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World Trade Center


Durchhaltevermögen

Gian-Philip Andreas  

Nachdem die ersten Reaktionen auf Oliver Stones Film zum Thema 9/11 selbst in den USA eher verhalten gewesen waren und der ewige Querulant und patriotische Amerikabekritteler unter den US-Regisseuren ausgerechnet von der versammelten Rechte von Pat Buchanan bis zur Waffenlobby den größten Applaus erhalten hatte, stellte er unmissverständlich klar: Einen kontroversen Polit-Film habe er gar nicht im Sinn gehabt, ihm ginge es um die Bewährung des Einzelnen im Katastrophenzustand.

Hat man seinen enttäuschenden Film gesehen, fragt man sich, was denn nun am meisten daran enttäuscht: Dass Stone die Möglichkeit verstreichen ließ, sich in einem groß angelegten Film mit Wesen und Hintergründen des längst zum Mythos geronnenen Phänomens 9/11 zu beschäftigen. Oder dass er, wenn man seinen Verzicht aufs Politische schon akzeptiert, so ein mittelmäßiges Desasterdrama daraus gemacht hat. Zwei wackere Männer von der New Yorker Port Authority begeben sich am 11. September 2001 ins bereits klaffende, brennende und rauchende World Trade Center, werden beim Einsturz verschüttet, liegen drei Viertel des Films eingeklemmt und mit inneren Blutungen unter Geröll, reden über Job und Familie und werden am Ende gerettet. Währenddessen werden ihre Angehörigen fast verrückt vor Sorge. Das ist, nicht sonderlich gerafft, der Plot des Films, und ließe man den 9/11-Kontext weg, sähe der Film nicht sonderlich anders aus. Sly Stallone war im Tunneleinsturz-Thriller „Daylight“ auch schon einmal verschüttet – seine Rettungsversuche waren freilich ungleich spannender.

„Der Schmerz ist dein Freund. Wer Schmerzen hat, der lebt noch“, mit diesem Motto aus dem Demi-Moore-Militärerbauungsfilm „Die Akte Jane“ trösten sich Sergeant McLoughlin (Nicolas Cage mit Schnauz, meilenweit entfernt von seiner Top-Leistung in „Weather Man“) und Kollege Jimeno (Michael Pena aus „Million Dollar Baby“) über ihre missliche Lage hinweg. Das erste Drittel des Films überzeugt noch, da lässt es Stone rauchen und krachen, und die Atmosphäre eines im Chaos versinkenden Big Apple überträgt sich gut. Die klaustrophobische Gefangenschaft der Männer ebenso.

Aber dann beginnen die Sentimentalitäten. Während sich unter Tage ein dritter Kumpel (Jay Hernandez aus „Hostel“) heldenhaft die Kugel gibt, streifen im heimeligen Zuhause die (natürlich schwangeren) Gattinnen (eindimensionale Rollen für Maria Bello, die herrlich zynische Lobbyistin aus „Thank you for Smoking“ und die nicht minder tolle Maggie Gyllenhaal aus „Mona Lisas Lächeln“) durch werbelichtglimmende Heimwerkerkeller und lassen in oberkitschigen Rückblenden ihr glückliches Eheleben Revue passieren: Die Knorrfamilie in Kriegszeiten?!

Schlimmer noch: Stone führt einen kantigen Ex-Marine (Michael Shannon aus „The Woodsman“) ein, der wie ein Psychopath durch den Trümmerdunst stiefelt und sich von Gott zum Helfen berufen fühlt, um ihn dann gänzlich ungebrochen zum entscheidenden Retter und späteren Irakkriegs-Helden avancieren zu lassen. Spätestens da hat Stone die Seite gewechselt vom Kritiker zum Befürworter des US-Regierungskurses. Man glaubt es nicht.

Wenn Nic Cage am Ende aus dem Schutt-Dunkel ins Tageslicht emporgehoben wird und alles in Kitsch, (Wieder-)Geburt und Kinderlachen endet, lässt sich diese Reinigung per Katastrophe nur auf eine Weise deuten: Das Böse kann Amerika verwunden, aber Amerika lebt weiter. Letztlich also doch: ein Durchhaltefilm.

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