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Der freie Wille


Wollen sie nicht, was sie tun?

Patrick Wildermann  

In Theo tobt es. Der Mann droht vor unterdrückten Aggressionen schier zu bersten. Was das bedeuten kann, erleben wir gleich zu Beginn. Theo verliert seinen Job als Küchengehilfe in einem kleinen Ort an der Ostsee. Er rastet aus, rast los und vergewaltigt eine junge Frau in den Dünen, was wir in aller brutalen Ausführlichkeit mitverfolgen. Er tut es nicht zum ersten Mal, der finstere Trieb übermannt ihn immer wieder.

Auch neun Gefängnisjahre später, als Theo in die vermeintliche Freiheit entlassen wird und verzweifelt gegen die eigenen Dämonen ankämpft, unterliegt er. In der Einsamkeit der großstädtischen Nächte, umgeben von Werbeplakaten, die Sex verkaufen, verliert er die Kontrolle. Und doch winkt wundersamerweise Hoffnung, als er Nettie (Sabine Timoteo) kennen lernt, eine verwundete Seele, die sich zögernd auf eine Beziehung mit Theo einlässt. Wenn nicht in der Liebe Erlösung liegt, wo dann?

Jürgen Vogel spielt Theo in Matthias Glasners "Der freie Wille". Kein Zweifel, dass er zu den besten deutschen Schauspieler zählt. Und mit welcher Schonungslosigkeit er hier zu Werke geht, ist beklemmend und staunenswert. Vogel hat, wie er sagte, nach den eigenen düstersten Seiten geforscht, und er legt sie offen. Die Radikalität seiner Darstellung erinnert an David Thewlis in "Naked", an Harvey Keitel in "Bad Lieutenant", sie allein macht diesen Film sehenswert. Der Rest aber ist Ratlosigkeit.

Die jüngere neurologische Forschung geht davon aus, dass all unsere Handlungen Nanosekunden später vom Gehirn legitimiert werden – wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun. Auch Regisseur Glasner glaubt nicht an die Selbstbestimmtheit und Schicksalshoheit des Menschen. Sein sarkastischer Titel weist schon darauf hin. Aber was resultiert daraus? Filmemacher mögen die Frage nicht, welches Anliegen sie mit einer Geschichte verfolgen, das Werk soll für sich sprechen. "Der freie Wille" jedoch provoziert nichts als ein stürmisches Schweigen. Seine drastische Gewaltdarstellung erscheint nicht ganz so schocklüstern wie etwa die überlange Vergewaltigungsszene in Gaspar Noels "Irreversible", aber was soll der unabgewandte Kamerablick auf den geschändeten Körper überhaupt bewirken? Für die Fallhöhe der Figur des Theo braucht es ihn nicht. Weshalb erfährt man kaum etwas über diesen Mann, über seine Herkunft, Verletzungen, Sehnsüchte – wirklich nur, um sich klischeegerechten Erklärungsmustern zu entziehen?

Wenn der Mensch ein Tier und Sklave seiner Triebe ist, muss man dann Vergewaltiger, wie von Boulevardmedien gefordert, lebenslang wegsperren, weil sie ohnehin nicht therapierbar sind? Glasner wusste all das auf der Pressekonferenz der diesjährigen Berlinale, wo das Drama von Skandal-Nimbus umweht lief, nicht zu beantworten. Und sein Film ist nicht klüger als er.

Er mündet in einem Passionskitsch aus Ave-Maria-Gesängen und Meeresrauschen, der die behauptete Authentizität des Geschehens endgültig ad absurdum führt. Theo gegen den Rest der Welt.

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