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Poseidon


Wasserspiele im Luxusdampfer

Christian Gertz  

Die typischen Regeln für ein Werk aus dem Genre „Katastrophenfilm“ sind schnell aufgezählt: Ich brauche einen Raum oder ein Transportmittel in dem sich einige Menschen aufhalten, diese Menschen müssen eine mehr oder weniger interessante (Lebens-)Geschichte mitbringen, ich brauche eine Katastrophe, einen spannenden Überlebenskampf und den Verlust von mindestens zwei Charakteren: Davon einen, den das Publikum liebt und einen, den das Publikum hasst – fertig ist der Katastrophenfilm. Regisseur Wolfgang Petersen hat sich mit seinem aktuellen Film an alle Regeln gehalten und schlimmer noch, er hat keine einzige Regel auch nur annähernd verletzt.

Den Regisseuren der Katastrophenfilme aus den 1970ern (der stärksten Zeit des Genres) boten sich zwei Möglichkeiten, eine Nähe zum Geschehen herzustellen. Die eine ist, das Desaster nach hinten zu verlegen und das Publikum in einer Art Vorspann mit den Personen zu konfrontieren, die es dann im Schnelldurchlauf lieben oder hassen lernen musste. Der zweite Weg, das Problem zu lösen, ist der eigentlich spannendere: Er setzt die Katastrophe an den Anfang und lässt die Protagonisten an der Bewältigung wachsen. Petersen entscheidet sich für den sicheren, herrkömmlichen Weg: Wie auf einer großen Party werden hier Hände geschütteltet, dann wird im Stakkato Small Talk geführt, nur dass keine Floskeln ausgetauscht, sondern die Hosen heruntergelassen wurden: Hier der Intrigant, da der Spieler, dort die fremdgehende Ehefrau, dann der jugendliche Held, wiederum der alte Drecksack und so weiter und so fort. Die Dramaturgie des Katastrophenfilms folgt der Bodycount- oder Zehn-kleine-Negerlein-Regel, also muss das Publikum alle Negerlein kennen lernen, um später mit ihnen zu bangen.

Hier lernen wir den smarten Spieler Dylan kennen, der von Josh Lucas dargestellt auch als solcher akzeptiert wird, zu ihm gesellt sich ein blaß agierender Kurt Russel als besorgter Familienvater und ein weit unter seinen Möglichkeiten spielender Richard Dreyfuss, der einen schwulen Architekt gibt. Der Rest der Mannschaft, der sich auf den Weg in die Freiheit begibt - entgegen den Warnungen der Schiffsmannschaft - soll hier unerwähnt bleiben, weil er, streng der Bodycount-Regel folgend, schnell das Zeitliche segnen wird.

Für die rasch folgende Kollision mit der Riesenwelle, die die "Poseidon" um 180 Grad drehen wird, nimmt sich der Regisseur quälend viel Zeit, jeder Wasserpartikel wird gezeigt, und was in und auf einem Riesenschiff passiert, das umgeworfen wird, lässt sich minutiöser kaum zeigen. Dass aber nicht nur der Luxusliner, sondern der komplette Film Schiffbruch erleidet, schuldet sich Petersens Unvermögen, die Szenen dramaturgisch sauber zu verknüpfen. Zudem ist das Drehbuch mit Dialogzeilen wie: "Ich weiss nicht, was passiert ist, aber wir sind von einer seltenen Riesenwelle getroffen worden und nun ist das Schiff gekippt" so schlecht, dass selbst ein erfahrener Seebär wie Wolfgang Petersen nicht mehr viel retten kann. Wer bei den unzähligen logischen Fehlern und weiteren aberwitzigen Dialogzeilen ganz genretypisch ein Auge zudrücken kann, der wird sich vielleicht noch durch die beeindruckenden CGI-Effekte begeistern lassen können. Alle anderen, und auch die Wolfgang Petersen Fans, werden hoffen, dass das nächste Projekt des Regisseurs – die Verfilmung des mehrfach ausgezeichneten Science-Fiction-Romans „Ender’s Game“ von Orson Scott Card – mit mehr Verve inszeniert wird und deshalb mehr Erfolg verspricht.

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