widerspenstigen Schnitzeln, schmutzigen Pfannen und ihrem feisten Chef. Nordip, so der Name des intelligenten, sensiblen, gut aussehenden Marokkaners, wirkt in der Küche wie ein Alien von einem anderen Stern. Doch Nordip will sich durchbeißen, sich und seiner Umwelt etwas beweisen. Natürlich verliebt er sich auch, und zwar in die gutaussehende Nichte der zugeknöpften Hoteldirektorin, die ihm mit Küsschen und Kurven den Kopf verdreht. Doch Nordip gewinnt neue Freunde und am Ende wird natürlich alles gut.

So viele Stereotypen hat man selten in einem Film gesehen, eine so vorhersehbare Story selten erlebt. Doch diese romantische Comedy of Cultures funktioniert, weil sie sich über ihre Protagonisten nie lächerlich macht (na ja, fast nie), schneller verdaulich ist als das schnellste Fast Food und mit köstlicher Selbstironie aufgetischt wird! Was „BangBoomBang“ für den Pott, ist/war „Het Schnitzelparadijs“ für die Holländische Gastronomie. Nett, aber kein "Must-See".

Kevin MacDonald: Der letzte König von Schottland (USA / GB 2006)

gesehen am 21.12.2006, Pressevorführung, Christian

Ich möchte hier einen Film empfehlen, der mich (und uns, wie im Audio-Kommentar zu hören ist) nachhaltig lange Zeit gefesselt hat. Ich hatte mich nicht vorbereitet auf diesen Film und wurde mit voller Wucht in das Afrika der siebziger Jahre hineinkatapultiert. Es ist jedoch nicht das Afrika wie man es vielleicht von Sydney Pollock („Jenseits von Afrika“) oder Hermine Huntgeburth („Die weisse Massai“) kennt, es ist das Afrika aus Sicht eines jungen, etwas naiven schottischen Arztes, dargestellt vom überzeugenden schottischen Jungdarsteller James McAvoy. | Ohr mp3-Kommentar anhören (3min)

Als dieser Anfang der 70er Jahre seine Heimat gen Afrika verlässt, um so der Aufsicht und Kontrolle seines dominanten Vaters zu entkommen, ahnt er noch nicht, dass er es erstens mit einer Arbeit unter den schwierigsten Bedingungen zu tun bekommt und zweitens wenig später im Kreis der engsten Vertrauten des ugandischen Diktators Idi Amin landen sollte. Es ist ein Zufall, den Garrigan auf die Person des gerade durch einen Putsch an die Macht gekommenen General treffen lässt. Nach einem Autounfall Amins ist Garrigan als erster zur Stelle und darf die leichte Verletzung des neuen Machthabers verarzten. Im Eifer des Gefechtes erlöst Garrigan im Affekt eine verletzte, heilige Kuh durch einen beherzten Schuss von ihren Leiden. Amin ist schwer beeindruckt und offeriert dem jungen Arzt als Zeichen seiner Dankbarkeit und Hochachtung den Posten des Leibarztes. Garrigan nimmt den Job an und lässt sich anfangs lange Zeit von der charismatischen Persönlichkeit Amins blenden. Viel zu lange genießt er das privilegierte Leben im Kreis des Diktators wie sich bald herausstellen soll, bis, ja bis sich seine Sichtweise ändert, Garrigan seine Augen öffnet und die Brutalität erkennt, mit der sich „sein“ General an der Macht hält.

Menschenrechtsorganisationen schätzen die Zahl der unter Amin verschleppten und ermordeten Regimegegner auf bis zu 300.000.
Was aber den Film von Kevin MacDonald so sehenswert macht, sind nicht die beeindruckende Kamera oder die überzeugenden Regieeinfälle, die ein Afrika von einer ganz anderen, politisch brutalen und unerfahrenen Seite zeigen, nein, es ist der Schauspieler Forest Whitaker, der im Vergleich zu James McAvoy zwar deutlich weniger Leinwandzeit hat, dem Film aber mit seinem brillanten Spiel als Diktator Idi Amin, das zwischen Verführer und brutalem Herrscher changiert, seinen Stempel aufdrückt. Von der oft zitierten Afrika-Romantik bis hin zur atmosphärischen Dichte eines Psychothrillers, dieser Film nimmt den Zuschauer auch Dank Whitaker mit auf eine spannungsgeladene Achterbahnfahrt, die man nicht verpassen sollte.

Start in Deutschland: 15.03.2007

Eintrag im Filmarchiv

Sylvester Stallone: Rocky Balboa (USA 2006) | Ohr mp3-Kommentar anhören (4min)

gesehen am 21.12.2006, Pressevorführung, Christian

Vor einem Film, so heisst es, solle man keine Kritiken über eben diesen Film lesen. Dieses zu beherzigen fiel mir noch nie so schwer wie vor "Rocky Balboa", dem sechsten Auftritt von Sylvester Stallone als Boxer, 16 Jahre nach Rocky, Teil V. 1975 hatte ihn die Rolle des weißen Boxers Rocky Balboa zum Superstar gemacht, das Drehbuch wurde damals sogar mit einem Oscar belohnt. Unter seiner eigenen Regie greift Sylvester Stallone hier noch einmal alle Elemente der "Rocky"-Saga auf.

Die Skepsis, ob der inzwischen 60 Jahre alte Action-Star, der seine größten Erfolge in den 80er Jahren feiern konnte, noch einmal als Boxer überzeugen würde, war zugegeben größer als die Vorfreude auf diesen Film. Amerikanischer Kritiker waren sich uneins über Sylvester Stallones Leitung als Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion. Einige schrieben vom "besten Film seit `Rocky`", andere bescheinigten ihm, zumindest als Drehbuchautor nicht völlig versagt zu haben.

Nach einer ungefähr 70 Minuten langen, rührseligen Vorgeschichte, in der der alternde Box-Champ Rocky Balboa, inzwischen Besitzer eines kleinen Restaurants, immer wieder als trauender Ehemann gezeigt wird, kommt die bekannte Rocky-Maschinerie in Fahrt. Im Fernsehen wird ein virtueller Kampf zwischen bekannten Box-Legenden aus verschiedenen Epochen gezeigt, aus dem Rocky Balboa, der "Italian Stallion" als Sieger hervor geht. In seiner Ehre gekränkt, fordert ihn der ungeliebte Champion Mason Dixon (Antonio Tarver) zu einem Showkampf heraus. Rocky, der zuvor amgekündigt hatte, er wolle nur einige kleine Kämpfe bestreiten, um fit zu bleiben, nimmt das Angebot an und das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Jeder halbwegs intelligente Kinogänger wird ahnen können, dass Sylvester Stallone hier nicht seine eigene Filmfigur demontiert. Das Trainig wird sehr schnell (mit ein paar Einblendungen an der Kraftmaschine) abgehandelt und der Kampf selbst als kurzes "Must be" an das sonst sehr rührselige Werk wie ein Kropf angehängt. Fans werden Rocky, Teil 6, mit Recht für einen der besseren Filme der Rocky-Reihe halten, alle übrigen Kinogänger bekommen ein mittelmäßiges Box-Drama über einen alternden Box-Champion zu sehen, der noch einmal eine große Chance erhält.

Start in Deutschland: 08.02.2007

Ridley Scott: Ein gutes Jahr (USA 2006)

gesehen am 19.10.2006, Pressevorführung, Christian

Regie: Ridley Scott. Hauptdarsteller: Russel Crowe. Da kann eigentlich nichts schief gehen, oder? - Kann doch. Aber der Reihe nach. Russel Crowe gibt hier den Investment-Banker Max Skinner. Skinner ist ein geldgieriges Arschloch. Für den Londoner zählt nur eins: Der Gewinn! So ist es nur verständlich, dass er das traumhaft schöne französische Anwesen, das er von seinem väterlichen Freund und Onkel Henry (Albert Finney) geerbt hat, schnellstmöglich zu Geld machen will. Doch erstens kommt es bekanntlich anders und zweitens... Im sonnigen Frankreich angekommen verdrehen ihm nicht nur die Sonne und der Wein, sondern auch der couragierte Weinbauer und die Dorfschöne gehörig den Kopf.

Ja, was ist denn das? Russel Crowe zunächst als Banker, bärig, brutal und egoistisch. Eine Art Michael Douglas Ziehsohn aus "Wall Street", zweiter Teil. Doch dann die ungeheuerliche Wendung. In Jacques-Tati-Manier tappst der australische Oscarpreisträger plötzlich durch eine vorhersehbare Feel-Good-Komödie, die uns weismachen will, dass sich mit genug Geld auf der hohen Kante scheinbar alles andere wie von selbst ergibt. Hat die französische Sonne dem Frankreich-Fan Ridley Scott die Sinne vernebelt? Oder war es vielleicht der französische Wein? Nein, dies war ein Ausrutscher. Keine Frage. Ein Urlaubs-Projekt. Leider keine gute Investition.

Eintrag im Filmarchiv

Sven Unterwaldt jr.: 7 Zwerge - Der Wald ist nicht genug (Deutschland 2006)

gesehen am 14.10.2006, Pressevorführung, Christian

Die Verantwortlichen des Verleihs hatten die Journalisten via Presseheft gebeten, doch bitte nicht die Namen der beteiligten Personen des Filmes zu veröffentlichen. Ok, wollen wir uns daran halten. Also, da wäre dieser herausragende deutsche Komiker mit einem Anagramm als Vornamen, der sich hier erneut eine Zipfemütze auf sein inzwischen spärliches Haupthaar setzt, weil er mit dem ersten Teil seiner Märchenverfilmung vor zwei Jahren sehr erfolgreich den Mythos von den sieben Zwergen zum Leben erwecken konnte. Dieser Ausnahme-Komiker hatte damals seinen Film mit bekannten deutschen Comedians besetzt, sich selbst als Depp inszeniert und damit knapp 7 Mio. Menschen ins Kino locken können. Die Geschichte des zweiten Teils ist schnell erzählt: Schneewittchen (wieder: Cosma Shiva Hagen) ist jetzt Prinzessin und hat ein Baby. An diesem ist auch ein hässlicher Gnom interessiert. Innerhalb von 48 Stunden will sich der Fiesling das Kind holen, wenn keiner seinen Namen (Rumpelstilzchen, haha) errät. Um diesen Namen heraus zu bekommen, stürzen sich die sieben Zwerge ins Abenteuer. Und dabei geht es sogar in das heutige Hamburg!...

Zwar kommen viele tolle Comedians und sonstige Super-VIPs in den Genuss eines Leinwandauftrittes (die Namen werden nicht verraten, siehe oben), doch der Plot und andere Handlungsstränge werden in Teil 2 leider sträflich vernachlässigt. Zudem findet sich im neuen Abenteuer der Zipfelmützen-Combo kein einziger Scherz, der den geistigen Horizont eines Grundschülers überfordern dürfte.

Sicherlich werden sich die Erwartungen des deutschen Komikers und Produzenten (mit dem Anagramm als Vornamen) in punkto Besucherzahlen erfüllen. Ob ihm allerdings mit Teil 2 ein ähnlicher Coup wie mit dem ersten Teil seiner Zwergensaga gelingt, darf ernsthaft bezweifelt werden. Ich hatte mit Frank, dem noch-nicht-Ehemann, am heutigen Vormittag meinen Spass an einigen Darbietungen der Komiker aber den Film selbst spätestens am nächsten Tag wieder vergessen.

Eintrag im Filmarchiv

Harald Siebler: GG19 (Deutschland 2006)

gesehen am 5.10.2006, Rohfassung, Münster, Christian

Kennst Du das Grundgesetz? Jeden einzelnen Artikel? Weil ich beide Fragen vor diesem Film mit "nein" beantworten musste, war ich sehr gespannt auf die exklusive Sonder-Preview eines Projektes, die die münsteraner Filmtheaterbetriebe mit "Diskutiere mit dem Regisseur über seinen Film" betitelt hatte.

Um den versammelten etwa 100 Filmfreunden im Kinosaal gleich zu Beginn die spürbar knisternde Spannung zu nehmen, hatte ein Moderator den angereisten Initiator und Regisseur des Filmes, Harald Siebler, kurz vorgestellt. Dieser bat alle Anwesenden noch vor der Vorstellung doch bitte nach der Vorführung sitzen zu bleiben, um mit ihm über sein Projekt zu reden.

Es wurde dunkel, der Vorhang öffnete sich. Die neugierigen Filmfreunde bekamen 19 Kurzfilme zu sehen, die die Artikel 1 bis 19 des deutschen Grundgesetzes zum Thema hatten. In einer Art Drehbuch-Casting hatte eine Jury (mit u.a. Maria Schrader) aus 457 Drehbüchern 19 ausgewählt, um dem Kinopublikum die Inhalte der 19 Artikel des Grundgesetzes so unterhaltsam wie möglich näher zu bringen. Dies wollte über die viel zu langen 140 Minuten aber in dieser Fassung (noch) nicht gelingen. Zu unterschiedlich waren hier die einzelnen Geschichten in punkto Dramaturgie, Glaubhaftigkeit und Schärfe. Dem Zuschauer entblätterte sich in dieser Rohfassung ein lose gebundenes Sammelsurium unterschiedlicher Kurzfilme, die aus so unterschiedlichen Genres wie beispielsweise der Reportage oder auch dem Science-Fiction-Fach stammten. Ich persönlich konnte mich nur für die Filme zu den Artikeln 1 (Würde des Menschen) und Artikel 12 (Wahl des Berufes) erwärmen. Ob sich der Initiator hier vielleicht zu viel zugemutet hat? Und ist der Episodenfilm vielleicht ein Gradmesser, der Auskunft über das Niveau der deutschen Drehbuchgilde gibt? Nein. Und ich will es nicht hoffen. Aber ich bin gespannt auf den 58. Beschlusstag des deutschen Grundgesetzes am 24.Mai 2007. Dann soll der fertige Episodenfilm in die deutschen Kinos kommen.

David Frankel: Der Teufel trägt Prada (USA 2006)

gesehen am 6.10.2006, Deutschlandpremiere Köln, Regina

Bei der Deutschland-Premiere von "Der Teufel trägt Prada" war eindeutig die Location der Star: Das von der Firma P&C so genannte "Weltstadthaus" von Renzo Piano in Köln. Wobei nach wie vor unklar ist, auf welcher der drei Silben die Betonung liegt.

Was da über den roten Teppich eines Sonsors Richtung Glaskuppel zu Häppchen, Designpreis-Vergabe und Filmvorführung stöckelte, war, neben Otto Kern, dessen Blusen eine Etage tiefer zu erwerben sind, bestenfalls die C- und D-Klasse aus dem Privatfernsehen. Aber immerhin angemessen gekleidet. Und alle tuteten das Gleiche in die RTL-Linse: Nein, sooo wichtig seien die teuren Markenklamotten gar nicht. Lieber ein teures Stück im Schrank und das mit Flohmarkt-Klamotten kombinieren. Und zu H&M gehe man natürlich auch schon mal. Und schlimmschlimmschlimm sei das, wenn schon die jungen Leute in der Schule diesem Modediktat und so weiter und so weiter ...

"Der Teufel trägt Prada" ist eindeutig ein Film für uns Mädels. Eine Komödie über den New Yorker Modezirkus, über Beauty Departments und unbezahlbare Handtaschen, über Stöckelschuhe und Hungerhaken. Keine ätzende Satire, dafür aber mit erträglicher Moral und einer unglaublich präzise agierenden Meryl Streep. Der macht die Teufelinnen-Rolle ganz offensichtlich Riesenspaß. Anne Hathaway dagegen ist zwar süß anzusehen, aber Kulleraugen allein tragen nun mal keinen Film.

"Der Teufel trägt Prada" ist also ein eher leichtes Vergnügen. Eines, das durch seinen Look und die stark eingesetzte Pop-Musik ebenso der Mode unterliegen wird wie die Klamotten, um die es geht. Also schnell anschauen gehen, bevor Patricia-Fields "La Rue"-Taschen kein "Must Have" mehr sind. Gottlob kommt New York selbst nie aus der Mode.

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Wolfgang Murnberger: Lapislazuli - Im Auge des Bären (Österreich / D / Lux 2005)

gesehen am 01.10.2006, Sonder-Preview in Münster, Christian

Mehrfilm.de hatte 3x2 Eintrittskarten für die Sonder-Preview des Films „Lapislazuli – Im Auge des Bären“ verlost. Zusammen mit unseren und anderen Gewinnerinnen und Gewinnern weiterer Verlosungen war das Kino an diesem Sonntagmorgen jedoch nur mit etwa 50 Besuchern besetzt. Schade! Vielleicht waren mit der Filmbörse in der Halle Münsterland, den zahlreichen Aktionen rund um das WM-Sommermärchen oder dem herrlichen Sonnenschein die Alternativen einfach zu attraktiv? Doch nun zum Film.

Wolfgang Murnberger ist kein Garant für leichte Kost. Der österreichische Regisseur wurde mit den kongenialen Wolfgang- Haas-Verfilmungen wie „Komm, süßer Tod“ und „Silentium“ bekannt. Hier hat er seine Lieblingsthemen wie Tod, Verlust und Trauer in einen Jugendfilm gepackt. Murnberger würde sagen: ein Kinderfilm für Erwachsene. Ein bisschen Fantasy, ein bisschen Krimi, und ein Liebesfilm ist es aber auch noch geworden. Dabei beginnt alles ganz harmlos: Die 13jährige Sophie (überzeugend: Julia Krombach) macht mit ihrem Vater, der Stiefmutter und ihrer Stiefschwester Urlaub in den Bergen. Es soll ein versöhnlicher Urlaub werden. Doch Sophie ist sauer auf ihren Vater. Dieser hatte sich nach dem Tod der Ehefrau und Sophies Mutter viel zu schnell wieder neu verliebt. Als Sophie einen Meteorit am Himmel entdeckt, der in das Bergmassiv einschlägt, nimmt sie Reißaus. Auf ihrer Reise durch die Berge wird sie von einem Neandertalerjungen überrascht, den der Meteorit aus dem Gletschereis befreit hatte. Bataa, so sein Name, ist auf der Suche nach einem Bärenfell, um seine letzte Reise antreten zu können.

Murnberger erzählt eine spannende Geschichte über ein ernstes Thema. Auch wenn der Film, der in einer tollen Bergkulisse spielt, einige Startschwierigkeiten mit arg ausgewalzten Familienproblemen hat, entwickelt er sich nach und nach zu einem mitreißenden Abenteuer für Groß und Klein. Das fanden übrigens auch die Gewinner unserer Verlosung, die sich nach dem Film ein Autogramm bei der anwesenden Hauptdarstellerin Julia Krombach abholen konnten.

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Woody Allen: Scoop - Der Knüller (GB 2006)

gesehen am 29.09.2006, Pressevorführung, Christian

„Peter Lyman ist der Tarot-Karten-Mörder“ sprudelt es aus dem aufgeregten Mann heraus, der plötzlich in der dunklen Box neben ihr auftaucht. Eigentlich wollte die junge Journalismusstudentin Sandra Pransky nur dem netten Zauberer auf der Bühne assistieren. Jetzt steht sie in einer dunklen Box, mitten auf der Bühne und wie aus dem Nichts taucht plötzlich dieser ältere Mann auf. „Sie sind doch Journalismus-Studentin?“ fährt dieser fort. „Ja“, erwidert Sandra immer noch sichtlich überrascht. „Dann schreiben Sie: Peter Lyman, Sohn von Lord Lyman ist der Tarot-Karten-Mörder. Das ist die größte Story seit Jack the Ripper.“ „Schreibt man das groß?“, erwidert Sandra nervös. Nur die Zuschauer wissen in diesem Moment, dass der aufgeregte Mann ein erfahrener Starjournalist ist. Oder besser - war. Denn Joe Strombel, so sein Name, ist längst tot. Gefangen in der Vorhölle, hat Strombel einen Hinweis über den vermeintlichen Täter einer langen Mordserie erhalten und will nun als Geist der Sache nachgehen. Für diesen Coup hat er die junge Amerikanerin Sandra Pransky auserkoren, um genügend Beweise für seinen Scoop, seinen Knüller, zu sammeln. Als Geist gelingt ihm dies nicht.

Woody Allen ist mit "Scoop" wieder einmal eine sehr amüsante Komödie gelungen. "Back to the roots" schreit es hier aus jeder Zeile, wenn man den ersten Dialogen der Protagonisten besonders aufmerksam lauscht. Ob es eine Herzensangelegenheit des mittlerweile über 70jährigen New Yorkers war? Wieder eine Komödie? Nach seinem ernsten Drama "Match Point" sollte es nun wieder eine intelligente Komödie im Stil von "Im Bann des Jade-Scorpions" oder "Manhattan Murder Mystery" werden? Das ist ihm gelungen. Zumindest wollte Allen unbedingt in London arbeiten und einmal mehr mit der überragenden Jungdarstellerin Scarlett Johansson. Und London liefert das perfekte Set für die spannende Geschichte rund um den Serienkiller aus Adelskreisen. Aber auch Scarlett Johansson kann einmal mehr überzeugen, hier in der Rolle der jungen Studentin Sandra Pransky. Im Original macht sie keinen Hehl aus ihrem breiten amerikanischen Akzent, der im Zusammenspiel mit dem schmächtigen Woody Allen, der hier selbst in die Rolle des redseligen, etwas schusseligen Zauberers schlüpft, noch dreckiger, noch vulgärer klingt. Erst als der smarte Hugh Jackmann in der Rolle des verdächtigen Serienmörders Peter Lyman auftaucht, darf sich Scarlett Johansson etwas zurück nehmen und ein ums andere Mal verliebt aus der zurückhaltend vornehmen Wäsche schauen. Auch wenn man ihr die Liebe zum englischen Aristokratensohn nur schwer abnimmt, nicht der Film, wohl aber das Zusammenspiel von Frau Johansson mit dem kauzigen Allen wird nach dem Besuch dieses Filmes wohl den meisten noch lange in angenehmer Erinnerung bleiben.

Neil Armstrong: Candy (Australien 2005)

gesehen am 25.09.2006 in Münster, Christian

23 Uhr, fast leeres Kino. Montagabend. Und jetzt eine Romanze über ein drogensüchtiges Pärchen? - Ok! Die Stadt im Film kommt einem bekannt vor. Sidney? Melbourne? Das muss ich wohl noch herausfinden. Zur Story: Mit viel Charme gewinnt Gelegenheitsdichter Dan (Heath Ledger) das Herz der zutiefst romantisch veranlagten Candy (klasse: Abbie Cornish). Das Kind aus gutem Hause ist eine begabte Malerin. Um Dan in der Beziehung näher zu sein, möchte sie wie er auch dringend Heroin probieren. Doch gleich nach dem ersten Schuss droht sie an einer Überdosis zu sterben. Candy hat jedoch Lust auf mehr bekommen. Mit der Abhängigkeit der beiden folgt der Drogenalltag, begleitet von Beschaffungskriminalität und Prostitution. Ein Absturz mit Folgen.

“Candy” ist eine emotionale Bestandsaufnahme zweier junger Menschen, die sich mit allen Mitteln gegen die Bürgerlichkeit wehren. Die beiden Hauptdarsteller spielen mit bemerkenswerter Hingabe, für Heath Ledger scheint es eine Herzensangelegenheit gewesen zu sein, Geoffrey Rush überzeugt als väterlicher Drogenfreund in einer Nebenrolle. Trotz der beachtlichen schausp. Leistungen aller Beteiligten berührt das Schicksal der beiden am Ende jedoch nicht. Es ist kurz nach halb eins. Münster schläft. Ich gleich auch.

Brian de Palma: The Black Dahlia (USA 2005)

gesehen am 13.09.2006, Pressevorführung, Christian

Ein großartiges Set, die Eröffnung erinnert ein wenig an "King Kong" oder "L.A. Confidential". Kein Wunder, handelt es sich wie bei letzterem auch bei "The Black Dahlia" um eine James Ellroy Verfilmung. Seit fast zwanzig Jahren warten Fans von James Ellroy auf die Verfilmung seines Romans, der um einen berühmten ungelösten Mordfall aus dem Jahr 1947 gestrickt ist. Selbst nach dem Erfolg der ersten Ellroy-Verfilmung dauerte es noch einmal fast zehn Jahre, bis De Palma auch mit deutschen Mitteln den Film in Bulgarien drehen konnte.

„The Black Dahlia” erzählt die Geschichte zweier Cops des Los Angeles Police Department (Josh Hartnett und Aaron Eckhart), die den brutalen Mord an der zweiundzwanzigjährigen Elizabeth Short untersuchen, deren verstümmelte Leiche auf einem leeren Grundstück gefunden wurde. Wegen ihrer Haare und einer Vorliebe für schwarze Kleider wurde sie von der Presse „schwarze Dahlie” getauft. Der Fall beschäftigte die Phantasie auch deshalb so dauerhaft, weil die unfaßbare Brutalität der Tat in Kontrast gesetzt wurde zur vermuteten Unschuld eines Mädchens, das wie so viele andere ihren Träumen nach Hollywood gefolgt war, um sich dort einen Namen zu machen.

Ellroy hat um das Opfer herum eine Geschichte entworfen, die direkt ins schwarze Herz Hollywoods führt, zum Stummfilm-Mogul Mack Sennett und den Grundstücksspekulanten, denen die Stadt letztlich die weltberühmten Buchstaben auf den Hügeln verdankt. Brian De Palma hat das aufgegriffen und eine Art Kompendium des Film Noir inszeniert, in dem es wie in seinem eigenen Werk von Doppelgängern nur so wimmelt. Die beiden unterschiedlichen Cops fühlen sich zum Bild einer Toten hingezogen. In diesem Netzwerk aus Lügen, Träumen und Gewalt geht es nicht nur aber auch um die zwei Cops, die genauso unterschiedlich sind wie die beiden Frauen, die blonde Scarlett Johansson, die zwischen den beiden Helden steht, und die schwarze Hilary Swank, die ein verwöhntes Gör aus reichem Hause mit einem Hang zu billigen Vergnügungen ist. Im Zentrum des Ganzen, das zuerst nicht leicht auszumachen ist, steht aber die Tote, und De Palma hat eine geniale Einstellung gefunden, mit der er den Leichenfund in Etappen inszeniert. Nach einer nicht immer leicht nachvollziehbaren detektivischen Aufklärungshatz ist de Palma mit der herausragenden Besetzung ein furioser Vierziger-Jahre-Kostümfilm gelungen, der die Ästhetik des alten Kinos wiederbelebt.

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Rian Johnson: Brick (USA 2005)

gesehen am 12.09.2006, Preview in Münster, Christian

Eine Telefonzelle im Nirgendwo. Ein Klingeln ertönt. Brendon, Einzelgänger und High-School-Schüler, nimmt den Hörer ab. Es ist seine Ex-Freundin Emily. `Brendon, Du musst mir helfen`, winselt sie durchs Telefon. Wenig später wird sie aufgefunden - tot. Brendon´s Neugierde ist geweckt. Zusammen mit seinem einzigen Freund `The Brain` (Matt O´Leary) versucht er in detektivischer Manier der Sache auf den Grund zu gehen.

Das Regiedebüt des erst 32jährigen Amerikaners Rian Johnson ist Krimi, Thriller, Highschool-Komödie und Drama zugleich. Ein Wagnis? - Ja! Etwa sieben Jahre war Johnson mit dieser Idee bei zahlreichen Filmproduktionsfirmen hausieren gegangen, doch erst ein kleiner Verleiher wollte den Film umsetzen. Visuell geschieht dies von Johnson im Film Noir Stil: Das Spiel mit Hell und Dunkel, Licht und Schatten wird hier aber noch auf die Spitze getrieben. Plötzlich bleibt für Sekunden die Leinwand schwarz. Der kleine Filmverleih hat die schwere Promo-Tour für den Film über diverse Filmfestivals gewagt. Ein Coup, der aufging. Auf zahlreichen Festivals ging der rotzfreche Ritt durch verschiedene Filmgenres als Publikumsgewinnerfilm hervor, darunter auch auf dem Fantasy-Filmfest. "Brick" ist zwar nicht immer glaubhaft und auch nicht immer nachvollziehbar. "Brick" ist aber spannend bis zur letzten Einstellung.

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Amos Gitai: News from Home (Israel / Belgien / Frankreich 2006)

gesehen am 7.09.2006, Deutschlandpremiere, Christian

Eine Deutschlandpremiere in Münster, das kommt auch nicht alle Tage vor. Doch der neue Film des israelischen Regisseurs Amos Gitai wird vom münsteraner Filmverleih mec Film vertrieben. Und da die Münsteraner sehr gerne und häufig ins Kino gehen und zudem als sehr kritisches und intelligentes Publikum (siehe Münsters Kinocharts) bekannt sind, bot sich der Deutschlandstart in Münster an. Die Location wurde vom Verleih auch sehr geschickt gewählt, hatte doch das verantwortliche Kino erst wenige Tage zuvor einen Preis für sein herausragendes Kinoprogramm bekommen.

Irit Neithart, verantwortliche Pressechefin des mec Filmverleihs, bedankte sich für das zahlreiche Erscheinen und fand einige vorbereitende Worte über den anschließenden Film. Sie nahm auch nach dem Film noch einmal das Mikrophon in die Hand, um einige Fragen des wissbegierigen münsteraner Publikums zu beantworten. Im Anschluss wurden, wie bei vielen Deutschlandpremieren üblich, noch Freigetränke gereicht. Alles in allem eine sehr gelungene Premiere einer sehr sehenswerten Dokumentation. Alles weitere zum Film findest Du auf der Filmhomepage über unsere Filmdatenbank.

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Tom Tykwer: Das Parfüm (D/F/E 2006)

gesehen am 23.08.2006, Pressevorführung, Christian

Gerüche kann man nicht beschreiben heißt es. Der deutsche Schriftsteller Patrick Süskind konnte es. Er hat in den 80ern mit seiner Geschichte über den Parfümeur-Gesellen Jean-Baptiste Grenouille einen Weltbestseller geschrieben. Sein Roman „Das Parfüm“ über den jungen Grenouille und seine Suche nach dem eigenen Geruch wurde in über 40 Sprachen übersetzt und stand fast zehn Jahre auf der populären Spiegel-Bestsellerliste. Geht man auf Recherchetour über die Erfolgsgeschichte und Hintergründe dieses Buches, reiht sich ein Superlativ an das nächste.

Viele Regisseure hatten sich bis heute um den Stoff beworben. Doch nach vielen Verhandlungsjahren war Erfolgsautor Süskind im Jahre 2001 schließlich dem großzügigen Angebot seines Freundes Eichinger erlegen und hat sich für dessen Produktionsfirma Constantinfilm und den Bildermagier Tom Tykwer entschieden. Filmproduzent Eichinger, der mit seinen Filmen „Der Name der Rose“ und „Das Geisterhaus“ genug Erfahrungen in punkto Bestsellerverfilmung mitbrachte, stellte eine solide Finanzierung ohne fremdes Geld und damit ungeliebte Mitspracherechte aus Hollywood auf die Beine und seinem „Lola rennt“-Regisseur Tom Tykwer den erfahrenen Drehbuchautor Andrew Birkin zur Seite.

Dieses Triumvirat stellte sich der Herausforderung, der sich jeder Filmemacher und jede Filmemacherin gerne irgendwann einmal stellen möchte: Einen Roman, der als unverfilmbar gilt, für die Leinwand aufzubereiten. Dieser Mut verdient Respekt. Fast zweieinhalb Stunden ist sie nun lang geworden, diese Mordsgeschichte um einen Ausgestoßenen, der einen eigenen Geruch anstrebt und diesen an jungen Frauen findet, die er nach und nach zur Strecke bringt. Gespickt mit sehenswerten Ideen, die Tom Tykwer Kameramann Frank Griebe filmisch gekonnt umsetzt, ist auf der Leinwand schließlich das zu sehen, was der Roman ausdrücken will: Paris im Jahre 1738 war dreckig und stinkig. Ein Ausgestoßener (überzeugend: Newcomer Ben Wishaw) sucht nach seinem eigenen Geruch. Und seine von Leichen gepflasterte Reise findet nach der Fertigstellung seines Parfüms ein Ende in einem orgiastischen Menschengemenge. Tykwer ist nicht Kubrick. Vielleicht muss aus diesem Grund eine Off-Stimme nachhaltig für die richtige Stimmung sorgen. Das Wichtigste ist aber, dass es Tykwer gelingt, sowohl bedrückende Stimmung als auch die schlechten und guten Gerüche der Zeit von der Leinwand in die Köpfe der Zuschauer zu transportieren. Und letzteres ist in einem spannenden Unterhaltungsfilm zuvor noch niemandem gelungen.

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David R. Ellis: Snakes on a Plane (USA 2006)

gesehen am 23.08.2006, Pressevorführung, Christian

Snakes on a Plane, in Branchenkreisen kurz SoaP genannt, ist ein Phänomen. Nicht weil der Film so gut ist, nein. Aufgrund seines verheißungsvollen Titels hatte sich im Internet seit Bekanntwerden der Filmidee ein Hype aufgetürmt, der vielleicht nur mit dem „Blair Witch Project“-Phänomen vergleichbar ist. Was war geschehen? Angefangen hat alles mit einem Blog des Drehbuchautors Josh Friedman. Ihm wurde ein Skript mit dem vieldeutigen Titel „Snakes on a Plane“ angeboten. Er solle daran arbeiten und einen spannenden Thriller kreieren. In zahlreichen Foren wurde daraufhin der Titel des vermeintlichen B-Movies immer wieder neu variiert und parodiert. Unzählige Blogs und Fan-Communitys hatten sich Gedanken um mögliche Zitate, Filmmusik und Handlungsabläufe gemacht. Und New Line Cinema, die Warner Bros. Tochter, hatte sich derweil genüsslich die Hände gerieben. Einen Tag vor dem US-Kinostart wurde das Einspielergebnis von Box-Office-Analysten auf unglaubliche 38 Millionen Dollar für das erste Wochenende geschätzt.

Doch der Hype ging nach hinten los. Mit einem Einspiel von gerade einmal 13,8 Millionen Dollar am Startwochenende legte der Film einen - im Vergleich zu den hohen Erwartungen - glatten Box-Office-Crash hin. Dabei ist der Thriller gar nicht mal so schlecht. Es geht um einen jungen Crossmotorradfahrer, der zufällig Zeuge eines Mordes wird. Sean Jones (Nathan Philipps) kann zunächst fliehen, doch nur wenig später wird ihm bewusst, in welch misslicher Lage er sich befindet, als ihn ein taffer FBI-Agent (Samuel L. Jackson) vor einem Killerkommando in Sicherheit bringen kann. Sean soll als Zeuge aussagen und wird von Hawaii nach Los Angeles geflogen. Mit ihm und FBI-Agent Neville Flynn befinden sich aber noch einige Urlaubsgäste und über 100 scharfgemachte Giftschlangen an Board. Der Trip kann beginnen.

Genau wie in seinem Vorgänger „Final Call“ kommt Regisseur David R. Ellis sehr schnell zur Sache. Keine 15 Minuten vergehen, bis sich die ersten wirklich fiesen Viecher aus den Kisten schlängeln. Klar, dass nach dem Hype aus dem Internet aus dem PG-13-familienkompatiblen Thriller ein mit einem R-Rating versehener Schocker werden musste, der Punkt für Punkt die an ihn adressierten Forderungen abhakt. Menschen mit Ophidiophobie (Angst vor Schlangen) sollten den Film meiden, alle anderen können sich auf ein geschickt überzeichnetes B-Movie freuen.

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Bryan Singer: Superman Returns (USA 2006)

gesehen am 09.08.2006, Pressevorführung, Christian

Fünf Jahre war Superman alias Clark Kent spurlos verschwunden. Nicht von der Leinwand, sondern im Film „Superman Returns“ von Bryan Singer. Bevor aber der Zuschauer in die Geschichte einsteigt, wird ihm eine kleine Kostprobe des aktuell technisch Machbaren in punkto Filmeffekte geboten. Regisseur Bryan Singer („X-Men“), der eine langjährige Suche von Warner Bros. nach einem geeigneten Regisseur für „Superman Returns“ beendet, stellt gleich zu Beginn seine Marschrichtung vor: Der Look des Films ist sehr eng an die ersten beiden der insgesamt vier Teile der Superman-Saga aus den 80ern angelehnt, so auch die Eingangssequenz.

Wie schon in den Jahren 1978 („Superman“) und 1980 („Superman II“) fliegen auch in „Superman Returns“ zunächst dem Zuschauer diverse Planeten, Fixsterne und Meteoriten um die Ohren – untermalt vom Original-Superman-Score von John Williams. Und um die Nähe zu den ersten beiden Superman-Abenteuern weiter zu festigen, hat die Hauptfigur des Jahrgangs 2006 eine auffallend große Ähnlichkeit zum damaligen Superman-Darsteller Christopher Reeve. Der Film soll aber kein Remake, sondern eine Fortführung der Geschichte aus den 80ern sein. Und die geht gleich zu Beginn so weiter, wie sie im Jahre 1978 und als Comic gestartet war: Eine Raumkapsel, als großer Meteorit getarnt, landet auf der Erde und mit ihm ein Bewohner des Planeten Krypton. „Superman“, der fremde Mann aus Stahl, ist hier jedoch kein kleiner Junge mehr, er ist inzwischen ein junger Mann, der nur fünf Jahre von der Erdoberfläche verschwunden war und nun auf den Planeten Erde zurückkehrt.

„Superman“ alias Reporter Clark Kent (Brendon Routh) muss feststellen, dass die Welt im Jahr 2006 auch ohne Superhelden auskommt. Lois Lane (Kate Bosworth), Clarks einstige große Liebe hatte einen Artikel zu diesem Thema verfasst und sich damit von ihrer großen Liebe Superman emotional zu entfernen versucht. Sie wohnt nun mit Sohn Jason und ihrem Verlobten Richard vor den Toren der Stadt. Als sowohl Clark, vielmehr aber Superman wieder auftaucht, gerät ihr Gefühlsleben ein wenig durcheinander. Supermans (Super-)Kräfte werden jedoch auch an anderer Stelle benötigt: Sein einstiger Widersacher Lex Luther (großartig: Kevin Spacey) taucht ebenso wieder auf und plant, mithilfe eines besonderen Kristalls, einen neuen Kontinent zu erschaffen und damit bestehende Kontinente zu vernichten. Regisseur Bryan Singer setzt in „Superman Returns“ sehr auf die diversen Beziehungen seines Hauptdarstellers und gibt der Figur damit eine sehr emotionale Seite. Der junge Brandon Routh, vor allem aber die blasse Kate Bosworth als Lois Lane können diese Verantwortung jedoch nicht schultern. Das macht den über 200 Millionen Dollar teuren Film in erster Linie zu einer One-Man-Show des herausragenden Nebendarstellers Kevin Spacey als Lex Luther, gespickt mit beeindruckenden Effekten und einem Superman, der leider so plastisch bleibt wie seine Comicvorlage.

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Sven Taddicken: Emmas Glück (Deutschland 2006)

gesehen am 7.08.2006, Preview mit Lesung in Köln, Regina

Als die Kölner Journalistin Claudia Schreiber vor einigen Jahren den Roman "Emmas Glück" schrieb, da hatte sie, wie sie heute erzählt, gleich den Wunsch und die Hoffnung, dass der Stoff einmal ein Film wird. Überraschend schnell konnte sich nicht nur ein Verlag für "Emma" begeistern, sondern tatsächlich bald auch eine Filmproduktionsfirma.
Mit 100.000 verkauften Exemplaren vor dem Kinostart und Übersetzungen in bislang fünf Sprachen darf man bei "Emmas Glück" getrost von einem "Bestseller" sprechen. Ein Roman, der sich wohl weniger durch eine hohe literarische Qualität auszeichnet als durch eine anrührende Geschichte, eine tolle Charakterzeichnung und die perfekte Kombination aus Drama und Komödie. Keine schlechte Grundlage für einen Kinofilm also.

Claudia Schreiber erarbeitete zusammen mit Ruth Toma ("Solino", "Erbsen auf Halb 6") das Drehbuch für den Film und sorgte so dafür, dass die Charaktere des Romans auch auf der Leinwand gut getroffen sind und trotz aller Änderungen am Verlauf der Handlung die "Essenz" der filmischen Darstellung, wie sie selbst klarstellt, erhalten blieb.
Der Film beschränkt sich seiner Natur gemäß auf die äußere Handlung. Er ist frei von Rückblenden, während ein zuvor erschienenes Hörspiel, direkt im Anschluss an das Buch, sich viel mehr den psychologischen Aspekten der Protagonistin widmete. Die Figuren im Film sind so wie sie sind und es gibt kein Versuch der Erklärung, warum dies so ist.

Leider geht durch diese Reduktion auch einiges an Komik verloren. Ein unfairer Hinweis zwar, aber bei der besuchten Preview gab es vor dem Film einige ausgesuchte Leseproben (inklusive "toter Schweinehälften") von Claudia Schreiber, die - im direkten Vergleich mit den entsprechenden Filmszenen - erhellend, erheiternd oder auch nur ergänzend wirkten. Nicht nur ich hätte vermutlich ohne das vorherige Vorlese-Erlebnis am Film deutlich weniger Spaß gehabt.

So aber sah ich - einigen Subtext im Hinterkopf - mit "Emmas Glück" einen Film, der mir fast rundum gefallen hat. Er fängt sowohl das Gefühl der Abgeschiedenheit auf dem einsamen Bauernhof, als auch des kleinen wie des großen Glücks sowie des Sommers auf dem Land ganz wunderbar ein. Die Reduktion auf das Wesentliche, verkörpert durch nur eine Handvoll Schauspieler, ist wohltuend. Die Kamera nimmt sich oft Zeit, einfach auf einem Gesicht oder auf einer Szene zu verharren, so dass der Film eine angenehme Gelassenheit ausstrahlt. Trotz des schweren Themas driftet "Emma" nie zu sehr ins Rührselige ab. Und wie die Umgebung von Gummersbach den Hochsauerlandkreis darstellt, na ja...

Gar nicht hoch genug zu loben ist Jördis Triebel in der Titelrolle und in ihrer ersten Kinoarbeit. Sie ist als Emma ein Glücksgriff und kann die Verschrobenheit der jungen Bäuerin wunderbar transportieren. Jürgen Vogel fällt dagegen ab und Hinnerk Schönemann als Dorfpolizist spult mal wieder sein Standardrepertoire ab (das allerdings gut ist).

Eklige Sezenen gibt es einige, wobei die Beschreibungen im Buch sehr viel deutlicher sind. Wer hingegen immer schon einmal wissen wollte, wo genau die Bauchspeicheldrüse im Schweineinneren zu finden ist? ... Ob ich dagegen unzählige Male Jürgen Vogel hätte kotzen sehen müssen, weiß ich nicht. Als Zuschauer möchte man oft und gern ausrufen: "Ja, ich hab schon verstanden, danke". "Emmas Glück" ist dennoch schönes Kino, großes Kino, Kino für den Sommer. Hier sollte man auf keinen Fall auf die Fernsehausstrahlung warten.

Eintrag im Filmarchiv

Oliver Stone: World Trade Center (USA 2006)

gesehen am 4.08.2006, Pressevorführung, Christian

Oliver Stone ein Gefühlsduseliger Patriot? Mit Spannung wurde die filmische Aufarbeitung der 9/11-Anschläge des amerikanischen Regisseurs erwartet. Doch nach dem Film ist man vor allem eins - überrascht. Hollywoods vornehmster Verschwörungstheoretiker („JFK“), („Platoon“) liefert mit seinem aktuellen Film „World Trade Center“ ein zutiefst apolitisches Katastrophen-Drama ab. Im Gegensatz zu Paul Greengrass´ „Flug 93“ spiegelt er die Geschehnisse des berühmtesten Dienstages der amerikanischen Nachkriegsgeschichte anhand zweier New Yorker Schicksale wieder: Die der Familien McLoughlin und Jimeno.

Wie jeden Morgen klingelt auch am Morgen des 11. September 2001 der Wecker des erfahrenen Sergeants John McLoughlin (Nicholas Cage) um 3.30 Uhr in der Früh. Der angesehene Polizist hatte sich mit seiner schönen Frau Donna (Maria Bello) und seinen vier Kindern weit vor den Toren der Stadt New Yorks ein schickes Anwesen gekauft und muss so jeden Morgen eine stundenlange Anreise in Kauf nehmen. Auf der Wache des Port Authority Police Departments trifft er auf seine Kollegen, unter anderen auch auf Will Jimeno (Michael Pena). Nachdem McLoughlin den Tages-Einsatzplan mit allen Mitarbeitern besprochen hat, ist in den Nachrichten von einem Angriff auf das World Trade Center die Rede. McLoughlin organisiert einen Trupp, mit dem Vorhaben, das Gebäude so schnell wie möglich räumen zu lassen. Am Ort des Geschehens angekommen, eröffnet sich den jungen Polizisten ein Bild des Schreckens. Mit Helmen, Gasmasken und weiterem Gerät bewaffnet, dringt das Team in den ersten Turm ein und wird bald darauf unter den einstürzenden Betonmassen begraben. Nur McLoughlin und Jimeno überleben den Einsturz, der Überlebenskampf beginnt.

Stone inszeniert ein ungewöhnlich stilles Heldenstück in der Optik eines Big-Budget-Katastrophenfilms, „A story of courage and survival”, wie er selbst sagt. Er presst die wahre Geschichte zweier Polizisten in ein tausendfach bewährtes Hollywood-Format: Die in einer ausweglosen Situation verharrenden Protagonisten entscheiden sich zur Heldenhaftigkeit. Dazwischen wird immer wieder das Leiden der Familienangehörigen eingeblendet. Die Helden gehen mit schmerzverzerrtem Gesicht durch die Katharsis einer Katastrophe samt Weichzeichner-Rückblenden und religiösen Visionen. Und schlussendlich findet die glückliche Kleinfamilie Amerikas wieder zusammen. Da Oliver Stone sein Handwerk versteht, werden die meisten den Kinosaal nicht verlassen, ohne heimlich eine Träne verdrückt zu haben. Doch am Ende macht sich auch ein Gefühl der Wut breit. Die Wut darüber, von diesem patriotischen Heldenstück ohne Ecken und Kanten ganz schön eingelullt worden zu sein.

Pedro Almodovar: Volver - Zurückkehren (Spanien 2006)

gesehen am 30.07.2006, Preview in Köln, Regina

"Back to the roots" mit "Volver" (= zurückkehren): Örtlich ist Regisseur und Drehbuchautor Pedro Almodóvar mit "Volver" wieder da, wo er herstammt: In der Region von La Mancha. Mit Carmen Maura in der Rolle der (verstorbenen) Mutter knüpft er an sein Frühwerk sowie ersten großen Erfolg "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs" an. Und Superstar Penelope Cruz ist auch endlich wieder zurück.

Wie die meisten von Almodóvars Filmen stellt "Volver" die Frauen in den
Mittelpunkt. Doch es fällt sofort auf, dass alles Laute und Lärmende vergangener Werke aus dem neuen Film verschwunden ist. Dennoch ist die Handlung von "Volver" natürlich voller Skurrilitäten. Und Almodóvars patente Frauenriege ist wie gehabt für einige Komik gut, auch wenn sie nicht mehr so exaltiert daherkommt wie noch vor zehn Jahren

In "Volver" werden Tote wieder lebendig und keinen scheint das zu wundern. Die Geschichte von Raimunda (Penelope Cruz), ihrer Tochter, ihrer Schwester, Tante und Mutter sowie der Tochter der Nachbarin ist ein großes Generationendrama. Almodovars Film ist ein Werk voll schöner und starker Frauen, Solidarität und großer Gefühle. Ein Melodram mit komischen Momenten - und natürlich recht eigenwillig.

Wer Almodóvars Filme mag und ihm über die verrückt-überdrehten Werke bis hin zu den ernsthafteren über die Jahre als Zuschauer gefolgt ist, der wird auch "Volver" mögen. Wer mit den Filmen des Spaniers bislang nichts anfangen konnte, der wird auch durch den sentimentaleren "Volver" nicht bekehrt. Und wer nun bislang wenig über Almodóvar weiß, der wird in "Volver" eine sehr sehenswerte Frauen-Dramödie finden. In Cannes gab es dafür die Goldene Palme für's Drehbuch und die Frauenriege teilte sich zu Recht den Preis für die besten Darstellerinnen. Ein ganz besonderes Kinoereignis!

Eintrag im Filmarchiv

Michael Mann: Miami Vice (USA 2006)

gesehen am 25.07.2006, Pressevorführung, Christian

Erfolgreiche TV-Serien sind als Leinwand-Destillat nicht immer erfolgreich. Als Beispiele sind hier „Star Trek“, „Akte X“ (1998) oder "The Avengers" (1998) genannt. Mit großer Spannung wurde vor diesem Hintergrund die Leinwandadaption des 80er-Jahre Serienhits „Miami Vice“ erwartet. Der damals verantwortliche Produzent und heutige Star-Regisseur Michael Mann („Heat“, „Inside-Man“, „Collateral“) wollte für die Kino-Version unbedingt selbst die Regie übernehmen.

Für das Projekt hat Michael Mann erst grünes Licht gegeben, als er seine Wunschbesetzung verpflichten konnte. Schließlich wusste er genau, dass viele Serienfans, zu denen auch ich gehöre, die beiden Leinwanddarsteller mit den damaligen TV-Serienstars Don Johnson und Philip Michael Thomas vergleichen werden. Doch Michael Mann unterläuft hier geschickt diesen Verglich, in dem er zwar die Hauptrollen mit den ebenso coolen Vollblutschauspielern Colin Farell und Jamie Foxx besetzt, jedoch die 80er-Jahre Fashion-Statements und die serientypische Hochglanzfassade durch ein düsteres Thrillerszenario ersetzt, das auf Intensität und Realismus baut.

Sofort zu Beginn taucht der Kinobesucher ohne Vorwarnung in eine Michael Mann typische Atmosphäre ein, indem er die beiden Cops Sonny Crocket (Colin Farell) und Ricardo Tubbs (Jamie Foxx) spät nachts in eine Disco begleitet. Hier soll das Team der beiden einen Mädchenhändlerring auffliegen lassen. Doch der Einsatz wird abgebrochen, als Detective Sonny Crocket einen Notruf von einem V-Mann erhält, der von einem misslungenen Einsatz berichtet. Um den Maulwurf in den eigenen Reihen ausfindig zu machen, der dafür verantwortlich war, dass der Einsatz fehl schlug, werden Sonny und Ricardo in die Schmugglerszene eingeschleust.

Die Miami Vice Modernisierung löst sich von den heroischen Posen der 80er und zeigt wesentlich mehr Gefühl und Intensität. Hauptfigur Sonny Crocket verliebt sich hier in die Ehefrau eines Schwerkriminellen (Gong Li). Die Liebesgeschichte macht einen Schwerpunkt des Filmes aus. Doch zusammen mit der aus der TV-Serie übernommenen Coolness, den schicken Luxusautos und den männlich lockeren Onelinern geht die Leinwand-Mixtur auf und sorgt trotz unfreiwilliger, erkennbarer Kürzungen in der Lauflänge für beste, weil spannende und mitreißende Kinounterhaltung.

Eintrag im Filmarchiv

Debbie Isitt: Confetti - Heirate lieber ungewöhnlich (GB 2006)

gesehen am 25.07.2006, Pressevorführung, Christian

"Die originellste Hochzeit des Jahres" will die Hochzeits-Zeitschrift Confetti im gleichnamigen Film prämieren. Einige unerschrockene Paare melden sich auf den Aufruf und präsentieren ihre außergewöhnlichen Ideen einer Jury. Mit den ersten Einstellungen wird gleich deutlich, dass sich Regisseurin Debbie Isitt für eine halbdokumentarische Erzählform entschieden hat, um die drei Paare, um die es in den folgenden Minuten gehen soll, möglichst nah bei ihren Vorbereitungen begleiten zu können. Oder will sie damit nur die vielen Doku-Soaps karikieren, die zurzeit große Erfolge in der europäischen TV-Landschaft feiern? Die drei Paare, um die es gehen soll, sind das musisch wenig begabte Pärchen Matt & Samantha, die ihre Hochzeit als Musical inszenieren wollen, die Vollblut-Tennisspieler Josef & Isabelle, die eine Tennis-Hochzeit feiern wollen und die Nudisten Michael & Joanna, die eine Hochzeit im Adams-/Evakostüm erleben wollen!

Und weil dies eine Komödie ist, wird den drei Paaren ein schwules Hochzeitsplaner-Pärchen zur Seite gestellt, das mit ihren individuellen Ideen nicht immer den Nerv der Protagonisten trifft. Der Witz basiert, wie bei so vielen britischen Komödien, auf der Tatsache, dass Briten am liebsten über sich selbst lachen. Jede noch so kleine körperliche oder menschliche Unzulänglichkeit der Protagonisten wird in die Witz-Wiederholungsschleife geschickt und jedes Schwulen-Klischee so oft wiederholt, bis auch dem humorlosesten Kinogänger ein Lächeln entlockt werden kann. Dass die drei Paare am Ende des heiß ersehnten Wettkampfes nicht vollends der Lächerlichkeit preisgegeben werden, ist ein Verdienst der beteiligten Schauspieler, die von Regisseurin Isitt viel Raum zum Improvisieren zu Verfügung gestellt bekamen. Denn Humor hat der, der trotzdem lacht.

Eintrag im Filmarchiv

Gore Verbinski: Fluch der Karibik 2 (USA 2006)

gesehen am 11.07.2006, Pressevorführung, Christian

Unter „Locations und Sets“ ist im Presseheft zum Film unter anderem zu lesen: „Domenica, (eine Insel, die zur Gruppe der Grenadines, Karibik, gehört) …. war als Drehort die größte Herausforderung, der wir uns zu stellen hatten. Aber man darf nie vergessen: Bei „Fluch der Karibik 2“ handelt es sich um einen Film von Gore Verbinski. Im Klartext heißt das: Je extremer und entlegener, desto besser.“

Für das Team um Regisseur Gore Verbinski und Produzent Jerry Bruckheimer gab es für den zweiten (und später folgenden dritten) Teil von Disneys Piraten-Epos´ „Fluch der Karibik“ nur eine Vorgabe: „Die neuen Filme sollen einfach noch mehr Spaß machen.“ Und gleich vorweg: Schon der zweite Teil löst diese Vorgabe ein.

Nach dem Welterfolg des ersten Teils wurden noch mehr Geld und somit noch mehr Schauwerte, Komik, Darsteller, Turbulenzen auf entlegenen Inseln und noch mehr atemberaubende Figuren in die Fortsetzung investiert. Erneut gibt „The Ring“-Regisseur Gore Verbinski seinen Stars um Johnny Depp viel Raum, over the top zu agieren. Und diese nehmen diese Freiheiten in dieser Traumkulisse dankend an. Da verwundert es nicht, dass kein Mitglied aus dem ersten Teil auf die Fortsetzungen verzichten wollte. Und mehr noch: Unter dieser Regie und an diesen Drehplätzen boten alle mit voller Inbrunst ihr ganzes darstellerisches Können auf. Besonders muss man hier den Engländer Bill Nighy hervorheben, der als Johnny Depp-Gegenspieler Captain Davy Jones noch nie besser ausgesehen hat. Seine verfluchte Piraten-Crew der Flying Dutchman liefert den Helden der Black Pearl eine mitreißende See-Schlacht, so fesselnd und effektbeladen, dass sie sämtliche Schlachten anderer Piraten-Filme wie Badewannenspielereien aussehen lässt.

Fluch der Karibik 2 fliegt von einem Schauplatz zum anderen, liefert eine spannende Story mit einigen Überraschungen und seeehr viel Witz und zitiert ungeniert große Blockbuster, hier nur versteckt hinter Säbel, Zopf und Mascara-Lidstrich. Für alle Daheimgebliebenen, dies ist der ideale Sommerfilm! Doch Vorsicht: Mit garantierter Fernweh-Gefahr!

Jason Reitman: Thank you for Smoking (USA 2005)

gesehen am 11.07.2006, Pressevorführung, Christian

Nick Naylor (Aaron Eckhart) ist ein Ass in seinem Job. Er arbeitet als Lobbyist für die Tabakindustrie und hier als PR-Manager für ein ominöses Institut zur Erforschung des Tabakkonsums. Ein Studium hat er nicht. Er ist, wie er selbst behauptet, „der Typ, der früher die Frauen abgekriegt hat“. Wohl aber ist Nick der festen Ansicht, dass jede Person, jede Firma und jede Einrichtung einen Verteidiger verdient hat, unabhängig davon, wie schlimm begangene Straftaten oder verursachte Schäden durch eigens hergestellte Produkte sind.

Wegen seines Jobs sieht sich Nick Naylor jeden Tag neuen Anfeindungen konfrontiert. Sogar gegenüber seiner Ex-Frau. Bei einem Auftritt vor der Schulklasse seines Sohnes hofft dieser, dass ihn der Vater nicht seiner Kindheit beraubt. Eine köstliche Szene, wie der überragend aalglatte Aaron Eckhart vor den Augen seines Sohnes versucht, den Mitschülern den eigenen Job zu erklären, den andere nicht einmal für ein Millionengehalt ausüben würden. Die ständigen Anfeindungen haben Nick Naylor stark gemacht, ein schlechtes Gewissen hat er nicht.

Sein neuester Auftrag ist jedoch eine harte Nummer. Naylor muss den liberalen Senator Finistirre (William H. Macy) stoppen, der ein Gesetz erlassen will, dass jede Zigarettenschachtel ein Totenkopfsymbol zieren muss.

Diese satirische Komödie von Regisseur und Autor Jason Reitman, übrigens der Sohn von Komödienspezialist Ivan Reitman („Ghostbusters“, „Kindergarten Cop“, „Dave“), steht und fällt mit seinem überragenden Hauptdarsteller und den hervorragend besetzten Nebendarstellern. Die aktuelle Anti-Raucher-Kampagne des amerikanischen Gesundheitsministeriums hat sich Reitman als Ausgangssituation für eine lockere Komödie mit satirischem Unterton ausgesucht, die hier ganz anders als beispielsweise Paul Weitz´ „American Dreamz“, sehr viel länger in den Köpfen der Kinozuschauer hängen bleiben dürfte.

Eintrag im Filmarchiv

Wolfgang Petersen: Poseidon (USA 2006)

gesehen am 03.07.2006, Pressevorführung, Christian

Die typischen Regeln für ein Werk aus dem Genre „Katastrophenfilm“ sind schnell aufgezählt: Ich brauche einen Raum oder ein Transportmittel in dem sich einige Menschen aufhalten, diese Menschen müssen eine mehr oder weniger interessante (Lebens-)Geschichte mitbringen, ich brauche eine Katastrophe, einen spannenden Überlebenskampf und den Verlust von zwei Charakteren: Einen, den das Publikum hasst und einen, den das Publikum liebt – fertig ist der Katastrophenfilm. Regisseur Wolfgang Petersen hat mit seinem aktuellen Film alle Regeln eingehalten und schlimmer noch, er hat keine einzige Regel gebrochen. Zusammen mit einem katastrophalen Drehbuch leidet er hier im wahrsten Sinne des Wortes: Schiffbruch.

In diesem Remake („Poseidon Inferno“) ist ein Schiff Schauplatz des genretypischen Überlebenskampfes. Die „Poseidon“ ist ein riesiger Luxusliner auf See. Gleich zu Beginn lernt das Publikum durch einen Helikopterflug die Größe des Luxusschiffes kennen. In einer berauschenden Sylvesternacht wird die Poseidon von einer mächtigen Monsterwelle erfasst. Das Schiff kentert aber nicht, es dreht sich einmal um die Längsachse und schwimmt Kieloben auf dem Meer weiter. Das Unglück fordert bereits einen Großteil der Besatzung. Ein kleines Team von Abenteurern widersetzt sich den Anweisungen des Schiffspersonals und sucht nach einem Weg Richtung Schiffsschraube - dem vermeintlichen Ausweg.

Wer bei den unzähligen logischen Fehlern und aberwitzigen Dialogzeilen ganz genretypisch ein Auge zudrücken kann, der wird sich von den beeindruckenden CGI-Effekten ablenken lassen. Alle anderen, auch die Wolfgang Petersen Fans, werden hoffen, dass das nächste Projekt des Regisseurs – die Verfilmung des mehrfach ausgezeichneten Science-Fiction-Romans „Ender’s Game“ von Orson Scott Card – mit mehr Verve inszeniert wird und deshalb mehr Erfolg verspricht.

Eintrag im Filmarchiv

Jessica Hausner: Hotel (D / A 2005)

gesehen am 19.06.2006 Preview in Köln in Anwesenheit der Regisseurin, Regina

Was nicht nur inhaltlich klingt, sondern zunächst auch aussieht wie ein Horrorfilm, entpuppt sich als etwas ganz Eigenes. Einerseits ist es eine Mischung aus Horror, Mystery, Märchen und Thriller, andererseits entzieht Regisseurin und Drehbuchautorin Jessica Hausner sich und ihren zweiten Langfilm österreichisch-deutscher Produktion aber auch sehr geschickt den damit verknüpften Erwartungen.

Das mag den einen sehr unbefriedigt zurücklassen, dem anderen eröffnet es eine fremde Welt. In dieser Welt sehen die Sets oft aus wie in einem David-Lynch-Film: Da gibt es schwere Vorhänge, leere Gänge, kaum Tageslicht, dunkle Straßen und einen Wald, der eine magische Wirkung ausübt wie einst in "Twin Peaks" und das Verschwinden in seinem dunklen Teil erinnert an eine Szene aus Hitchcocks "Vertigo".

Verirren kann man sich auch im namensgebenden Gebäude, das bewusst im Nirgendwo angesiedelt und im Innern jeder Übersichtlichkeit beraubt wurde. Da half es, dass Jessica Hausner in mehreren Hotels drehen musste, um die verschiedenen Sets ihrer Vorstellung zu finden. Den Rest erledigte Filmarchitektin Katharina Wöppermann.

Ausnahmslos zu loben sind die Leistungen der Schauspieler. Erstaunt erfährt man, dass es sich neben Profis wie Hauptdarstellerin Franziska Weisz (auf der Berlinale zum österreichischen Shooting Star 2005 gewählt) um Laien handelt. Zum Beispiel Rosa Waissnix, im wahren leben Eigentümerin eines der Hotels, in denen gedreht wurde. Sie haucht ihrer Filmfigur (Frau Liebig) unverwechselbares Leben ein.

Die Ästhetik der Bilder ist perfekt bis selbstverliebt zu nennen, doch spielt Jessica Hausner nur mit scheinbar Bekanntem. Die Absolventin der Wiener Filmakademmie baut sehr geschickt Atmosphäre auf. Der Zuschauer wird mit bekannten Suspense-Mitteln 74 Minuten auf bewusst kleiner Flamme gegart - bis zum genialen wie einzig möglichen Schluss.

"Hotel" spaltet die Zuschauerschaft, wie ein Gespräch mit der Regisseurin bewies: Den einen hätten 45 Minuten vollkommen gereicht, die anderen verlieren sich in Interpretationen, wieder andere können das Spiel, das man mit ihnen offensichtlich treibt, genießen. Allen gemein sein dürfte, dass einzelne Bilder aus "Hotel" lange hängen bleiben (Kamera: Martin Gschlacht).

Bei mir stellte sich die komplette Wirkung des Films erst am Tag danach ein. Auch die Erkenntnis, dass so manches einen "tieferen" Sinn hatte als angenommen.

"Hotel" entstammt der Coop99, einem Zusammenschluss junger österreichischer Filmemacher, die auch bei "Schläfer", "Die fetten Jahre sind vorbei" und "Böse Zellen" entscheidend mitmischten.

Eintrag im Filmarchiv

Arnaud und Jean-Marie Larrieu: Peindre ou faire l‘amour (Malen oder Lieben) (F 2006)

gesehen am 11.06.2006, Preview in Münster, Christian

In den letzten Jahren schenkte uns das französische Kino im Sommer immer mal wieder eine herrlich leichte Sommerkomödie. Im letzten Jahr waren es die Meeresfrüchte, die eine sommerliche Unbeschwertheit auf die Leinwand zauberte, in diesem Jahr ist es "Malen oder Lieben" der Gebrüder Larrieu.

Daniel Auteuil und Sabine Azema, zwei populäre Größen des französichen Kinos, treten hier zum ersten Mal gemeinsam auf der Leinwand auf und geben ein wohlsituiertes Ehepaar aus der Stadt. William und Madeleine sind in ihren Fünfzigern und seit über dreißig Jahren glücklich verheiratet. William ist frühpensionierter Metereologe, der dem neuen Lebensabschnitt und seinen Möglichkeiten noch nicht ganz traut. Madeleine besitzt eine kleine Firma und malt sehr gerne. Auf einem ihrer Ausflüge in die Natur lernt die Hobbymalerin den blinden Bürgermeister Adam kennen, der sie zu einem leer stehenden Bauernhaus führt. Madleine ist sofort fasziniert von Mann und Haus und überredet ihren Mann, das Haus zu kaufen. Die Aura des Anwesens hat aber zunächst auf die eingeschlafene Libido der Eheleute eine belebende Wirkung. Der Kontakt zum Bürgermeister wird intensiviert. Und mehr noch, Adam und seine aufreizend schöne junge Frau Eva verwickeln die beiden Neuankömmlinge schon bald in eine Menage a Quatre.

Für die passende Atmosphäre in diesem amourösen Reigen in Schöner-Wohnen-Umgebung sorgt die Kamera von Christopher Beaucarne, der virtuos die Möglichkeiten des Lichtes durchdekliniert und nie zu nah an den Protagonisten haften bleibt. So können die Regisseure äußerst entspannt mit dem Begriff Partnertausch umgehen und einfühlsam, humorvoll und mit Hilfe der Musik von Philippe Katerine, Jacques Brel und Camille Saint-Saëns die absolut glückliche und zärtliche Liebe zweier Paare beschreiben. Zu einem reinen Genuss wird dieses Abenteuer vor allem durch das feinsinnige Zusammenspiel der beiden darstellerischen Schwergewichte Sabine Azéma und Daniel Auteuil, die sehr überzeugend ein glückliches Ehepaar geben, dessen Partnerschaft gekonnt einen schwierigen Wendepunkt meistert.

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François Ozon: Die Zeit die bleibt (F 2005)

gesehen am 05.06.2006 in Münster, Christian

Was für ein Plakat, was für ein Regisseur. Ewig hatte ich den Besuch dieses Films vor mir hergeschoben. Doch an diesem Vormittag sollte es endlich passieren. Pfingstmontag, Sonnenschein, keine idealen Bedingungen für einen Kinobesuch. Egal. Der Name des Regisseurs und die Auflistung der Besetzung, allen voran in einer Rolle: die großartige Jeanne Moreau, müssen jeden Cineasten wie von allein aus den Federn heben.

Im zweiten Teil seiner Trilogie über den Umgang mit dem Tod nach "Unter dem Sand" zeichnet der französische Regisseur Francois Ozon hier das sehr persönliche und intime Porträt eines unheilbar an Krebs erkrankten jungen Mannes und seine Suche nach der eigenen Wahrheit nach. Ozon, der immer wieder die Francois Truffaut Maxime "Kino ist schöne Frauen schöne Dinge tun zu lassen" mit wundervollen Filme wie "8 Frauen" untermauerte, stellt hier einen hippen, schwulen Modephotographen in den Vordergrund seines Filmes, der eines Tages erfährt, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. Im Gegensatz zu anderen Filmen mit ähnlicher Thematik wie zum Beispiel Patrice Chéreaus "Mein Bruder" oder Isabelle Coixets "Mein Leben ohne mich" mit ihren sympathischen Protagonisten, ist Ozons Romain kein Sympathieträger, sondern ein arroganter Egomane, der auf den Gefühlen anderer herumtrampelt.

Das Spiel des Hauptdarstellers in eng verknüpft mit dem Gelingen oder Scheitern des Films, doch Melvil Poupauds Präsenz trägt den Film ganz wunderbar als harscher, dann wieder sehr unsicherer und feinsinniger Charakter. Vor allem in den kurzen Szenen mit der Leinwandlegende Jeanne Moreau, die ihm zu keiner Sekunde die Schau stiehlt, blitzt Melvil Poupauds darstellerisches Talent auf und trägt dazu bei, das man diesen Film trotz des wenig spannenden Drehbuchs nicht so schnell vergisst.

Liz Friedlander: Dance! – Jeder Traum beginnt mit dem ersten Schritt (USA 2006)

gesehen am 03.05.2006, Pressevorführung Köln, Regina

"You can change your life in a danceclass": Sir Simon Rattle hatte das erkannt und Thomas Grube und Enrique Sanchez Lansch machten einen ganz wunderbaren Dokumentarfilm ("Rhythm is it!") über Rattles Großprojekt. Vor Rattle hatten schon andere Leute die Idee, das Leben von Kindern und Jugendlichen via Tanzausbildung zu verändern. Zum Beispiel der New Yorker Tanzlehrer Pierre Dulaine. Er rief ein bis heute bestehendes Projekt ins Leben, bei dem Schulkindern kostenlos klassische Tänze vermittelt werden. Gerade erst lief die Doku "Mad Hot Ballroom" im Kino, die genau das zum Thema hatte.

Nun also ein mehr oder weniger fiktiver Film über Pierre Dulaine und sein
soziales Projekt. Klassische Tänze, so Dulaine, fördern vor allem Vertrauen und den Respekt anderen gegenüber. Aus den Kindern wurden in "Dance!" Jugendliche und von denen bekam jede(r) eine hübsche Biografie aus der Underdog-Klischeekiste an die Brust geheftet. Diesmal sind es Hip-Hopper aus den unteren sozialen Schichten, die via Tanz
ihren Weg finden. Entsprechend cool ist das Auftreten, sind die Bilder, sind die Schnitte und die Beats. Nicht umsonst hat sich die Regisseurin von "Dance!" zuvor einen Namen mit Musik-Videoclips gemacht.

Zuerst wollen die Kids nicht, dann wollen sie doch und am Schluss tanzen sie sich natürlich in die Herzen der New Yorker Society. So weit die sattsam bekannte Story, die wir aus allen 3000 US-Tanzfilmen der letzten Jahrzehnte kennen. "Dance!" spricht ein hauptsächlich junges Publikum an. Die Musik ist aus Hip-Hop und Tanzklassikern von Gershwin & Co. ebenso passabel wie beliebig zusammengerührt und Banderas bewegt sich recht geschmeidig über die Tanzfläche.
In der gesehenen O-Ton-Vorführung war es zudem ganz nett, seinem starken spanischen Akzent zu lauschen.

Die anderen Darsteller wirken als wandelnde Klischees überzeugend und besonders Rob Brown ("Rock") kann man eine beeindruckende Leinwand-Präsenz attestieren. Tanzfilme sind – ebenso wie Mentorenfilme oder die Kombination aus beidem – im Grunde ein ziemlich abgenudeltes Thema. Dennoch schaffen es alle paar Jahre Streifen des Genres, zum Hit und Must-See einer Generation zu werden. "Grease",
"Saturday Night Fever", "Dirty Dancing" und "Flashdance" waren solche Erfolge. Wie wohl die Chancen der "Dance!"-Verquickung von Hip-Hop und Standardtanz in Zeiten von quotenträchtigen RTL-Promitanzkursen stehen?

Eintrag im Filmarchiv

J. J. Abrams: Mission: Impossible III (USA 2006)

gesehen am 28.04.2006, Pressevorführung Hamburg, Sebastian

Aller guten Dinge sind bekanntlich drei. Hier auch? Kurze Antwort: Ja! Noch immer ganz aufgewühlt von 135 furiosen Actionminuten an diesem Vormittag, ist es schwer, das Gesehene in wenigen kurzen Sätzen zu formulieren. Ein Versuch. Nachdem sich Regisseur David Fincher vom Projekt mit der kurzen Bezeichnung M:i:III zurückgezogen hatte wurde der TV-Regisseur J. J. Abrams als neuer Mann am Steuer des 150 Mio. Dollar Vorhabens vorgestellt. Eine gute Wahl, denn J. J. Abrams hatte zuletzt unter anderem mit der herausragenden Agenten-Serie „Alias“ nicht weniger als die Grenzen des Fernsehens gesprengt. Und Abrams, der den Verantwortlichen um Tom Cruise zuvor eine überzeugende Drehbuch-Fassung für den dritten Teil der unmöglichen Mission lieferte, ließ es anschließend auf dem Regiestuhl auch bildlich ordentlich krachen.

Kurz zum Inhalt: Agent Ethan Hunt (Tom Cruise), der beste Mann der geheimen Behörde IMF („Impossible Mission Force“), hat sich mittlerweile aus dem operativen Geschäft zurückgezogen und ist nur noch als Ausbilder tätig. Als eine seiner Schützlinge, die junge Agentin Lindsey (Keri Russell) während eines Auftrages auffliegt und gefoltert wird, trommelt Hunt seine alten Weggefährten wie zum Beispiel Computer-As Luther (Ving Rhames) zusammen, um seine ehemalige Schülerin aus einem Lagerhaus in der Nähe von Berlin zu befreien. Doch der Einsatz schlägt fehl, Lindsey stirbt. Die Spuren führen Hunt und sein Team, zu dem nun auch der Pilot Declan (Jonathan Rhys Meyers) und die Agentin Zhen (Maggie Q) gehören, zum Schwarzmarkt-Händler Owen Davian (Philip Seymour Hoffman). Bei einem Empfang gelingt es Hunt sogar, Davian trotz schwerster Bewachung gefangen zu nehmen. Doch durch eine scheinbar undichte Stelle im IMF kann Davian entkommen. Davian dreht den Spieß um und lässt Julia, Hunts Verlobte, entführen und droht Hunt, sie umzubringen, wenn er nicht innerhalb von 48 Stunden die Hasenpfote aus einem Hochsicherheits-Forschungskomplex in Shanghai entwendet...

Das zu erwartende Over-the-Top-Actionhighlight gelingt, auch wenn man zwischen den explosiven Action-Szenarien und den überdrehten Agenten-Einsätzen kaum zum Luft holen kommt. Abrams gelingt das Kunststück, die Spannung auch ohne herkömmliche Dramaturgie ganz hoch zu halten, auch wenn nicht alle Einsätze des IMF-Teams nach logischen Gesichtspunkten nachvollziehbar sind. Durch die emotionale Komponente (Hunts anstehende Hochzeit) und die dadurch bedingte „Jetzt-erst-Recht“-Stimmung, fesselte das Feuerwerk auf der ganzen Linie. Cruise hat die Agentenfilm-Messlatte wieder sehr hoch gelegt, mal sehen, was der neue Bond Daniel Craig im Dezember zu leisten vermag.

Eintrag im Filmarchiv

Paul Weitz: American Dreamz – Alles nur Show (USA 2006)

gesehen am 21.04.2006, Pressevorführung, Christian

Paul Weitz ist ein Allroundkünstler. In zahlreichen seiner Filme bekleidet der New Yorker gleich mehrere Funktionen. Bekannt geworden ist der eigentliche Drehbuchautor mit seinem Script zum sehenswerten Animationsfilm „Antz“ (1998), es folgte ein weiteres Script zu „Familie Klumps und der verrückte Professor“ (1999), bevor er für „American Pie“ (2000) zum ersten Mal auf dem Regiestuhl Platz nahm. Nach seiner erfolgreichen Komödie „Reine Chefsache“ (2004) tritt Paul Weitz nun mit „American Dreamz“ erneut als Produzent, Drehbuchautor und Regisseur in Personalunion auf.

Hier erzählt Weitz die Geschichte über die Hintergründe der Titelgebenden Talentshow, deren einflussreicher Moderator Martin Tweed (böse: Hugh Grant) ein böses Spiel mit seinen jungen Talenten spielt. Moderator Tweed übernimmt in der Show, die im US-Fernsehen jede Woche neue Einschaltrekorde bricht, selbst die Funktion der Jury und richtet im Publikum eigenhändig über Show-Talent oder Witzfigur. Produzent und Ideengeber Weitz persifliert hier die eigentlichen Abläufe einer erfolgreichen TV-Show und als wäre das nicht schon des Guten zuviel, verunglimpft er auch noch den ahnungslosen amerikanischen Präsidenten (köstlich: Dennis Quaid), der, bemüht um gute Publicity, mit der Rolle des Jury-Mitglieds völlig überfordert zu sein scheint.

Mit u.a. Dennis Quaid, Willem Dafoe, Marcia Gay Harden und Hugh Grant hervorragend besetzt, stellt man sich am Ende die Frage, ob man hier eine gute Satire oder eine unterhaltsame Komödie gesehen hat. Weitz selbst sieht seinen aktuellen Film eher als Komödie. Doch diese hat zwei Ziele, die sehr verunglimpft werden: TV-Shows á la „American Idol“ (bei uns „Deutschland sucht den Superstar") und den amerikanischen Präsidenten. Intelligente aber kurzweilige Unterhaltung.

Eintrag im Filmarchiv

Warner Music Group: James Blunt - Back to Bedlam (GB 2006)

gesehen am 16.04.2006 in Münster, Christian

Konzert-DVDs im Kino haben ihren Reiz. Der Ton ist allererste Sahne, die Leinwand ist groß, der Hörer wird nicht abgelenkt, die Lautsrärke ist auch für die/den Nachbarn kein Problem und ausreichend dunkel ist es auch. Nur sollte im Kino eher das Konzert eines "ruhigeren" Künstlers gewählt werden. Tanzen oder heftige Bewegungen sind nicht erwünscht. Schließlich ist das Filmtheater (noch) kein (Mitmach-)Auditorium. Außer am Samstag vielleicht - auf dem Land - im Kinopalast vor der Stadt, wenn jeder halbwegs komische Einfall eines durchgeknallten Drehbuchschreibers in einer niveaulosen Komödie mit Schenkelklopfer, Pruster und Nachos-auf-dem-Boden-verstreuer geahndet werden. Aber das gehört hier jetzt nicht hin.

Die neue DVD "Back to Bedlam" von James Blunt ist meine erste Live-DVD-im-Kino-Erfahrung und ich bin sehr angetan. Dabei gehöre ich nicht einmal zum engsten Fanzirkel des Ex-Leutenants aus England. Die Eintrittskarte war ein Geschenk, das ich gerne angenommen habe.

An Konzertmitschnitte muss man prinzipiell geringere Ansprüche stellen, als an eine Kinoproduktion, in der alle Einstellungen mit viel Zeitvorlauf optimiert werden. Auch sind die Lichtverhältnisse wesentlich schwieriger und von großen Helligkeitsschwankungen und Gegensätzen bestimmt. Umso erfreulicher ist es, dass in diesem, belichtungstechnisch relativ sachlichen Konzert nahezu keine Probleme ernsthaft sichtbar werden. Zudem hat der Filmvorführer eine fantastische Auswahl gefunden und Dokumentarisches über den Künstler mit Live-Konzert-Mitschnitten geschickt verknüpft.

Im Mittelpunkt der DVD steht neben einigen interessanten Details über die Anfänge einer großen Karriere eindeutig das Live-Konzert, das James Blunt für das bei der BBC ausgestrahlte Fan-Event "Live At The BBC" gegeben hat. Teilweise unterstützt von einem achtköpfigen Streicherensemble läuft der Sänger in Stücken wie "Out Of My Mind" oder "Wisemen" zu ganz großer Form auf. Höhepunkt der Liveshow ist eindeutig die Interpretation seines Hits "You're Beautiful" sowie das allein am Piano vorgetragene "No Bravery". Absolut gelungen ist auch die am Ende der DVD und CD platzierte Coverversion des Pixies-Klassikers "Where Is My Mind?", mit der James Blunt noch einmal seine außerordentlichen stimmlichen Fähigkeiten in den Vordergrund rückt. Rundum ein gelungener Kinobesuch. Live-DVD-Konzert im Kino? Sehr zu empfehlen!

Michael Caton-Jones: Basic Instinct - Neues Spiel für Catherine Tramell (GB / USA 2005)

gesehen am 27.03.2006, Pressevorführung Hamburg, Sebastian

Kurz vor dem Filmstart wird der Film „noch schnell“ der Presse gezeigt. Ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Steven Spielberg war mit seinem Endzeit-Thriller „Krieg der Welten“ vor einigen Monaten ein ähnliches Wagnis (Pressetermine kurz vor Filmstart) eingegangen und hatte dafür viel Kritik einstecken müssen. Doch dem Constantin Filmverleih kann man hier zugute halten, dass der Filmstart eigentlich für den 08.04.2006 geplant war, aufgrund des Besuches von Sharon Stone in Berlin aber vorverlegt wurde. Nun also Hamburg, vier Tage vor Filmstart, 20 Uhr, Cinemaxx, volles Haus.

Über die Hauptdarstellerin Sharon Stone muss man an dieser Stelle nicht mehr viele Worte verlieren, über die mittlerweile 48-jährige Schauspielerin dürfte bereits alles gesagt und geschrieben worden sein. Vielleicht nur noch ein Zitat aus einem Interview, dass sie einer französischen Zeitung gegeben hat: „Dies ist vielleicht meine letzte Chance, mich so offen zu präsentieren und diese Chance habe ich im vollen Umfang genutzt.“ OK. Nun zum Film.

Die Regeln für eine Fortsetzung sind im Filmbusiness klar umrissen: Mehr, größer, schneller oder weiter. Für Sharon Stone, die bekanntlich vor allem mit ihrer berühmten Verhör-Szene aus Teil 1 für Aufsehen sorgte, heißt es somit für Teil 2 noch mehr nackte Haut, noch mehr Sex-Szenen und noch gewagtere Outfits. Doch schon Teil 1 war kein Sharon Stone Film, es war ein Film über die Opfer, die einer sexhungrigen Femme Fatale erliegen. Basic Instinct war demnach mehr ein Michael Douglas Film, geführt von einer großartigen Spannungsregie Paul Verhoevens. Im "neuen Spiel für Catherine Tramell", so der Untertitel von Teil zwei, diesmal unter der Regie von Michael Caton-Jones, werden charismatische Opfer vom Schlage eines Michael Douglas schmerzlich vermisst. Und mehr noch, außer noch ausgefuchster gesponnenen Intrigen und fast schon belustigend komischen Dialogzeilen, hat der Film mehr nicht zu bieten. Für Sharon Stone bietet sich hier ein schöner Laufsteg für ihren durchtrainierten Körper. Für einen spannenden Thriller ist das zu wenig.

Eintrag im Filmarchiv

Bill Paxton: Das größte Spiel des Lebens (USA 2005)

gesehen am 21.03.2006, Pressevorfühung, Christian

Und da sind sie wieder: „Basierend auf einer wahren Geschichte“ steht gleich zu Beginn auf der Leinwand geschrieben. Der inflationäre Gebrauch dieser Wörter in letzter Zeit sorgt schon lange nicht mehr für tiefe Anteilnahme, wohl aber für ein missmutig tiefes Stöhnen. Zumindest war es hier unter den Kollegen in dieser Vorstellung so. Und ich teile deren Empfindungen.

Gleich zu Begin wird der Zuschauer in die Welt des Amerika zu Beginn des 20. Jahrhunderts entführt. Ein tolles Setdesign sorgt für den richtigen Einstieg. Erzählt wird die Geschichte eines Jungen der Arbeiterklasse, der am Rande eines Golfplatzes aufwächst, als kleiner Knirps den größten Golfprofi der damaligen Zeit, einen Engländer, kennen lernen darf und fortan nur noch einen Wunsch hat: Golfprofi werden. So trainiert Francis Ouimet, so sein Name, heimlich nachts in seinem Zimmer und nervt damit nicht nur seine Eltern. Doch diese wollen und können dem Wunsch ihres Sohnes nicht nachkommen. „Golf ist ein Sport für die Elite“ grantelt der Vater. Im Alter von 20 meldet sich Francis (Shia LaBeouf, der Max aus „3 Engel für Charlie, Teil 3“) heimlich für die vor der Haustür stattfindenden U.S. Open an und trifft, schneller als er denkt, auf sein einstiges Idol.

Der zweite Spielfilm des Schauspielers Bill Paxton („Ein einfacher Plan“, „Twister“) ist ein typisches Sportlerdrama der Kategorie „vom Underdog zum Superstar“. Nur geht es hier im Vergleich zu anderen Derivaten des Genres um Golf. Will heißen, dass die Dramatik langsam aufgebaut werden kann, schließlich hat ein Golfplatz 18 Löcher und ein Golfturnier fünf Runden. „Das größte Spiel..“ ist ein durchschnittlicher Film über den Golfsport mit einem überzeugenden Hauptdarsteller von dem man sicherlich noch einiges hören und sehen wird.

Der Film startet am 04.Mai 2006 in den deutschen Kinos

Eintrag im Filmarchiv

Richard Shepard: The Matador (USA 2005)

gesehen am 21.03.2006, Pressevorführung Düsseldorf, Christian

„Mord und Magaritas“ heißt der Film in Deutschland. Manchmal könnte man den Kopf schütteln über das in Einzelfällen wenig vorhandene Fingerspitzengefühl bei den Verantwortlichen von deutschen Filmverleihern. Denn wer bei diesem Titel zwangsläufig an taffe Banditen, heiße Strände und coole Drinks denkt, liegt völlig falsch. Deshalb bleibe ich hier beim englischen Filmtitel.

The Matador, der hier in der englischen Originalfassung lief, erzählt die Geschichte eines Auftragskillers, der in Mexiko-City auf einen Geschäftsmann trifft. Und dieses Treffen verläuft anders, als beide vorher erwartet hätten. Julian Nobles, bravourös gespielt von Pierce `James Bond` Brosnan ist Auftragskiller und somit ein Einzelgänger. In einer Hotelbar trifft er auf den netten aber harmlosen Geschäftsmann Danny Wright (passt: Greg Kinnear), der einen hoffnungsvollen Geschäftsabschluss feiert. Nach anfänglichem Herantasten lernt Danny in Julian einen Menschen kennen, der mit sich und der Umwelt alles andere als im reinen ist, von dem aber eine seltsame Faszination ausgeht. Danny ist gleichsam abgestoßen wie fasziniert von Julian. Dieser Wirkung ist sich letzterer durchaus bewusst. Er vertraut dennoch seinem Gegenüber an diesem Abend mehr an, als er je einem Menschen anvertraut hat und macht Danny somit zu einem Freund und Mitwisser, mit allen damit verbundenen Komplikationen und Konsequenzen. Es entsteht eine Freundschaft, die beide vorher nicht für möglich gehalten hätten. The Matador ist eine absolut sehenswerte, tiefgründige Krimi-Satire mit einem überragenden Pierce Brosnan, der zurecht für seine Leistung mit einer Oscar-Nominierung belohnt wurde.

Der Film startet am 20. April in den deutschen Kinos.

Eintrag im Filmarchiv

Gregor Schnitzler: Die Wolke (D 2005)

gesehen am 11.03.2006, Preview in Münster, Christian

Ich gehöre zu den wenigen, die Gregor Schnitzlers "Soloalbum" für eine gelungene Romanverfilmung halten und war demnach sehr gespannt, wie der Regisseur von zahlreichen TV-Serien Gudrun Pausewangs Millionen-Bestseller "Die Wolke" umsetzen würde. Münster bot an diesem Nachmittag einen roten Teppich mit allem Drumherum für Hauptdarsteller und Beteiligte. Der Concorde Filmverleih gibt sich große Mühe mit einer ausreichenden medialen Präsenz seines neuesten Filmes. Und sie können es beruhigt angehen, wie ich finde, denn der Film ist gut. Sehr gut sogar.

Wie bei so vielen Filmen des Katastrophenfilmgenres baut sich auch hier die Spannung vor dem Hintergrund einer jungen Liebesgeschichte auf. Paula Kalenberg und Franz Dinda (den man vielleicht noch aus der charmanten 80er-Jahre Kömödie "Am Tag als Bobby Ewing starb" kennt) verkörpern das junge Paar Hannah und Elmar. Beide schwitzen im selben Klassenraum über eine Klausur, als die Schulsirene ertönt. Ein benachbartes Atomkraftwerk hat einen Unfall gemeldet. Doch nicht nur das, eine atomare Wolke steuert direkt auf das kleine Städtchen zu. Chaos bricht aus. Was an dieser Stelle eine ungelenk inszenierte Hollywood-Kopie eines Katastrophenszenarios hätte werden können, betrachtet Gregor Schnitzler gekonnt mit dem richtigen Blick für Ablauf und Psychologie. Man kann sich an dieser Stelle lebhaft die Anstrengungen vorstellen, mit denen die Verantwortlichen einer ganzen Ortschaft das Chaos vor, während und nach einem Super-Gau vermitteln mussten. Nach einem harten Schnitt, verschiebt Schnitzler die Dramaturgie in ein Krankenhauszimmer. Anhand fiktiver Fernsehbilder auf einem Stationsfernseher wird das weitere Ausmaß der Katastrophe weiter beleuchtet. Die Liebesgeschichte zwischen Hannah und Elmar findet in dem Krankenhauszimmer ihre Fortsetzung. Nach zwei dramaturgisch überzeugenden Akten gelingt auch dieser dritte Akt dem erst vierzigjährigen Regisseur eindrucksvoll. Auch wenn es einigen Szenen manchmal an Glaubhaftigkeit mangelt, ist "Die Wolke" ein mitreißender und wichtiger Film geworden. So wichtig, das man ihm am Ende sogar die plakative Aufzählung der AKW-Störfälle aus dem letzten Jahr verzeiht. Das ist wieder Hollywood und das hat Schnitzler gar nicht nötig. Sehenswert.

Eintrag im Filmarchiv

Ang Lee: Brokeback Mountain (USA 2005)

gesehen am 05.03.2006, Preview in Münster, Christian

Es ist der Abend vor der Oscar(R)-Verleihung. Und ein ganz heißer Favorit ist: Ang Lees Brokeback Mountain. Wie schön, dass es den vieldiskutierten Film für augewählte Gäste in einer Preview zu sehen gibt. Ich bin so gespannt wie schon vor lange keinem Kinobesuch mehr. Vorhang auf, Film ab! 134 Minuten später Schlussszene. Der Zuschauer blickt ein letztes Mal tief bewegt in das Gesicht des Hauptdarstellers, von Ennis del Mar, herausragend verkörpert durch Heath "Casanova" Ledger. Was seinem Gesichtsausdruck abzulesen ist, soll hier nicht verraten werden.

Die Geschichte dürfte in groben Zügen bekannt sein. Es geht um zwei Cowboys in den 60ern. Sie sollen eine Schaf-Herde hüten. Aufgabe, Landschaft und vieles, vieles andere mehr führen dazu, dass sich die beiden einander schnell näher kommen. Behutsam begleitet Regisseur Ang Lee vor einer herausragenden Kulisse die Entstehung einer Beziehung zwischen zwei Männern. Doch hier entwickelt sich, was nicht sein darf. Nicht in diesem Land, nicht zu dieser Zeit.

Ang Lee unternimmt das einzig richtige: Er bietet seinen Haupt- und Nebendarstellern so viel Raum, dass selbst den unsensibelsten Kinobesuchern klar sein müsste, dass diese Liebe nur wenig Chancen hat. Doch die beiden Liebenden versuchen es dennoch. Eine Liebe, die man den beiden Figuren abnimmt, auch Dank der hervorragenden schaupielerischen Fähigkeiten der beiden Personen, die Ennis und Jack verkörpern - Heath Ledger und Jake Gyllenhaal. Der Film ist darüber hinaus bis in die kleinste Nebenrolle herausragend besetzt. Selbst Michelle "Dawsons Creek" Williams kann auf der ganzen Linie überzeugen. Jake Gyllenhaals jugendlicher Esprit wird immer wieder durch die stoische Ruhe von Heath Ledger ausgebremst, der mit seinem Spiel dem Film seine dichte Atmosphäre aufdrückt. Und wo ist die Kritik? Dem urbanen Kinogänger wird der Film nicht so tief unter die Haut gehen, wie vielfach zu lesen ist. Hier geht es um ein gesellschaftliches Problem aus den frühen 60ern im amerikanischen Hinterland. Ein "Hineinfühlen" in die Zeit bleibt auch trotz sehr überzeugender Charakterdarstellungen, ich nenne es mal vorsichtig, schwierig. Zudem ist der Film an einigen Stellen zu prätentiös ausgefallen. Er feiert sich an einigen Stellen selbst. Doch das sind nur marginale Empfindungen und Eindrücke direkt nach einem Filmbesuch von einem ansonsten herausragenden Stück Filmgeschichte, dem man sich keinesfalls entziehen sollte.

Eintrag im Filmarchiv

Josué Méndez: Días de Santiago

gesehen am 22.02.2006 in Köln, Regina

Die Kölner Firma W-Film ist bekannt für ihre sorgfältig zusammengestellten Kurzfilmprogramme ("Night of the Shorts"), die an eine stattliche Anzahl deutscher Kinos verliehen werden. Nun hat sich der kleine Verleih erstmals entschlossen, einen Langfilm ins Programm zu nehmen. Die Wahl fiel auf den peruanischen Streifen "Días de Santiago", den die W-Filmer 2004 auf dem Mannheimer Filmfestival entdeckten. Als spanisches Original mit deutschen Untertiteln startet er nun mit ganzen 3 Kopien in den deutschen Kinos, so dass man mitunter ein wenig Geduld haben muss, bis das sehenswerte Drama in die eigene Stadt kommt (alle Kinos und Termine unter Dias-de-Santiago.de).
Santiago, die von Pietro Sibille sehr eindringlich verkörperte Hauptfigur, kehrt nach Jahren als Soldat im peruanisch-equadorianischen Krieg zurück in seine Heimat. Er sucht inneren Frieden und ein ganz normales bürgerliches Leben. Doch die Rückkehr in die Normalität ist schwer, zumal die Umwelt wenig Verständnis für den ehemaligen Kämpfer hat. Der Zugang zu "Días de Santiago" ist vielleicht nicht ganz einfach. Doch wer ein bisschen Geduld hat und sich auf Josué Méndez' Erstlingswerk einlässt, wird reich belohnt. Aus Lateinamerika kamen in den letzten Jahren viele interessante Filme, nicht nur seichte Telenovelas. Aus Peru allerdings hat man bislang noch nicht viel gehört. Dabei bietet das Leben in einem Land nach 20 Jahren Bürgerkrieg und einer - wie es scheint - kollektiven Amnesie viel Stoff, der allgemeingültiger ist, als man glauben sollte. Josué Méndez versucht, den Wechsel von Farb- und grobkörnigen Schwarz-Weiß-Elementen in seinem Film als Stilmittel zu verwenden. Leider wirken gerade diese Wechsel oft etwas unmotiviert. Jedoch ist dies der einzige Kritikpunkt am ansonsten sehr packenden Werk.
Nach der feierlichen NRW-Premiere im Kölner Cinenova konnte das Publikum mit der peruanischen Schriftstellerin Teresa Ruiz Rosas über die aktuelle Lage in Peru, über den Film, seinen politischen Hintergrund und den jungen Regisseur diskutieren. Dieser wäre gern selbst nach Deutschland gekommen, jedoch gab es wohl Visa-Probleme. Immerhin erfuhr man auf diesem Wege etwas mehr über den 26-Millionen-Einwohner-Staat, in dem allein 10 Mio. Menschen in der Hauptstadt Lima leben, wo auch der Film spielt.

Southan Morris: George Michael - A different Story

gesehen am 22.02.2006 in Münster, Christian

Heute mal etwas ganz anderes, eine Musikerbiographie. Nein, Scherz beiseite. Einen Biopic-Overkill (nach "Ray", "Walk the Line" etc.) wollte ich mir nicht antun. Hier geht es um einen Mega-Star aus den 80ern. Und ich muss zugeben, dass ich wie Millionen andere auch ein Fan von ihm war. Zudem wird das Leben des Protagonisten nicht fiktional, sondern dokumentarisch erzählt. Wer ausserdem hätte George Michael, so sein Künstlername, überzeugend verkörpern sollen? Ich hielt ihn damals schon für einen grandiosen Schauspieler, der die Rolle seines Lebens spielt - eben die des Superstars George Michael. Dazu sollte der Nicht-Fan ausserdem wissen, dass George Michael eigentlich Georgios Kyriacos Panayiotou heißt und Sohn eines griechischen Einwanderes ist.

Film-Biograph Southan Morris arrangiert seinen Film genauso funktional wie George Michael sein Leben aufgebaut hatte. Aus diesem Grund hat man es hier mit einer Helden-Biographie zu tun, oder mehr noch, mit einer Hagiographie. Glatt, klinisch rein und ohne Überraschungen: George Michael am Elternhaus, George Michael im Auto, dazwischen immer wieder Ausschnitte aus erfolgreichen Konzerten und George im Gepräch mit Partnern, Ex-Partnern und Angestellten.

Dass diese Dokumentation dennoch seinen Reiz versprüht, liegt an der sehenswerten Melodramatik, die das Leben des genialen Songschreibers bestimmte. Im vollen Scheinwerferlicht mag er nicht stehen, aber doch nur da scheint er sich ganz auszuleben. Nicht fehlen darf hier natürlich seine Festnahme im Männer-Klo und seine lange Auseinandersetzung mit seiner Plattenfirma. Als er vor wenigen Tagen auf der Berlinale auftrat, um die Dokumentation über sein Leben zu promoten, stilisierte er sich zum Brontosaurus des Geschäfts und erklärte, die Zeit des intelligenten Pop sei vorüber. Wer mehr über diese gespaltene Persönlichkeit wissen will, der sollte sich den Film auf DVD besorgen. Musikalisch ist es in jedem Fall ein sehenswertes Zeitdokument.

Berlinale 2006: Diverse Filme

gesehen am 11. bis 15.02.2006 in Berlin, Gian-Philip Andreas

Es gibt zweierlei Sorten von Berlinale-Gängern. Die einen stehen kreischend am roten Teppich und jubeln den Stars zu. Sie freuen sich, dass George Clooney mittlerweile nicht mehr so vollbärtig und angespeckt ist wie in dem Film, den er hier präsentiert: "Syriana" von "Traffic"-Autor Stephen Gaghan, ein ziemlich schicker, auch guter, aber irgendwie sehr verwirrender Politthriller. Clooney sieht jetzt wieder so aus, wie wir ihn kennen, blödelt herum, zeichnet in der Pressekonferenz Karikaturen (!) für die dänischen (!) Reporter und serviert souverän angeschwipste Fragestellerinnen ab, die ihm mit lüsternem Blick "Berlin zeigen" wollen und zu diesem Zweck eine Flasche Martini zücken … Mehr dazu unter den Mehrfilm-Specials »

Niki Caro: Kaltes Land (USA, 2005)

gesehen am 12.02.2006 in Münster, Christian

Kahle Berge, viel Schnee, verlassene Straßen. Sieht so der amerikanische Norden des Jahres 1989 aus? Und habe ich darauf jetzt Lust? In diese Landschaft wird die hübsche Josey der Familie Aimes hineingeboren. Der Vater ist Minenarbeiter, die Mutter wäscht die dreckige Wäsche, die ganze Stadt lebt von und für die Mine. Das Leben der Familie Aimes ändert sich schlagartig, als Josey mit 16 schwanger wird und der Familie fortan nur noch Schwierigkeiten bereitet. Als sie schließlich weg zieht, nach einigen Jahren von ihrem Mann grün und blau geprügelt und mit einem zweiten Kind an der Hand wieder bei den Eltern auftaucht, ist die Freude in der Familie Aimes eher verhalten. Doch Josey will es alleine schaffen und heuert wie einst ihr Vater bei der Mine an. Der Rest der Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten. Die hübsche Josey wird in der Männergesellschaft der Mine nicht ernst genommen und mehrmals sexuell belästigt. Daraufhin strebt sie einen wegweisenden Prozess gegen die Minengesellschaft an.

Die Neuseeländerin Niki Caro ist international mit Whale Rider bekannt geworden, einer Geschichte um weibliche Selbstermächtigung. Für ihre Filmversion des Sachbuchs "Class Action" haben Niki Caro und ihr Drehbuchautor Michael Seitzman die Hintergründe und den Verlauf eines der wichtigsten Prozesse in der amerikanischen Justizgeschichte erst einmal Hollywood-tauglich gemacht. Am Anfang frieren einem die Füße ab vor Kälte, die die Leinwand verströmt, im weiteren Verlauf wird der Film richtig spannend, auch Dank einer überzeugenden Charlize Theron als Josey Aimes. Eine Oscar(R)-reife Leistung.

Eintrag im Filmarchiv

Gernot Roll: Räuber Hotzenplotz (D, 2005)

gesehen am 30.01.2006 in Köln, Pressevorführung, Regina

"Na, da hat sich Nicola Piovani ja nicht gerade überarbeitet", war das Erste, was die Kollegen nach der Pressevorführung vernehmen ließen. Stimmt: Der ansonsten sehr rege italienische Filmkomponist und Oscar-Preisträger ("Das Leben ist schön") hat für "Räuber Hotzenplotz" ein Thema geschrieben - und das wird 94 Minuten in der Endlosschleife gedudelt und sogar unter die Dialoge gemischt. Gerade so, als könnten die Kids von heute keine zwei Minuten Ruhe mehr ertragen. Wilde und hektische Schnitte passen da ins Bild. Wer noch nicht hibbelig ist, wird es sicher werden. Wovon das alles ablenken soll, fragt sich der mehr oder minder erwachsene Betrachter. Mit Armin Rohde als Hotzenplotz, Rufus Beck als Zauberer Zwackelmann, Christiane Hörbiger als Großmutter und Katharina Thalbach als Frau Schlotterbeck hat man eigentlich eine sehr gute Schauspielerriege versammelt. Und sogar Piet Klocke passt wunderbar in die Rolle des leicht hektischen Wachtmeisters Dimpfelmoser. Warum alle mehr chargieren als spielen und versuchen, dem Ganzen penetrant einen Comic-Charakter aufzudrücken, ist unklar. Da hat wohl wieder einer kindgerecht mit Lachnummer verwechselt. Dagegen spielen die beiden jungen Darsteller von Kasperl und Seppel mit dem heiligsten Ernst, den man sich vorstellen kann. Frau Schöneberger versucht sich im "hübsch aussehen", hat aber schauspielersich nun wirklich nichts zu bieten - weder ernst noch als Parodie ihrer selbst. Eine schlimme Fehlbesetzung, die auf der nach unten offenen Überflüssigkeitsskala nur von den grottenschlechten Animationen und ständigen "Bings" und "Boings" und "Uiiis" getoppt wird.

Das Drehbuch versteht es leider nicht ganz, aus den verschiedenen "Hotzenplotz"-Büchern Otfried Preußlers eine Einheit zu formen. Als man schon denkt, es sei Schluss, heben die Autoren Limmer und Hant noch mal an und beginnen eine neue Episode. Immerhin schafft es Gernot Roll an Kamera und Regiepult, sehr schöne Bilder zu zaubern, die von einer Farbintensität sind, wie man sie zuletzt bei "Charlie und die Schokoladenfabrik" oder unter Zuhilfenahme verschiedener Drogen sah. Die Plastiksonnenblumen gleich im ersten Bild sind da verzeihlich.

Fazit: Zwischen sehr originellem Vorspann und dem wohl unvermeidlichen Hotzenplotz-Song am Schluss nur hektisches Gekaspere. Dieser Neuverfilmung hätte es nicht unbedingt bedurft. Der Film startet am 23. März in den deutschen Kinos.

Eintrag im Filmarchiv

Kay Pollack: Wie im Himmel (Schweden, 2004)

gesehen am 26.01.2006 in Münster, Christian

Längst überfällig war ein Besuch dieses Filmes, der mir auch bereits von mehreren Seiten empfohlen worden ist. Der erfolgreiche Komponist Daniel Daréus (Michael Nyqvist) kehrt dem schillernden Leben der Opernhäuser und Gala Dinners den Rücken und unternimmt künstlerisch wie körperlich ausgebrannt eine Reise in sein nordschwedisches Heimatdorf. Zuerst zieht er sich gedanklich und körperlich in eine neu erworbene, baufällige Schule und damit in seine Vergangenheit zurück, bis ihm die Stelle eines Kantors angeboten wird. Bei dieser Arbeit gelingt es ihm nicht nur, die ihm anvertrauten Bauern, Lehrer und Rentner zu ungeahnten musikalischen Höhen zu führen, in der blonden Lena (Frida Hallgren) findet er auch die Liebe seines Lebens. Verschneite Landschaften, die Kulleraugen blonder Schwedinnen, dazu etwas klassische Musik, was sich hier wie die Ausstattung eines kitschigen Heimatfilms anhört, ist die gelungene filmische Umsetzung über die Ankunft eines ausgebrannten Komponisten. Dem fast 70-jährigen schwedischen Regisseur Pollack gelingt es, anhand dieser rührenden Erzählung über das Schicksal einer Dorfgemeinschaft und seines neuen, berühmten Kantors das Genre des Gefühlskinos wieder aufleben zu lassen. Musik verbindet, so die Aussage des Filmes. Nicht weit entfernt vom Kitsch, aber schön. Und empfehlenswert.

Neele Leana Vollmar: Urlaub vom Leben (D, 2005)

gesehen am 18.01.2006 in Köln, Deutschlandpremiere, Regina

Was die 27 Jahre junge Regisseurin und Absolventin der Filmakademie Baden-Württemberg, Neele Leana Vollmar, als Abschlussfilm vorlegt (an dem Projekt waren noch andere Absolventen der Akademie beteiligt), verdient Beachtung. Vom ZDF koproduziert und vom rührigen Schwarz-Weiß-Filmverleih (als erster deutscher Film im Programm) in die Kinos gebracht, könnte er durchaus sein Publikum unter den Liebhabern kleiner europäischer Filme finden. Gustav-Peter Wöhler (in seiner ersten Kino-Hauptrolle) ist in "Urlaub vom Leben" die perfekte Verkörperung von Traurigkeit und Alltagstrott. Man muss Mitleid haben mit dieser tragikomischen Figur, obwohl sie auf den ersten Blick nichts Sympathisches hat. Ein kleiner Bankangestellter, überflüssig in seinem eigenen Leben. Und die anderen Darsteller? Gut, bei Lars Rudolph könnte ich wie immer Ausschlag bekommen. Gottlob ist seine Rolle nicht sehr groß. Dafür sind alle anderen Darsteller um so mehr zu loben, besonders die beiden Kinder agieren umwerfend.

Leider wird "Urlaub vom Leben" über einen Pressetext verkauft, der glauben macht, es hier mit einem typisch deutschen Depri-Film zu tun zu haben. Nicht geleugnet werden kann, dass er trotz seiner nur 87 Minuten Längen hat und stellenweise über Fernsehspielniveau nicht hinaus kommt. Andere Passagen dagegen sind hervorragend gelungen und lassen das Talent der Regisseurin erkennen. Und wie der kleine graue Bankangestellte dann doch noch und völlig unspektakulär wenigstens ein kleines bisschen Spaß am Leben bekommt, ist sehenswert. Kein großes Kino, aber ein beachtenswertes Debut. Der Film startet am 02. Februar 2006 in den deutschen Kinos.

Oliver Hirschbiegel: Ein ganz gewöhnlicher Jude (D, 2005)

gesehen am 15.01.2006 in Münster, in Anwesenheit des Hauptdarstellers Ben Becker, Christian

Der deutsche Schauspieler Ben Becker stellt seinen neuen Film vor. Münster ist eine von fünf deutschen Städten, die sich über einen Besuch des Schauspielers Becker freuen dürfen. Mit ein bisschen Verspätung düst Ben Becker an diesem verregneten Sonntagabend samt Gefolgschaft durch das Kino-Foyer des Münsteraner Cineplexes und steuert zielstrebig auf die wartenden Journalisten zu. Nach einer kurzen Begrüßung und Vorstellung legt die Münsteraner Presse los. „Hallo, Herr Becker, an was arbeiten sie gerade?“ Becker: „Bitte nur Fragen zum Film.“ „Ok, Herr Becker, besteht jetzt nicht die Gefahr, der Vorzeigejude zu werden?“ Becker:“ Ich bin ein Schauspieler, der einen Menschen spielt, keinen Vorzeigejuden.“ So geht es noch ein wenig weiter. Ben Becker hat keinen Bock auf die Fragen und keinen Bock auf das Publikum, dem er sich nach der Vorstellung des Films stellen soll. Es war auch etwas ungeschickt von den Verantwortlichen des Münsteraner Cineplexes, Herrn Becker ein Mikrophon in die Hand zu drücken und ihn alleine vor der Kinoleinwand stehen zu lassen. Fragen wie: “Können sie den Weg des Drehbuchs nachzeichnen?“ zerren an Herrn Beckers Nerven. Nach sechs Fragen wird die Prozedur von ihm abgebrochen. Autogrammkarten hat er keine dabei, wohl aber Zeit für ein großes Weizen und ein langes Gespräch mit seiner Pressedame, dass er sich nach der Vorstellung gönnt. Ein paar Informationen über den Film hinaus hatte er dann doch noch parat. Zurzeit sei er mit seiner Band unterwegs und zwischendurch trägt er noch Texte von Alfred Döblin, Klaus Kinski, Jack London und Schiller vor, um der jüngeren Generation die Modernität dieser Texte zu vermitteln. Aha, hoffentlich erledigt er diese Aufgabe mit mehr Verve als seinen Besuch in Münster.

Peter Thorwarth: Goldene Zeiten (D, 2005)

gesehen am 14.01.2006 in Bochum, Weltpremiere, Christian

Wow, eine Einladung zu einer Weltpremiere! Und um den Film als einer der ersten auf der Welt sehen zu dürfen, müssen wir nicht einmal nach Auckland, Los Angeles oder nach New York. Nein in Bochum soll sie sein, die Weltpremiere. Der junge deutsche Regisseur Peter Thowarth komplettiert nach „Bang Boom Bang“ (1999) und „Was nicht passt, wird passend gemacht!“ (2002) seine Unna-Trilogie und präsentiert seinen neuen Streich "Goldene Zeiten" dem Unnaer und Bochumer Publikum. Ein riesiges Tohuwabohu. Roter Teppich, einige Kameras, zahlreiche Groupies, viel B- und noch mehr C-Prominenz. Fünf Kinos sind komplett ausverkauft. Der Film erzählt die Geschichte des selbsternannten Eventmanager-Assistenten Ingo (Wotan Wilke Möhring), der unter Vorspiegelung falscher Tatsachen den Auftrag erhält, einen großen Charity-Event für den Golfclub einer Kleinstadt im Ruhrpott zu organisieren. Ingo „besorgt“ sich den Hollywoodstar Douglas Burnett (Dirk „The Face“ Benedict aus der TV-Serie "A-Team"), der fortan wie ein Orkan über die beschauliche Kleinstadt fegt. Doch der vermeintliche Hollywood-Star ist nicht das einzig Falsche, was der Kinozuschauer hier zu sehen bekommt. Der Film ist von allem etwas und doch vor allem nichts. Komödie, Krimi, Thriller, Drama? Schwer zu sagen. Das Drehbuch wirkt unausgegoren, wie zusammengeschustert, die Schauspieler verkörpern bestenfalls Rollen, keine Personen. Klischee reiht sich an Klischee. Jeder Witz wird bis zur Besinnungslosigkeit ausgequetscht. Fast besinnungslos war ich auch nach den viel zu langen 130 Minuten. Kurzum, der dritte Teil der Unna-Trilogie ist schlecht, sehr schlecht sogar. Gott sei Dank habe ich den charmanten Erstling „Bang Boom Bang“ im Schrank. So hatte ich in der Nacht wenigstens noch ein bisschen was zu lachen.

Der Film startet am 26. Januar 2006 in den deutschen Kinos.

Woody Allen: Match Point (GB, 2005)

gesehen am 12.01.2006 in Münster, Christian

Mit „Den musst Du sehen“ hatte mir mein cineastischer Kollege Manfred schon vor Tagen den Film nahe gelegt. Und als ich dann auch Patricks Liste mit den besten Filmen des Jahres 2005 bekomme, auf der der neue Film von Woody Allen auf Platz 1 zu finden ist, gibt es kein Halten mehr. Ich muss zugeben, dass ich nicht der größte Woody Allen Fan bin. Seine letzten Komödien „Schmalspurganoven“ (2000) oder „Im Bann des Jade Skorpions“ (2001) hatten mich eher gelangweilt denn amüsiert. Und warum sollte Woody Allens Regiearbeit Nummer 45 etwas ganz Neues sein. Der Mann ist über 70 Jahre alt. Doch welch´ Überraschung. Der Film ist anders. Ganz anders sogar. Zunächst einmal verwehrt sich Allen mit Match Point seiner selbst geschaffenen Tradition: Musikalisch untermalt wird der Film nicht von Jazz- sondern von Opernmusik, die die Tragik der zudem wenig komischen Geschichte untermauert. Match Point ist keine Komödie, sondern ein Drama mit einer Prise Krimi und einer kleinen Prise Thriller. Außerdem ist der Schauplatz nicht New York (sonst typisch für Allen), sondern die britische Hauptstadt London. Auch die Schauspieler – mit Ausnahme der beeindruckenden Scarlett Johansson – sind Briten. Woody Allen kann sich, wie so oft, auf seine großartigen Schauspieler verlassen. Auch hier passt die Besetzung wie ein gut geschnittener Maßanzug. Mit den "woodyesken" typisch langen Kameraeinstellungen begleitet er den Aufstieg eines irischen Tennisspielers in der Londoner Upperclass. So viel zur Geschichte. Alles anders bei Allen also? Ja. Und in diesem Fall noch mehr: Wagnis eingegangen, Lohn geerntet. Ein klasse Film.

Nicolas Vanier: letzte Trapper, Der (FR/CH/D, 2004)

gesehen am 12.01.2006 in Köln, Regina

Das hätte leicht in die Hose gehen können: Eine "Dokumentation" über einen der letzten Trapper zwischen Jagen, Fallenstellen und Holzhüttenbau mit einer von Huskies, Elchen und Bibern bevölkerten Landschaft. Und ein Kommentar, der uns nun ausgerechnet einen Pelztierjäger als Hüter und Retter der Natur preist. Aber Nicolas Vanier lässt das alles nicht nur wie richtig großes Kino aussehen – Norman Winther, der Trapper, und der Off-Kommentar (im Deutschen gesprochen von Thomas Fritsch) schaffen eindeutig Sympathien.

Weil "Der letzte Trapper" so wunderschön in Szene gesetzt und brillant fotografiert ist, vergisst man manchmal, dass alle Filmfiguren echte Menschen sind, die mit dem, was wir da sehen, ihren Lebensunterhalt verdienen. An der Kamera stand immerhin Thierry Machado, der uns schon die traumhaften "Nomaden der Lüfte" schenkte. Ähnlich zum Dahinschmelzen sind die Bilder in "Der letzte Trapper". Unterstützt wird das Ganze von einem schönen Soundtrack. Krishna Levy hat ihn geschrieben. Der war schon für den Score-Anteil beim französischen Sanges-Krimi "8 Frauen" verantwortlich. Und wie dort setzt er Sinfoniker ein, um klassische, sehr schöne und fließende Filmmelodien über die Bilder zu setzen. Zweimal darf auch Leonard Cohen mit gewohnt tiefer Stimme "By the rivers dark" singen. Das klingt schön melancholisch und passt zur Grundstimmung des Films. Fazit: Ein wunderbarer, fast meditativer Winterfilm.

Alexander Schüler: Rendezvous (D, 2005)

gesehen am 11.01.2006 in Münster, Sneak Preview, Christian

Sneak Preview Münster. Volles Haus. Ansgar Esch, Moderator und Sohn von Kino-Monopolist Felix Esch, kündigt etwas Besonderes an. Der Filmverleih Pandora hat, wie zuvor schon den Film „Whale Rider“ (2002), einen neuen Film nach Münster geschickt, um ihn vom kritischen Münsteraner Publikum testen zu lassen. Und mehr noch. Auch die ein oder andere schriftliche Bewertung soll vielleicht in das Marketing von Pandora mit einfließen – sagt Ansgar. Er stellt dieses Ereignis als etwas ganz Besonderes für das Münsteraner Sneak-Publikum dar und schwört so das Publikum auf eine anschließende schreibfreudige Auseinandersetzung mit dem Film ein. Gezeigt wird das von Quereinsteiger Alexander Schüler filmisch interpretierte gleichnamige Theaterstück „Rendezvous“ von Bob L. Sack. Der Film lief zuvor schon auf dem Filmfestival Mitte November 2005 in Lünen und konnte dort nicht überzeugen. Es geht um ein verheiratetes Paar. Walter ist ein erfolgsverwöhnter Sparkassenmanager, überzeugend dargestellt von Sven Walser („Wie die Karnickel“), seine Frau heißt Anna (Lisa Martinek). Beide geben vor, wegen eines Termins den Abend nicht gemeinsam verbringen zu können und sind dann umso überraschter, als sie sich am Abend in der gemeinsamen Designerwohnung antreffen. Es wird gequatscht und gekocht, doch der Zuschauer merkt, dass sich bald Abgründe auftun werden. Walters erfolgloser Freund Jost kommt überraschend zu Besuch. Und wenig später Josts aufgedrehte Frau Yvonne (Anika Mauer). Wie die Zuschauer wissen auch die Beteiligten, dass es kein Zufall ist, wenn zuerst ein guter Freund und wenig später dessen Frau vor der Tür stehen. Aus zwei geheimen Rendezvous wird auf diese Weise ein Abendessen zu viert. Und das Drama nimmt seinen Lauf. Dramaturgisch ist der Film ein Leckerbissen, schauspielerisch auch, doch filmisch hat es das Publikum hier mit einer amateurhaften Independentproduktion zu tun. Die Entschuldigung dafür folgt dann auch prompt im Abspann. Danke.

Steven Spielberg: Munich (USA, 2005)

gesehen am 10.01.2006 in Düsseldorf, Christian

Golden Globe Nominierung 2006, Washington Film Critics Award, … Ist der Film tatsächlich so gut, wie überall zu lesen? Das wollte ich herausfinden und habe mir die Pressevorführung in Düsseldorf angesehen. Der Film lief in der deutschen Fassung. Schade! Da ich ein klein wenig zu spät war, habe ich die ersten paar Minuten leider verpasst.
Die erste Überraschung ließ nicht lange auf sich warten. In dem Film geht es zwar um das Geiseldrama bei den Olympischen Spielen 1972 in München, doch hier wird das Attentat nicht geplant, sondern es ist bereits geschehen. Nun sollen die Verantwortlichen der blutigen Tat zur Rechenschaft gezogen werden. Der israelische Geheimdienst rekrutiert für diese heikle Mission mutige Geheimdienstler aus ihren eigenen Reihen. Hauptfigur Avner Kaufmann (Eric Bana) soll as Kommando leiten, die Attentäter aufspüren und liquidieren. Da dies ein Steven Spielberg Film ist, sind die Rächer um Eric "The Hulk" Bana keine tumben Haudrauf-Kollegen, sondern eine illustre Truppe, hervorragend besetzt (Matthieu Kassovitz, Daniel Craig, Hanns Zischler) mit unterschiedlichen Antrieben und Ambitionen. Schnell fügt sich zusammen, was sich zusammenfügen muss. Steven Spielberg und sein langjähriger Kameramann Janusz Kaminski bleiben ihren Hauptpersonen stets dicht auf den Fersen. Keine noch so unwichtige Regung entgeht dem Zuschauer dadurch. Die meiste Aufmerksamkeit gebührt jedoch dem Leiter der Truppe, Eric Bana, den Spielberg als sentimentalen, jungen Familienvater charakterisiert.
Die Dramaturgie folgt der Bodycount-Regel "Elf kleine Attentäter, da waren es nur noch zehn..." Mit jedem Attentäter, den die Truppe ausfindig machen und liquidieren kann, begibt sie sich in größere Gefahr. So vergehen die spannenden 164 Minuten wie im Fluge. Der Film ist klasse, keine Frage, doch darf nicht vergessen werden, dass dies ein Steven Spielberg Film ist. Soll heißen, dass der Film zu jeder Zeit jede sich bietende Gelegenheit nutzt, um über Werte wie Kameradschaft, Vaterlandsliebe und - Spielbergs Lieblingsmoral - die Stellung der Familie in der Gesellschaft zu schwadronieren. Dadurch bekommt der Kinobesucher auch in diesem spannenden Film den moralischen Zeigefinger vor die Nase gehalten, wenn Eric Bana beispielsweise in einer der letzten Szenen mit seiner Tochter durch die Straßen läuft, in Rückblicken an die zahlreichen Verbrechen denkt, die er begangen hat und sich von niemandem seine rührselige Familienidylle zerstören lässt. Erst recht nicht vom eigenen Geheimdienst.
Der Film startet am 26. Januar 2006 in den deutschen Kinos.

Shawn Levy: The Pink Panther (USA, 2005)

am 10.01.2006 in Düsseldorf, Christian

Was lange währt wird endlich gut! Oder? Der Film, der kein Remake sein will und ein ganz eigener Film sein soll läuft hier in der Originalversion. Und als ich mich zum ersten Mal über Steve Martin in der Rolle des Inspector Clouseau amüsiere, wie er urkomisch einen Mix aus Englisch und Französisch nuschelt, frage ich mich, wie das wohl in der deutschen Synchronfassung klingen wird. Sei´s drum. Der Film hat genau drei Lacher. Und das sind mindestens drei Lacher zu wenig für eine Komödie, die unzählige Testscreenings meist erfolglos passiert hat, bis sie nach unzähligen Terminverscheibungen auf das erwartungsvolle Comedy-Publikum losgelassen wird. Vermutlich nicht ohne einen riesigen Werbeaufwand mit allerlei pinken Merchandising Krimskrams von der pinken Popkorntüte bis zum pinken Schlüsselanhänger. Obwohl sich alle Beteiligte (allen voran: Kevin Kline, Jean Reno) sichtlich Mühe geben und es immer wieder schaffen, sich nicht der Lächerlichkeit preis zu geben, wird die Leistung von Peter Sellers, der im Original aus dem Jahr 1963 den vertrottelten Inspector gab, immer bewundernswerter. Peter Sellers - Möge er in Frieden ruhen!

Der Film startet am 09. März 2006 in den deutschen Kinos.

William Arntz, Mark Vicente: What the Bleep Do We (K)now? (USA, 2005)

2005

Andreas Dresen: Sommer vorm Balkon (D, 2005)

D. J. Caruso: Das schnelle Geld (USA, 2005)

Achero Manas: Noviembre (Spanien 2003)

Peter Jackson: King Kong (USA, Neuseeland 2005)

Daniel Burman: El Abrazo partido (Argentinien / Spanien 2004)

Michael Haneke: Caché (F 2005)

James Mangold: Walk the Line (USA 2005)

Gore Verbinski: Weather Man (USA 2005)

Sam Mendes: Jarhead (USA 2005)

Danny Boyle: Millions (GB 2005)

Aleksandr Rogozhkin: Kukushka (Fin/Russ, 2002)

Robert Rodriguez: Sin City (USA 2005)

Christopher Nolan: Batman Begins (USA 2005)

George Lucas: Star Wars Episode III - Die Rache der Sith


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