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Deutschland. Ein Sommermärchen


WM 2006. Das Homevideo

Gian-Philip Andreas  

Drei Monate ist das „Sommermärchen“ der schwarz-rot-güldenen Fußball-WM nun schon vorbei, drei Monate, in denen Sönke Wortmann, seit „Das Wunder von Bern“ gewiss das Väterchen Nostalgie des deutschen Kinofußballs, über hundert Stunden Material sichten musste, damit er uns nun 107 Minuten lang hinter die Kulissen der deutschen Fußballnationalmannschaft blicken lassen kann. Sieben Wochen lang war er mit Kameramann Frank Griebe („Das Parfum“) ständiger Begleiter des Teams, vom Trainingslager auf Sardinien bis zum triumphalen „Spiel um den dritten Platz“. Wortmann durfte dort sein, wo sonst keiner war: im Hotel, in der Kabine, bei der Doping-Urinprobe. Ein resümierendes Kurzinterview mit Jürgen Klinsmann in Kalifornien, das einen Monat später stattfand, komplettiert die Aufnahmen.

Intim ist der Film deshalb durchaus geraten, und seine emotionalsten Aufnahmen stellt Wortmann direkt an den Anfang: Die schweigende Mannschaft in der Kabine, unmittelbar nach dem Turnier-Aus im Halbfinale gegen Italien. Tatsächlich hätte der Verlauf des Wettbewerbs kaum geeigneter sein können für die Dramaturgie eines Films: Der Rückschlag vor dem „eigentlichen Finale“ im Spiel um den dritten Platz verleiht dem jungen deutschen Team etwas Menschliches, Sympathisches, das es bei einem makellosen Durchmarsch zum Titel vielleicht nicht (so) gehabt hätte. Etwas Neues erzählt der Film allerdings nicht wirklich. Die mitreißenden Spielaufnahmen sind größtenteils den Fernsehbildern entnommen, die man natürlich schon kennt. Auch sind die Erkenntnisse über die Taktik des Teams und die Sichtweise der Trainingsleitung auf die Geschehnisse im Land in zahllosen TV-Berichten schon längst in allen Einzelheiten durchanalysiert worden – sie machen den Reiz dieser Doku nicht aus. Es liegt auch nicht daran, dass Sönke Wortmann bedingungslos mit „seiner“ Mannschaft sympathisiert – kein kritisches Wort fällt über Spieler, Trainer, DFB oder FIFA (die den Film schließlich auch präsentiert), hässliche Episoden wie das Gerangel nach dem Viertelfinale werden nur kurz thematisiert.

Der Reiz liegt eher in den vielen kleinen, scheinbar am Rande entstandenen Szenen, die das Team ohne jede (Selbst-)Inszenierung einfangen und dabei mal erhellend, mal einfach witzig wirken. Wenn Miro Klose bei einer Trendfriseuse sitzt und darum bittet, den Haarschnitt wegen des „headball“ nicht allzu kurz ausfallen zu lassen, etwa. Oder wenn Angela Merkel zu Besuch ins Schlosshotel Grunewald kommt und Thorsten Frings völlig zu spät kommt und mitten in ihre leicht lächerliche Mutmacherrede hineinplatzt. Poldi und Schweini inszenieren sich hingegen als Dünn und Doof des deutschen Ballsports und nehmen mitunter die Kamera auch selbst in Anschlag. Jens Lehmann und Olli Kahn gestehen ihre gegenseitige Distanz, und Lehmann ist es auch, der mit Breitseiten gegen „Bild“ eine der wenigen spitzen Bemerkungen des Films äußert. Der Rest des Films besteht darin, dass Wortmann dem Team chronologisch auf den Fersen bleibt, und die mitreißendsten Momente sind die, in denen Jürgen Klinsmann unmittelbar vor den jeweiligen Spielen den Sieg einfordert: ein schwäbelnder Einpeitscher, der das Positive Thinking von den Amerikanern übernommen hat. Nichts wirkt hingegen grotesker als der Augenblick, in dem Bundespräsident Horst Köhler nach dem verlorenen Halbfinale durch die Kabine wandert und sich mit eingefrorenem Lächeln für das Spiel bedankt. Dafür gehören die Szenen vom „Finale der Herzen“ zu jenen, die man sich wohl auch in Jahrzehnten noch gerne ansehen wird – als beste Erinnerung an ein irgendwie irreales, aber komplettgesellschaftliches Fußballmärchen.

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