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Walk the Line


"Hallo, ich bin Johnny Cash!"

Christian Gertz  

Er ist nervös. Und sein Publikum im Gefängnis von Folsom Prison tobt. Er ist einer von ihnen, das wollen ihm die mitklatschenden Insassen jetzt und hier mitteilen. Im Hintergrund stimmt die Band einen seiner größten Hits an – Walk the Line. Der Rhythmus geht unter die Haut. Eine großartige Exposition. Mit dieser Szene, einem Wendepunkt im Leben seiner Hauptfigur, eröffnet Regisseur James Mangold die filmische Biographie über den Country-Star Johnny Cash. Sogar seinem Sohn, John Carter Cash, der den Film mitproduziert hat, soll diese Szene am besten Gefallen haben. Sie wirke so authentisch, wurde er zitiert.

Doch der Film hat weit mehr zu berichten als große Auftritte bei unvergesslichen Konzerten eines schillernden Sängers. Das alles und noch viel mehr erfährt der Zuschauer nach einem Zeitsprung in das Jahr 1940 - einem weiteren Wendepunkt im Leben von Johnny Cash. Cash ist acht Jahre alt und in wenigen Filmminuten wird er seinen geliebten älteren Bruder verlieren, der nach einem Unfall an einer Säge seinen Verletzungen erliegt. In diesen Sekunden kommt einem Taylor Hackfords Film „Ray“ in den Sinn. Denn Walk the Line weist verblüffend viele Parallelen zu dem mehrfach Oscar®-prämierten Biopic über das Leben von Ray Charles auf. Auch Ray Charles hatte früh seinen Bruder verloren, auch er hatte lange mit Drogenproblemen zu kämpfen. Zufall? Zumindest wird der große Erfolg von „Ray“ dem Film von Mangold einen guten Weg geebnet haben.

Destilliert man beide Filme auf ihr Grundgerüst, reduziert sich die Zahl der Parallelen. Zum einen wurden sie unabhängig voneinander entwickelt. In "Walk the Line" gab das Ehepaar Cash selbst bereits in den frühen 90er Jahren den Anstoß zu diesem Projekt. Und mit ihrer Geschichte steht nicht wie in "Ray" der Konflikt eines Musikers mit seiner „Behinderung“, sondern die tiefe Liebe eines verheirateten Menschen zu einer Kollegin im Vordergrund. Regisseur James Mangold stellt deshalb ganz bewusst die Zeitspanne von 1953 bis 1968 im Leben seines Stars in den Vordergrund. Während der ersten Tour von Cash mit seinen Mitstreitern Jerry Lee Lewis, Elvis Presley und Roy Orbison, lernt er seine große Liebe kennen – June Carter, herausragend verkörpert durch Reese Witherspoon. Die Entstehung dieser Liebe bildet die einzige Konstante in diesem von Aufs und Abs, Rückschlägen und Erfolgen geprägten Leben des Johnny Cash. Somit ist es auch die einzige Konstante im Film. Eine große Parallele zu „Ray“ kommt dem Zuschauer nach fesselnden 136 Filmminuten dennoch sofort in den Sinn: Über Erfolg und Misserfolg einer filmisch umgesetzten Biographie entscheidet zu aller erst der Hauptdarsteller, der die Figur verkörpert. Sein Spiel trägt maßgeblich zum Gelingen eines Biopic bei. Und da haben beide Filme, „Ray“ mit Jamie Foxx und „Walk the Line“ mit Joaquin Phoenix ein großes Los gezogen. Selten hat man eine beeindruckendere Leistung mit der Verköperung eines Musikers auf der Leinwand gesehen wie in diesen Filmen. Als Joaquin Phoenix im Jahr 2003 zum ersten Mal auf Johnny Cash traf, soll Johnny Cash vor allem eins gewesen sein – sehr nervös. Manchmal ist nur das Leben selbst noch größer als der Film.

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