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Eine unbequeme Wahrheit


One-Man-Show

Gian-Philip Andreas  

Seit den Erfolgen von Michael Moores Film-Polemiken gegen die neokonservative (Un-)Moral im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist den Filmverleihern bewusst, dass es einen neuen Markt für Dokumentarfilme gibt. Das hat sich nun auch der eigentlich als Spielfilm- und Fernsehregisseur tätige Davis Guggenheim („Tödliche Gerüchte“) zunutze gemacht – und einen der beliebtesten Politiker ins Zentrum seiner Doku gestellt: Al Gore, US-Vizepräsident der Ära Clinton und anno 2000 beinahe dessen direkter Nachfolger (hätte George W. Bush ihn nicht in einer bis heute dubios wirkenden Stimmenauszählung in Florida übertrumpft).

Gore tourt seit Jahren mit einer Multimedia-Diashow durchs Land, in der er seine Zuhörerschaft vor den Gefahren der globalen Klimaerwärmung warnt. „Eine unbequeme Wahrheit“, der Film, ist nicht viel mehr, als eine Show-Dokumentation. Was aber keine Schande ist. Denn der Ex-Vizepräsident gilt spätestens seit den 80er Jahren als ausgewiesener Experte auf dem Gebiet, und in seiner zwischen Sarkasmus, nüchterner Information und aufrüttelnder Ansprache pendelnden Show erlebt man, wie er die oft trockene Faktenfülle mit der gewieften Rhetorik eines erfahrenen Politikers mitreißend und einleuchtend zu vermitteln versteht. Er rekapituliert den Treibhauseffekt, führt die katastrophalen Auswirkungen schmelzender Polkappen mit schockierendem Videomaterial vor Augen, zieht Verknüpfungen vom Versiegen des Golfstroms zu verheerenden Taifunen und Hurrikanen, von denen „Katrina“ wohl nur die vorläufige Spitze des Eisbergs war. Sein Fazit: Wenn der CO2-Ausstoß nicht umgehend drastisch gesenkt wird, und zwar weltweit, nimmt die Katastrophe unausweichlich ihren Lauf.

Zwei Sachen gilt es anzumerken. Erstens ist diese Doku zuvorderst an Amerikaner gerichtet – die, wie Gore fortwährend betont, immer noch für die weitaus meisten CO2-Emissionen der Welt verantwortlich sind, dabei in vielen Bereichen weiterhin die geringsten Umweltstandards besitzen und sowieso das geringste Umweltbewusstsein haben auf der Welt. Während Leute wie Bush senior gegen Gore wettern, er schädige die US-Wirtschaft mit seinen Forderungen nach Umweltstandards, sieht Gore das Problem für die Wirtschaft gerade in ihren international nicht mehr wettbewerbsfähigen Umwelt-Mangelstandards. Wenn „Eine unbequeme Wahrheit“ auch nicht viel mehr ist als ein pädagogischer Ratgeber für das US-Publikum: Er ist dennoch höchst willkommen. Das erklärt auch den pathetischen Tonfall, den Gore spätestens im agitatorischen Finale annimmt.

Ein Problem des Films sind aber die zajlreichen privaten Reflexionen Gores, die immer mal wieder zwischen die Show-Szenen eingestreut werden. Hier inszeniert sich der Profi-Politiker etwas zu sehr als rechtschaffener Vorbild-Amerikaner mit treu-nationalem Farmer-Familienhintergrund, als dass man ihm Werbepropaganda in eigener Sache nicht wenigstens ein wenig vorwerfen dürfte. Auch seine leicht beleidigt wirkenden Seitenhiebe gegen die umweltpolitisch komplett versagenden Bush-Krieger sind taktisch wenig geschickt: Unverbesserliche Republikaner dürften sich sofort abwenden, und so besteht hier wie bei Michael Moore die Gefahr, dass nur für den eigenen Chor gepredigt wird, dass es diejenigen nicht erreicht, die von den Problemen nichts hören wollen. Dies kann man dem Film an sich natürlich nicht vorhalten. Für diesen gilt: Den meisten Zuschauern in Europa wird er nicht viel Neues erzählen, das wenig Neue aber ist in diesem Fall aussagekräftig aufbereitet.

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