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Das Leben der Anderen


Ostalgie ade!

Gian-Philip Andreas  

Nachdem die DDR im deutschen Kino bislang vorwiegend als schrullig-putziges Ostalgie-Museum um schusselige Volkspolizisten, Spreewaldgurkengläser und kuriose Inneneinrichtungen Abbildung fand, scheint sich das momentan zu ändern: Neulich bereits mussten sich die Dresdener Rock-&-Roller im „Roten Kakadu“ zur Zeit des Mauerbaus zwischen Flucht und Systemtreue entscheiden – allerdings überwog auch in Dominik Grafs Zeitporträt das Komische. Ganz anders sieht das nun aus in „Das Leben der anderen“, gedreht von einem bislang kaum bekannten Westdeutschen namens Florian Henckel von Donnersmarck. Hier lebt der Arbeiter- und Bauernstaat als ebenso muffige wie bedrohliche Stasi-Überwachungshölle wieder auf, die so gar nichts Possierliches mehr hat.

In der Hauptrolle glänzt Ulrich Mühe („Schneeland“), der seinerzeit selbst von Theaterkollegen bespitzelt wurde. Er spielt den Vorzeige-Agenten Hauptmann Gerd Wiesler, einen Stasi-Schergen, wie man ihn sich linientreuer und systemkonformer kaum vorstellen könnte. Angesetzt wird er 1984, in den letzten Zügen des Sozialismus, auf den Theaterdichter Georg Dreymann, der weniger wegen systemkritischer Schriften auffällt als durch seine schöne Geliebte. Auf diese Christa-Maria Sieland hat nämlich der feiste DDR-Minister Hempf ein lüsternes Auge geworfen, und so käme es ihm sehr zupass, wenn man Dreymann irgendwas anhängen könnte, sei es auch etwas Erfundenes. Wiesler verwanzt die Wohnung des schreibenden Schöngeists, der sich tatsächlich bald von einer Gruppe Dissidenten zu gewagten Unternehmungen hinreißen lässt (zum Beispiel zum Verfassen kritischer Artikel für den westdeutschen „Spiegel“), und sitzt fortan des Nachts auf dem Dachboden, um alle Vorkommnisse in der Dreymann-Wohnung akribisch zu protokollieren, bis hin zum „vermutlichen Geschlechtsverkehr“. Doch nach und nach – und es ist sehr staunenswert subtil inszeniert, wie sich das entwickelt! – scheint Wiesler dem Reiz des Freidenkens zu erliegen, und am Ende nimmt er Handlungen vor, die man seinem Charakter zu Beginn des Films nicht einmal ansatzweise zugetraut hätte.

Fast ein wenig zu düstergrau-metallicblau zeigt Donnersmarck die DDR in diesem Film, aber der soghaften Wirkung dieser Mischung aus Politkrimi und Charakterdrama kommt die Stilisierung wiederum sehr entgegen. Man könnte dem Film ein gewisses Wegducken vor den politischen Abgründen vorhalten, weil die Spitzeleien und Schikanen, im Jargon: „Zersetzungen“, um die es in ihm geht, bloß durch ministeriale Eifersucht motiviert sind. Das ist aber nicht richtig, denn dadurch zeigt sich ja gerade die besondere Piefigkeit dieser untergegangenen Diktatur, die stumpfe Willkür eines Clubs der Mächtigen, der den real-existierenden Sozialismus zum eigenen Vorteil gekapert hat. Psychologisch und dramaturgisch geht hier alles in die richtige Richtung, auch wenn Wieslers Figurenentwicklung am Schluss etwas arg deutlich in Richtung Filmpreisverleihung schielt. Das Ensemble ist vorzüglich: Fernsehstar Sebastian Koch („Speer und er“), der im Kino zuletzt das „Fliegende Klassenzimmer“ beehrte, bildet als dichtender Freigeist einen gelungenen Widerpart zu Mühes verkniffenem Stasimann. Martina Gedeck („Elementarteilchen“) als Christa-Maria setzt ihre sehenswerten Kinoauftritte bruchlos fort, Ulrich Tukur („Solaris“) ist umwerfend als gnadenlos opportunistischer Oberstleutnant Grubitz, und Theater-Routinier Thomas Thieme spielt den Minister Hempf ähnlich wie zuletzt den Bormann im „Untergang“: als fettes, fieses Arschloch. Florian Henckel von Donnersmarck ist hier ein Markstein des deutschen Politkinos gelungen, eine historische Aufarbeitung ohne falsche Rücksichten und Verschleierungen, deren Brisanz und Wichtigkeit man gar nicht hoch genug einschätzen kann. Und auch als Thriller überzeugt der Film.

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